Jörg Löwer Geschrieben am 5 Februar, 2011

Theaterpolitik versus Politiktheater

Aktuell wird beim Thema Stadttheater allenthalben über Strukturveränderungen debattiert. Oder die Begriffe „postmigrantisches Theater“, „Zielgruppentheater“ oder „Interkultur“ fallen auf Veranstaltungen wie der Tagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Freiburg (hier ein Bericht auf nachtkritik.de von Jürgen Reuß).

Alle diese Diskurse haben eins gemeinsam: Es braucht Zeit, wenn man sich entschließt, den Debatten Realitäten folgen zu lassen. Und für die öffentlichen Theater oder die freie Szene kann das Wort „man“ durch „die Politik“ ersetzt werden. Denn die entscheidet über Wohl und Wehe des Großteils der finanziellen Mittel, die man den Aufgeforderten zur Verfügung stellt. Den Weg und das Ziel kann man dann Theaterpolitik nennen.

Theaterpolitik ist Teil der Kulturpolitik und ihrer Zuständigkeit für die „freiwilligen Leistungen“. Sie ist einer der letzten Einflussräume für durch Finanzkrise und EU-Verordnungen entmachtete Kommunalpolitiker. Womit wir beim Thema Politiktheater wären. Sobald das Thema Theater Gegenstand kurzfristiger politischer Eitelkeiten wird, weht ein rauher und existenzgefährdender Wind.

Aktuelle Beispiele für Politiktheater:

Die Reutlinger CDU-Fraktion hat vorgeschlagen, die Zuschüsse für das Landestheater Tübingen (LTT) um über 80 % von jetzt etwa 150 000 Euro auf 22 000 Euro zu senken – auf jene Summe, die die Stadt Tübingen zur Finanzierung der Württembergischen Philharmonie beiträgt. Der runde Tisch von Theater- und Orchesterintendanten der Region ist deswegen inzwischen an die Öffentlichkeit gegangen. Nachzulesen unter dem Titel „Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen!“ im Schwäbischen Tagblatt.

Der Streit um die Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz ist zwar (vorerst) beendet. Die Vertreter der Kerngesellschafter und des Innen- sowie Kultusministeriums haben sich darauf geeinigt, die TOG in ihrer jetzigen Form in den künftigen Großkreis Mecklenburgische Seenplatte zu überführen und bis Ende März Grundlagen für einen neuen Gesellschaftervertrag auszuarbeiten. Nachzulesen in der Ostseezeitung in dem Artikel „Theater in der Zwangsjacke„. Man achte besonders auf die Grafik zu Beginn des Artikels, die zeigt, wie der vom Land verordnete Strukturwandel als Schaubild an Werke moderner Kunst oder komplexe Origami-Faltanweisungen erinnert. Vorausgegangen war ein monatelanges Hickhack, in dem z.B. Neubrandenburgs CDU-Oberbürgermeister Paul Krüger gedroht hatte, seine Zahlungen einzustellen. In der Folge waren Leitung und Beschäftigte der Häuser mehr mit Stellungnahmen beschäftigt als mit Kunst. Hier plädierte Intendant Ralf-Peter Schulze im Kulturblog vom Nordkurier gegen eine neue Struktur, hier Chefdirigent Stefan Malzew dafür und hier appellierten Mitarbeiter an die Politik, für die lange ungeklärte und belastende Situation eine Lösung herbeizuführen.

In Hamburg befand sich das Deutsche Schauspielhaus monatelang auf rauher See. In diesem Blog wurde über die Auswirkungen der fahrlässigen Kulturpolitik in der Hansestadt hier und hier berichtet. Jetzt ist überraschend Wahlkampf und alle – inklusive des mehr als glücklosen bisherigen CDU-Kultursenators Stuth – versuchen, den durch sie angerichteten Flurschaden vergessen zu machen. Aktuell will man Karin Beier als Intendantin gewinnen und durch (vor-?)schnelle Streuung dieses Coups in den Medien die eigenen Fehltritte vergessen machen. Nachzulesen hier auf nachtkritik.de.

Da loben wir uns doch die Theaterpoltiker in Stuttgart:

Dort wird seit 2006 ein ambitioniertes Zehnjahresprogramm für Deutschlands größtes Dreispartentheater umgesetzt. Das Staatstheater Stuttgart erfährt umfassende Sanierungsmaßnahmen, erhält eine neue Spielstätte mit Probenzentrum, einen Neubau für das Stuttgarter Ballett und ein neues Besucherzentrum. Das alles kostet viel Geld und sicherlich gibt es im Süden weniger finanzielle Probleme als in vielen anderen Regionen Deutschlands. Aber vor allem an der langfristigen Ausrichtung dieses Projekts sollten sich andere Entscheider orientieren. Alles nachzulesen in der Stuttgarter Zeitung unter dem Titel „Schöne neue Theaterwelt„.

Planungssicherheit ist manchmal wichtiger als Geld.

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