Jörg Löwer Geschrieben am 17 März, 2011

Transition in Deutschland: Interview mit der Vorsitzenden der Stiftung TANZ – Transition Zentrum Deutschland

Transition ist im Berufsleben von Bühnentänzern unvermeidlich.
Tänzerinnen und Tänzer müssen sich, im Unterschied zu vielen anderen Berufsgruppen, nach einer relativ kurzen aktiven Zeit auf der Bühne beruflich neu orientieren. Jeder professionelle Tänzer wird daher mit Umschulung und Weiterbildung (Transition) konfrontiert. Und so bestimmen während und am Ende der Karriere oft Zweifel, Unsicherheit und große Leere das Leben der Tänzer. Was kommt danach? Wer hilft im Dschungel der Institutionen und Paragraphen?

Sabrina Sadowska ist Mitbegründerin und Vorsitzende der „Stiftung TANZ – Transition Zentrum Deutschland“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Prozess hilfreich zu begleiten. Sie erhielt ihre Ausbildung als Tänzerin und Ballettpädagogin in ihrer Heimatstadt Basel. Es folgten Engagements am Theater Trier, Stadttheater Bremerhaven und Opernhaus Halle. Gemeinsam mit Ralf Dörnen leitet sie seit 1997/98 als Ballettmeisterin und seit 1999 als stellv. Ballettdirektorin das BallettVorpommern(Greifswald/ Stralsund/ Putbus). Als Choreographin für Schauspiel und Musiktheater ist sie seit Jahren an mehreren Theatern tätig. Weitere Engagements: Jurymitglied für Förderstipendien Tanz des Migros Kulturprozent (Schweiz), Kuratoriumsmitglied und Organisationsleitung des Festival Tanztendenzen, Kuratorin Schloss Bröllin e.V., Präsidiumsmitglied der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterkonferenz (BBTK), Leitung der AG „Transition und soziale Aspekte“ des Dachverband Tanz Deutschland – Ständige Konferenz e.V. Sabrina Sadowska ist außerdem seit vielen Jahren Mitglied der GDBA.

Jörg Löwer: Zuerst möchten wir der „Stiftung TANZ  – Transition Zentrum Deutschland“ zur Anschlussförderung durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) für 2011 gratulieren, nachdem die Förderung durch den Tanzplan ausgelaufen war. Was bedeutet das für die Stiftung?

Sabrina Sadowska: Wir sind sehr glücklich, dass es mit der Anschlussfinanzierung über das BKM geklappt hat. In einer ganz sensiblen Anfangsphase ist nun ein weiteres wichtiges Jahr Aufbauarbeit für die Geschäftsstelle und ihren Service – Beratung und Unterstützung für alle Tänzer/-innen vor und während ihrer ‚Transition‘ – gewährleistet. Jeder Tanzschaffende bringt mit seinem individuellen Anliegen neue Herausforderungen und durch die Vernetzung mit allen für Transition relevanten Institutionen und Ministerien gibt es neue Erfahrungswerte, die von außerordentlichem Wert sind. Endlich können alle für Tänzer relevanten Instrumente gesammelt, erforscht und gebündelt werden, um in Zukunft einen reibungslosen Übergang zu ermöglichen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich so intensiv für das Thema Transition eingesetzt haben?

Die tägliche Arbeit mit Tänzern und Tänzerinnen zeigte mir, dass es endlich eine Anlaufstelle für alle Anliegen, die ‚Transition‘ beinhalten, geben muss. Für viele meiner ehemaligen Kollegen und Kolleginnen waren die Zustände nach der aktiven Karriere oft unerträglich, angefangen von der Hilfslosigkeit gegenüber dem Sachbearbeiter der BA bis hin zu Rechtsstreitigkeiten mit den Unfallkassen nach einem Arbeitsunfall. Ganz zu schweigen von dem Verlust des sozialen Umfelds, was in manchen Fällen zu Vereinsamung und sozialem Abstieg führte.

Welches Angebot kann die Stiftung momentan interessierten Tänzerinnen und Tänzern machen?

Unsere Projektleiterin, Heike Scharpff, bietet Information und Beratung per Telefon, Korrespondenz oder einem persönlichen Gespräch sowohl in Berlin wie auch in Frankfurt, Düsseldorf oder Hamburg an. Sie hilft bei Problemen mit Ämtern, bei der Suche nach dem richtigen Beruf danach und hilft den Weg der Finanzierung aufzuzeichnen. Die Stiftung unterstützt bei Bedarf die Begleitung durch einen externen Coach. Das nächste Ziel ist die Vergabe von Stipendien für Weiterbildung.

Und welche Angebote wären für die Zukunft wünschenswert?

