Jörg Rowohlt Geschrieben am 27 Januar, 2016

Zuschauerstudie in Braunschweig

Ludwig BarnayEine Studie der FU Berlin im Auftrag des Staatstheaters Braunschweig hat untersucht, warum Menschen nicht ins Theater gehen. Hierzu wurden in einer repräsentativen Befragung mehr als 1.000 Menschen aus allen Bevölkerungs- und Altersschichten in sieben Städten und Landkreisen der Region Braunschweig interviewt. Ergebnis: Nur 2% der Befragten kannten das Staatstheater Braunschweig nicht, 66% hatten es bereits besucht und 25% der Befragten gaben an, dass ihr letzter Besuch maximal 1 bis 2 Jahre zurück lag.

Bei den Besuchern deren letzter Besuch maximal 1 bis 2 Jahre zurück lag, waren im Durchschnitt ältere Besucher zwischen 61 bis 70 Jahren, aber auch jüngere Besucher bis 40 Jahre stärker vertreten. Häufiger als andere Befragte waren diese Akademiker oder Studenten und vergleichsweise viele hatten Migrationshintergrund, besonders oft in der so genannten „dritten Generation“.

Je länger der letzte Besuch her war, desto größer war der Anteil älterer Menschen und der Bildungsgrad nahm ab. Mit zunehmendem Alter lag nicht nur der letzte Besuch im Staatstheater länger zurück, sondern die Befragten unternahmen auch sonst weniger Kultur- und Freizeitaktivitäten. Eine Ausnahme war die Gruppe, deren letzte Besuche 6 bis 10 Jahre zurücklagen. Hier standen viele Befragte kurz vor oder am Beginn des Rentenalters und unternahmen zumindest gelegentlich Hochkultur- und Freizeitaktivitäten.

Bei den Noch-Nie-Theaterbesuchern war die Altersgruppe von 21 bis 30 Jahren stark vertreten, viele Befragte hatten mittlere Reife und überdurchschnittlich viele waren abhängig beschäftigt. Die Freizeitaktivitäten konzentrierten sich auf Shopping, Kino sowie Sport- und Großveranstaltungen.

Unter den vom Staatstheater direkt steuerbaren Ansatzpunkten für mehr Besuche wurden von den Befragten niedrigere Preise am häufigsten genannt. Die Preiswahrnehmung scheint aber höher zu sein als das tatsächliche Preisniveau, denn der Preis für eine Theaterkarte wurde viel höher eingeschätzt, als er durchschnittlich ist.

Wünsche nach zeitgemäßeren Inhalten und Ästhetiken einerseits und nach klassischeren Programmen und Inszenierungen andererseits hielten sich die Waage. Beide Gruppen nannten aber unterhaltungsorientierte Wünsche (Musical, Comedy, Krimi).

32 Prozent, so hat die Befragung ergeben, waren noch nie im Staatstheater Braunschweig. „Viele der Nicht-Theaterbesucher empfinden das angebotene Programm elitär und stoßen sich am Konzept des Theaters an sich“, sagt Studienleiter Müller. Diese Noch-Nie-Besucher gaben häufig an, dass sie nicht beurteilen könnten, welche der vorgeschlagenen Eigenschaften auf das Staatstheater zutrafen, waren aber dennoch oft der Meinung, dass das Staatstheater weder für das eigene Leben, noch für die Stadt Braunschweig von Bedeutung wäre.

Aus den Ergebnissen lässt sich ableiten, was das Theater tun könnte, um Skeptiker zu motivieren. Wichtig ist laut Müller „in die Stadt hineinzuwirken, auf möglichst viele Weisen klarzumachen, dass das Haus für alle ist.“

In den Sparten Zeitgenössischer Tanz oder Schauspiel konnte das Staatstheater Braunschweig ein überdurchschnittlich junges Publikum gewinnen. Auch Gastspiele außerhalb des Stammhauses oder ungewöhnliche Inszenierungen im Stadtraum sorgen beim Braunschweiger Theater bereits für viele Besucher.

Intendant Joachim Klement will die neue Studie zum Anlass nehmen, über noch stärkere Bemühungen um Zuschauer nachzudenken. „Wir müssen auch etwas dafür tun, gerade bei Menschen, die länger nicht bei uns waren, die dann sagen, sie haben den Eindruck, das Theater sei nicht zeitgemäß“, sagt er.

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