Jörg Rowohlt Geschrieben am 11 März, 2016

Volkstheater Rostock: Existenzbedrohendes Chaos

Ludwig BarnayDer Streit um das Rostocker Volkstheater spitzt sich weiter zu. Zwischenzeitlich drohte die völlige Handlungsunfähigkeit und die Situation erinnert an eine schlechte Soap im Privatfernsehen. Alle Beteiligten müssen jetzt an einem Strang ziehen, um das unwürdige Schauspiel zu beenden.

Nachdem Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) angekündigt hatte, die Sparten Schauspiel und Tanz abzuschaffen bzw. auszulagern (Bühnengenossenschaft 3/16), präsentierte der kauf­männische Geschäftsführer Stefan Rosinski ein dazu passendes „Hybrid“-Modell – Rosinski wechselt im Sommer allerdings ohnehin nach Halle. Nach seinem Plan würde das Sprechtheater-Programm in Rostock nur noch zum kleineren Teil aus Eigenproduktionen bestehen, stattdessen vor allem aus Koproduktionen und Gastspielen; es gäbe nur noch etwa vier feste Schauspieler. Die Sparte Tanz soll eine Landes-Tanzkompanie bespielen.

Der Intendant Sewan Latchinian, an dessen Seite Rosinski lange gestanden hatte, wurde kurz danach Anfang März für mindestens vier Wochen krankgeschrieben. Ob er überhaupt zurückkehrt, darüber wird in Rostock und in den sozialen Netzwerken spekuliert. Sybille Bachmann, Fraktionsvorsitzende von Rostocker Bund/Graue/Aufbruch 09 in der Bürgerschaft, habe, so ist Medienberichten zu entnehmen, Latchinians Büro inspiziert: „Da gibt es keinen Zettel mehr, keine Bücher, keine Bilder, nichts. Das ist kein Aufräumen oder Frühjahrsputz, sondern ein kompletter Aus­zug.“ Zuvor hatte sie für ihren Antrag einer gütlichen Einigung mit Latchinian keine politische Mehrheit gefunden.

Kurz darauf meldete sich auch der kaufmännische Geschäftsführer Rosinski krank. Das Volkstheater ist damit endgültig handlungsunfähig und erst recht insgesamt in seiner Existenz bedroht. Denn zu einer Zeit, in der die meisten anderen Theater ihre Spielzeitplanung 2016/2017 bereits veröffentlichen, liegt in Rostock der Planungsstand bei gerade einmal 3 Prozent, so die örtliche Ostseezeitung. Auch Aufsichtsratschefin Eva-Maria Kröger (Linke) sprach von einer „Lähmung“, weil die Planungen massiv in Verzug seien.

Hintergrund der Krankheitswelle könnten sicherlich die politischen Pressionen sein, denen die Theaterleitung vom Kultusministerium aus Schwerin und aus dem eigenen Rathaus ausgesetzt ist. Allerdings sind davon nicht bloß Intendant und Geschäftsführer betroffen: Die Beschäftigten des Volkstheaters leben schon seit Jahren mit mehr oder weniger offen ausgesprochenen Kürzungsplänen von Politikern und anderen Experten.

Aufgrund der drohenden Handlungsunfähigkeit hat OB Methling am 10. März seinen Finanzsenator Chris Müller und den Chef der Rostocker Versorgungs- und Verkehrs-Holding Steffen Knispel zu Interimsgeschäftsführern berufen – und sich gegen eine hausinterne Lösung entschieden. Nun muss sich noch irgendjemand finden, der das Theater auf die kommende Spielzeit vorbereitet.

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