Wir sind bestrebt, über Fundraising und Vernetzung ein Angebot an Stipendien für Schulgeld, Kursgebühren, Unterhalt, Fahrtkosten, Kinderbetreuung u.a. ganz im Sinne des Stiftungszweckes zu vergeben, um Tänzer- und Tänzerinnen ohne Bafög-Anspruch zu unterstützen.

Die Strukturen für Weiterbildung oder auch die Regelungen zum Erhalt von BAföG schließen Tanzschaffende in vielen Fällen aus. Können Sie uns Beispiele geben?

Ein grundsätzliches Problem stellt die Finanzierung der zertifizierten Bildungsgutscheine auf max. 24 Monate dar. Viele für Tänzer/-innen attraktive Berufe im Gesundheitssektor wie z.B. Physio- oder Ergotherapeut, benötigen eine 3-jährige Ausbildung. Sie werden aber nur zwei Jahre oder – wie Pilates und Yoga – gar nicht über das Weiterbildungsprogramm der Bundesagentur für Arbeit finanziert. Teils sind sie auch aus Spargründen innerhalb der BA gar nicht in das Zertifierungsprogramm aufgenommen oder wieder rausgefallen. In manchen Bundesländer gibt es Träger, die das dritte Jahr der Weiterbildung finanzieren. Dies wissen aber die wenigsten. Wer studieren will und BAfög beantragt, muss die Altersgrenzen beachten und darf keine Erstausbildung – wie z.B. die Tanzausbildung – bereits über BAfög finanziert haben.

Die GDBA setzt sich besonders für die Pflichtversicherung von Tänzer/innen in der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen ein, um eine soziale Absicherung durch die Tänzerabfindung oder die Zusatzrente im Alter zu gewährleisten. Wie sehen Sie die diese Einrichtung?

Als ich noch in der Ausbildung war, hat die Schweiz damals ihre Bürger aufgefordert, für die Rente neben der Pensionskasse des Betriebes die dritte Säule anzulegen, da die staatliche Rente nicht ausreichen würde. Inzwischen hat auch die Bundesregierung in Deutschland auf Grund der demographischen Bevölkerungsentwicklung bekanntgegeben, dass die staatliche Rente im Alter zur Grundsicherung nicht ausreichen wird und deshalb die Bürger aufgefordert, über Riester, Lebensversicherung, Wohneigentum, Spareinlagen u.a., die Versorgungslücke in der Rentenfinanzierung auszugleichen. Somit sehe ich die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen als entscheidendes Instrument, um auch bei Tänzern/-innen Altersarmut zu vermeiden. Deshalb sollte sich im Vorfeld jeder gut beraten lassen. Nutzt man die Tänzerabfindung zur Finanzierung einer Weiterbildung oder wählt man einen anderen Weg, diese Weiterbildung zu finanzieren, damit durch die Zusatzrente eine Alterabsicherung gewährleistet bleibt?

Große Unterschiede bestehen zwischen Kolleginnen und Kollegen, die durch langjährige Festengagements Anspruch auf die „Tänzerabfindung“ der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen haben und denen, die freischaffend sind und deshalb häufig entgegen aller sozialrechtlichen Bestimmungen auf selbstständiger Basis arbeiten. Welche sind das?

Die großen Unterschiede finden sich zunächst schon im Festengagement wieder. Die Sparauflagen der Kommunen, die sich auf die Etats der Theater übertragen, zeigen selbst bei festangestellten Tänzern/-innen ein großes Sozialgefälle. In den neuen Bundesländer gibt es kaum ein Theater ohne Haustarifvertrag, wo seit Jahren die Belegschaft, so auch die Tänzer Einkommensverzicht leisten. Nicht zu vergessen die Einkommensverluste durch die Ost/West-Anpassung über die letzten 19 Jahre. Aus Geldnot werden immer mehr Praktikanten-Verträge unter der NV-Bühne Mindestgage vergeben. Viele kleinere Ensembles können sich nur noch „NV Bühne SR Solo – Verträge“ mit Mindestgagen leisten anstelle von bessergestellten „NV Bühne SR Tanz – Verträgen“ mit Gagenklassen. Der jährliche Verlust von ca. 30 Tänzern im Stellenplan der deutschen Bühnen, was zwei kleineren Ensembles entspricht, spricht für eine große Fluktuation. Die Zahl derjenigen, die abwechselnd festangestellt und selbstständig arbeitet, nimmt zu. Fazit: Immer weniger Tänzer/-innen werden in Zukunft in der Lage sein, mit einer „Tänzerabfindung“ eine Weiterbildung finanzieren zu können und immer mehr Tänzer werden gezwungen sein, die harten Bedingungen des frei arbeiteten Künstlers anzunehmen.

