Jörg Löwer Geschrieben am 28 März, 2013

Welttheatertag danach: GmbH und Künstlergagen

Ludwig BarnayWir leben in einer hysterischen Welt: Globale Krise, Umweltkrise, Finanzkrise, Zypernkrise, Theaterkrise, Sinnkrise. Je nach Standpunkt ist „die Krise“ eine akute Hysterie der Menschheit oder die tatsächlichen Krisen hysterisieren die Menschen.

Und gestern war Welttheatertag.

In seiner Grußbotschaft benennt Dario Fo in Anlehnung an den Exodus der Commedia dell’Arte-Schauspieler im Jahrhundert der Gegenreformation seine Lösung der Krise – und schreibt dies hoffentlich nur als Fosche Provokation:

„Die einzige Lösung für die Krise ist deshalb die Hoffnung, dass auf uns, vor allem aber auf die Jungen, die die Kunst des Theaters erst noch erlernen wollen, eine große Jagd eröffnet wird: eine neue Diaspora der Komödianten, die aus dieser Zwangslage ganz sicher unvorstellbaren Nutzen für ein neues Theater ziehen wird.“

Auch wenn die Krise in Italien dramatische Auswirkungen hat (hier nachzulesen in unserem Blog), kann man nicht ernsthaft der Meinung sein, dass die Verfolgung der Theaterschaffenden der Königsweg für eine Weiterentwicklung des Theaters an sich ist.

In Deutschland sind wir (noch) weit von den Krisen in Italien und anderswo entfernt, trotzdem drohen auch hier Theater und Aufführungsorte verloren zu gehen – und damit Orte für ein auskömmliches Leben von KünstlerInnen. Die Situation am Volkstheater Rostock (mehr hier, hier, hier und hier in unserem Blog) steht beispielhaft für viele Theater, die ihrer auskömmlichen Finanzierung durch die öffentliche Hand zunehmend verlustig gehen. Überschuldete Kommunen und strukturschwache Regionen mit schrumpfender Bevölkerung können und/oder wollen sich ihre traditionsreichen Theater nicht mehr leisten und setzen die Spar-Axt an Etats, die schon seit einiger Zeit unter Druck stehen.

Stefan Rosinski, kaufmännischer Geschäftsführer am Volkstheater Rostock, hat nun in einem beeindruckenden Text auf nachtkritik.de dargelegt, wie sich die Politik als Rechtsträger der öffentlichen Theater durch die  Umwandlung in GmbHs aus der kulturpolitischen Verantwortung stiehlt:

„Vor diesem Hintergrund muss man sich fragen, ob die Privatisierungswelle öffentlicher Leistungen wirklich eine Privatisierung ist. Oder nicht vielmehr ein besonders effektives Mittel zur Steuerung bei gleichzeitiger Delegation von Verantwortung und Haftung. (…)

Dass dennoch ein substantieller Einsparbeitrag der Theater erwartet wird, zeigt, wie der Staat offenbar immer weniger bereit ist, sogenannte „freiwillige“ Aufgaben zu übernehmen. Vielleicht will er sie gerade deshalb zunehmend strikter kontrollieren und die Haftung für ein Misslingen Dritten auferlegen. Und dafür eignet sich der Status einer GmbH offenbar hervorragend. (…)“

Er rückt die generelle Kritik am Betrieb Theater mehrfach in einen globalen Zusammenhang:

„Im Kern jedoch ist es die Krise der deutschen Städte und Kommunen als maßgebliche Rechtsträger der Stadttheater, die zur Krise der Betriebe wird. Rechtsformänderungen, Leistungsvereinbarungen und Haustarife doktern an Symptomen herum, deren Ursache von den Kulturbeschäftigten selbst nicht beeinflusst werden kann. Das strukturelle Defizit kommunaler Haushalte ist eine Setzung, die sich angesichts des Verfassungsrangs der Schuldenbremse verschärft. (…)

Die Externalisierung und Flexibilisierung der Arbeit durch das globale Wachstumsregime spiegelt sich in den selbständigen Künstlerexistenzen, die ihre zwiespältige Freiheit von der Sozialversicherungspflicht als „Flexibilisierung von Produktionsformen“ bewerben. (…)

Vielmehr haben wir allen Grund, uns vor uns selbst zu fürchten und kritische Reflexe darauf zu entwickeln, in welchem Maß unsere Arbeitsbedingungen bereits Logiken reproduzieren, deren Wirkung wir bei allem Künstlertum sträflich unterschätzen.“

Und hier schliesst sich der Kreis zu einer aktuell für Medienaufmerksamkeit sorgenden Facebook-Seite mit dem Namen „Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionerlebnisse“. Je nach Standpunkt handelt es sich bei dieser Seite um eine öffentliche Klagemauer, einen Internetpranger oder um eine Bewegung, die sich für gerechte Arbeitsbedingungen von KünstlerInnen einsetzt. Die Seite will Beispiele ungerechter Gagen- und Auditionbedingungen sammeln und hofft, durch deren Veröffentlichung eine Änderung herbeizuführen. Die Seite ruft mit teils prominenter Unterstützung zur „Revolution der Künstler“ auf und plant die Gründung eines internationalen Künstler-Interessenverbandes.

Natürlich könnte man dies mit vielen Argumenten zunächst als naiv abtun:

  • Wie werden die Beispiele geprüft?
  • Wie will man die sehr unterschiedlichen Bereiche und Berufsgruppen (u.a. Darsteller, Autoren, Journalisten, Grafiker, Musiker, Bühnen-/Filmtechniker) unter einen Hut bringen?
  • Wie will man dies bei nationaler Gesetzgebung international organisieren?
  • Wie geht man damit um, dass die angeprangerten Zustände nicht auf den Kunstsektor beschränkt sind, sondern viele andere Arbeitsbereiche betreffen und damit Ausdruck einer globalen Wirtschaftsordnung sind?
  • Und warum werden die beteiligten KünstlerInnen nicht Mitglied in der Vielzahl von Verbänden, die sich um ihre Belange kümmern?

Nichtsdestotrotz ist diese Facebook-Seite natürlich Ausdruck einer real existierenden Not von KünstlerInnen, die häufig weit vor anderen Berufsgruppen unter Arbeitsbedingungen leiden, die durch Wirtschaftskrisen oder die Ökonomisierung aller Lebensbereiche verursacht werden. Befristete Verträge, drohende Altersarmut bei Selbständigen, sinkende Löhne, fehlende Arbeitsplätze: KünstlerInnen sind Seismographen, die Krisen früher als andere am eigenen Leib erfahren. Die „freiwillige“ Leistung Kunst halten Regierungen und Wirtschaftsfanatiker allzuoft für verzichtbar, wenn Sparpakete verabschiedet werden.

Der Beitrag von Stefan Rosinski und die Beiträge der Nutzer der Facebook-Seite beschreiben zwei Seiten der gleichen Medaille. Es wäre zu wünschen, dass alle Beteiligten erkennen, dass sie häufig in einem Boot sitzen. Ohne Orte, die Theaterschaffende angemessen beschäftigen, bleibt ein fahrendes Volk übrig, das von den Brosamen leben muss, die die kommerzialisierte Gesellschaft vom Tisch fallen lässt.

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