Jörg Rowohlt Geschrieben am 13 Januar, 2014

Zwischenruf des Personalrats des Anhaltischen Theaters Dessau

Ludwig BarnayBeim Neujahrsempfang der Stadt Dessau-Roßlau, der am 12. Januar 2014 im Anhaltischen Theater stattfand, wandte sich der Personalrat des Hauses mit einem Zwischenruf an die Stadträte. Wir dokumentieren diesen Zwischenruf im folgenden. Die Vorgeschichte findet sich u. a. hierhier und hier.

Das ist ein Zwischenruf
des Personalrates des Anhaltischen Theaters!

Offener Brief an den Stadtrat der Stadt Dessau-Roßlau

Sehr geehrte Stadträte,

die vergangenen Wochen waren für das Anhaltische Theater überaus erfolgreich. Der Zuspruch allein im „Kerngeschäft“ war enorm! Dessau ist nach wie vor ein wirklich besonderer Theaterstandort!

Leider hat die besinnliche Zeit nicht zur Besinnung im Kultusministerium geführt. Nach wie vor vertröstet der Kultusminister die Verwaltungsspitze dieser Stadt mit Versprechen auf eventuelle Millionen aus dem Strukturfond, wenn die vorgegebenen Strukturveränderungen schnell vollzogen werden.

Das heißt: die Zerschlagung des Vierspartenhauses, die Preisgabe des Balletts und des Schauspiels, das Bestehen auf betriebsbedingte Kündigungen von ca. 90 Beschäftigten. Die Nichtverlängerung des Vertrages des derzeitigen Generalintendanten wird wohl insgeheim auch Bestandteil der Erwartungen von Herrn Dorgerloh gewesen sein.

Das solidarische Prinzip, dass dieses Theater seit Jahren erhält, soll der Vergangenheit angehören. Es soll ein Keil in die Belegschaft getrieben werden, und zwar zwischen diejenigen, die vorerst bleiben dürfen und die Aussortierten, welche gehen müssen. Sie und ihre Familien verlieren ihre Existenz und werden vorerst oder auch länger Sozialleistungen in Anspruch nehmen müssen. Durch Werkverträge, so unter anderem ein Vorschlag im „Dessauer Modell – Musiktheater“ angedacht, können sie nur mit minimalem Einkommen rechnen. So wird aktiv Abwanderung gefördert.

Es scheint, alle Wünsche Herrn Dorgerlohs seien bald erfüllt. Sie, Herr Oberbürgermeister, lassen derzeit in keinem Interview die Bemerkung fehlen, dass Ballett und Schauspiel im Ensemble keine Zukunft mehr haben, als wäre es bereits beschlossene Sache. Doch noch gibt es keinen Stadtratsbeschluss zum Spartenabbau.

Sehr geehrte Stadträte!

Sie haben es in der Hand und Sie haben die Verantwortung für ein Theater, welches eine Tradition beherbergt, die Sie mit den geplanten Einschnitten vernichten würden. Die Erfahrungen der letzten 25 Jahre bei Kürzungen und Entlassungen an Theatern, gerade in Ostdeutschland, zeigen, dass die Abwärtsspirale dann nicht mehr aufzuhalten ist. Es geht um die Existenz der langen, geschichtsträchtigen Theatertradition in Anhalt! Keine 25 Jahre nach der Eröffnung der Lindenoper durch Friedrich den Großen in Berlin gründet Fürst Leopold Friedrich Franz die Hofkapelle. Mozart war zehn Jahre alt, als das Orchester gegründet wurde. Am 11. August 1794 erklang hier „Die Zauberflöte“, nur drei Jahre nach Mozarts Tod. Das ist jetzt 220 Jahre her.

Der derzeitige Kultusminister ist noch max. 26 Monate im Amt! Soll er in dieser kurzen Zeit dieses Erbe derart beschädigen dürfen? Kurzsichtig und besessen von der Musealisierung der Kultur in Sachsen-Anhalt? Es ist allein die Starrsinnigkeit des Kultusministeriums, die diese Theatertradition zerschlagen will. Die Mitarbeiter dieses Hauses sollen dafür büßen, die Bürger Dessau-Roßlaus werden missachtet, eine ganze Region wird weiter abgekoppelt. Kein Kompromissangebot, keine Wahrnehmung der Bedeutung für Stadt und Region. Dem darf man sich nicht unterwerfen! Wollen Sie wirklich auf das unmoralische Angebot des Strukturfonds eingehen, Geld für Existenzvernichtung und Traditionszerstörung? Nie wieder Goethes „Faust“ oder Lessings „Nathan der Weise“ vom Dessauer Ensemble. Kein Ballett mehr wie „Amadeus“, nie wieder „Westsidestory“ oder „Cinderella“?

Sie, Ihre Eltern und Ihre Großeltern sind wie selbstverständlich in Ihr Theater gegangen. Das soll ihren Enkeln und Urenkeln nicht mehr vergönnt sein?

Die Mitarbeiter des Anhaltischen Theaters sind der Stadt Dessau-Roßlau schon in den letzten Jahren mit Umsicht und Realitätssinn weit entgegen gekommen! Lassen Sie sich nicht durch den Strukturfond erpressen, bietet Sie ein attraktives, vielfältiges Theater mit allen Sparten im Ensemble an.

Herzlichen Dank für ihre Aufmerksamkeit!

Neujahrsempfang
Foto: Claudia Heysel

Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken

Kategorien

Archive