Um die Bedingungen für Tänzer in Transition zu verbessern, braucht es auch politische Entscheidungen. Was kann die Stiftung in dieser Hinsicht bewirken ?

Die Stiftung ist im ständigen Dialog mit den für Transition relevanten Ministerien und Institutionen und sieht sich als Lotse für beide Seiten. Erstmals ist es möglich, alle Bedürfnisse, Probleme und Defizite über die tägliche Arbeit mit den Tanzschaffenden zu erfassen, auszuwerten und diese dementsprechend den politischen Entscheidungsträgern darzustellen. Das Ziel ist, den Tanz resp. die Darstellenden Künste bei künftigen Entscheidungen für Bildungs- und Arbeitsmarkt-Initiativen – wenn möglich – mit einzubinden und an den Programmen partizipieren zu lassen.

Wie beurteilen Sie die Situation für Tanzschaffende in Deutschland im internationalen Vergleich? Manche Länder haben ja eigene Programme, aber dafür kein Äquivalent zur „Tänzerabfindung“ der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen.

Deutschland hat nach wie vor die meisten Tanzkompanien an Stadt- und Staatstheatern und bietet 12-monatige Zeitverträge mit Einbindung in das Sozialsystem, was im internationalen Vergleich sehr gefragt ist. Die freie Szene wächst zunehmend und ist sehr international, hat aber bei Selbstständigkeit kaum Chancen an den Errungenschaften der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen teilzuhaben. Das ist z.B. in Schweden anders. Im Ausland gibt es vier etablierte Modelle: in England, in den Niederlanden, in Kanada und in den USA. Die ersten drei basieren auf Versicherungsmodellen mit Beiträgen sowohl von Arbeitgeber wie Arbeitnehmer, in den USA werden Stipendien vergeben. Dabei wird oft auch zwischen festangestellt und freischaffend unterschieden. Diese Modelle entstanden vor mehr als 20 Jahren, weil die gesamte soziale Absicherung von Tänzern in diesen Ländern ungenügend war. Allen vier Zentren ist die Beratung gemein, was eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transition darstellt. Inzwischen ziehen weitere Länder wie Australien, Belgien, die Schweiz und Korea mit Transition-Modellen nach.

Viele Kompanien in Deutschland haben einen hohen Ausländeranteil. Ergeben sich dadurch besondere Probleme für Ihre Arbeit, etwa weil Kolleginnen und Kollegen nicht an berufsbegleitender Weiterbildung interessiert sind, da sie nach der Karriere in ihre Heimatländer zurückgehen wollen? Oder auch, weil die Sprachkenntnisse nicht ausreichend sind?

Weshalb fragen Sie nicht auch nach den deutschen Tänzern, die im Ausland arbeiten und anschließend zurückkommen und hier eine Weiterbildung machen möchten? Tanz ist global und junge Menschen folgen berühmten Choreographen überall hin. Genauso wie in der Musik. Prinzipiell sollte jeder, der im Gastland bleiben möchte, die Sprache in Wort und Schrift erlernen. Dafür braucht es Möglichkeiten und Bewusstsein, die wir zu kommunizieren versuchen.

Welche Erfahrungen machen Sie mit dem Bewußtsein von Tanzschaffenden für die besondere Situation des eigenen Berufsstandes – u.a. sehr früher Berufseintritt, hohe körperliche Belastung, kurze Karriere? Ist es schwierig, sie für das Thema Transition zu aktivieren?

Unser Ziel ist es, ungewöhnliche Wege für individuelle Persönlichkeiten zu finden. Etwas wofür man „alles“ gegeben hat, vermeintlich aufzugeben, ist für den größten Teil der Tanzschaffenden ein Thema, das man lieber verdrängt. Verständlich, geht es hier doch auch um Abschiednehmen bis hin zu einer gewissen „Trauerarbeit“. Deshalb fordert der Umgang mit diesem Thema viel Fingerspitzengefühl, Respekt und Geduld.

Wie würden Sie eine erfolgreiche Transition beschreiben?

Begleitung von der Ausbildung an, Erfüllung als Tänzer im Beruf finden und im Anschluss reibungslos in einen neuen Beruf oder ein Studium wechseln. In Würde aufgefangen werden und sich mit neuen herausfordernden Aufgaben auseinandersetzen, bei denen man sich nach wie vor auch als ‚Tänzer‘ fühlen kann.

Welche Unterstützung wünschen sie sich für die Stiftung?

Wir wünschen uns viele Aktionen aus der Tanzszene. Seien es Benefizgalas oder öffentliche Proben für die Stiftung, die zugleich alle Beteiligten für das Thema sensibilisieren und Förderer wie Zustifter gewinnen.

Frau Sadowska, wir danken herzlich für das Gespräch.

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