Jörg Rowohlt Geschrieben am 31 Oktober, 2016

Theaterkrisen: Schöne Worte reichen nicht

Ludwig BarnayEs mögen durchaus unterschiedliche Motive sein, die Kulturpolitiker in diesen Tagen bewegen – das Ergebnis ist jedenfalls in den Städten, die durch digitale und gedruckte Medien gejagt werden, immer gleich: Die Theater werden ebenso beschädigt wie die Künstlerinnen und Künstler, die dort arbeiten. Dass gelegentlich offenbar führende Theaterleute selbst Beihilfe zu diesem Ansehensverlust leisten, macht die Sache auch nicht besser.

Beispiel 1: In Düsseldorf wird seit Jahren am dortigen Schauspielhaus herumsaniert mit dem Ergebnis steigender Kosten und geplatzter Zeitpläne. Das gibt es zwar auch anderswo, aber was es sonst nicht gibt, ist ein Oberbürgermeister, der darüber kopfscheu wird. Herr Geisel, so heißt der OB, findet es offenbar klug, wenigstens mal darüber nachzudenken, das denkmalgeschützte Schauspielhaus abzureißen und an anderer Stelle vielleicht wieder aufzubauen. Dann könnte das ursprüngliche Grundstück gewinnbringend verscherbelt werden. Wilfried Schulz, Generalintendant seit dieser Spielzeit, stellte darauf seinen Vertrag infrage. Auch der Kulturdezernent widersprach seinem OB. Das Land NRW, zur Hälfte am Schauspielhaus beteiligt, gab sich uninformiert. In erschreckend wenigen Medien folgte das übliche pflichtschuldige Aufjaulen. Trotzdem bleibt die Frage: Was treibt den Oberbürgermeister? Ist er einfach inkompetent? Hat er miserable PR-Berater? Oder ist es inzwischen unproblematisch, das eigene Kulturbanausentum offen zur Schau zu tragen?

Beispiel 2: Anders als Düsseldorf ist die Stadt Wuppertal tatsächlich bankrott. Die Schauspielbühnen wurden schon vor Jahren auf ein halbes Dutzend Darsteller eingeschmolzen. Nun beklagt sich die Stadt, dass in kleiner Besetzung kein großes Geld verdient werden kann. Die hinlänglich bekannte Unternehmensberatung Actori, von der Stadt angeheuert, verlangte mehr Premieren, um höhere Einnahmen zu generieren. Die Zuschüsse fürs Theater waren schon zuvor gedeckelt worden und Tarifsteigerungen muss das Theater aus eigenen Mitteln zahlen. Als die Schauspielintendantin sich auf das Verlangen nicht einließ, trennte man sich „einvernehmlich“. Hier ist die Frage, wie die Stadtoberen auf die Idee kommen konnten, mit immer weniger Geld sei immer mehr Theater zu bekommen?

Beispiel 3: In Trier wird schon seit Monaten um Intendant Karl Sibelius gestritten, dem regelmäßige Etatüberschreitungen ebenso vorgeworfen werden wie mutwillige Personalquerelen im eigenen Haus. Inzwischen liegt sein Rauswurf im Bereich des Sehr-Möglichen, die Rathausparteien haben sich wohl komplett von ihm abgewandt. Schon im Sommer war Sibelius die Kaufmännische Leitung des Hauses entzogen worden.
Das Kind mit dem Bade ausschütten und das Theater gleich ganz abwickeln will der rheinland-pfälzische Steuerzahlbund, der auf den Shuttle-Bus nach Luxemburg verweist.
Peter Oppermann, ehemaliger Chefdramaturg in Trier, nennt das Theater dagegen zutreffend einen „wichtigen kulturellen Ort und Nährboden des sozialen Miteinanders“. Politiker wie Künstler müssten diesen Ort „nicht nur mit höchster Sensibilität pflegen, sondern darüber hinaus unbedingt mit Leidenschaft, gleichzeitigem Augenmaß und, umso wichtiger in einer Zeit der gesellschaftlichen Zerrissenheit, mit einem substantiellen Ziel: die Unersetzbarkeit dieses einzigartigen Ortes garantieren“. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer, dass die Trierer Stadtväter und -mütter bei dieser Gelegenheit zeigen können, welchen Stellenwert sie dem Theater beimessen.

Beispiel 4: In Rostock wurde in den vergangenen Jahren falsch verstandenes Volkstheater gegeben und in einer Endlosvorführung der Streit von Stadt und Land gegen den damaligen Intendanten Latchinian zelebriert. Der war zwar auch in der Belegschaft nicht unumstritten, aber eigentlich ging es nicht um ihn: Der Oberbürgermeister wollte vor allem Sparten schließen, es gab ihm deutlich zu viel Theater in seiner Hansestadt. Nun ist der alte Intendant weg, die Widerspenstigkeit aber bleibt: Der seit dieser Spielzeit amtierende Theaterleiter Joachim Kümmritz will nach Medienberichten Orchesterstellen zugunsten des Schauspiels abbauen – und völlige Unklarheit herrscht über die Zukunft der Tanzsparte.

Was diese Beispiele miteinander zu tun haben? In allen Fällen geht es letztlich um die mangelnde Bereitschaft der Stadtväter und -mütter, der Kultur den ihr gebührenden Stellenwert einzuräumen. Offenbar ist es inzwischen gesellschaftsfähig geworden, Häuser auf einen Kernbestand zusammenschmelzen zu lassen, der am Ende nicht mehr lebensfähig ist. Dem einen oder anderen Politiker darf man unterstellen, dass ihm eine solche Entwicklung gar nicht so unlieb wäre.

In Sonntagsreden wird stets davon gesprochen, welche Bedeutung das Theater im Land der Dichter und Denker habe. Im Montagshandeln der Kämmerer bleibt davon nichts übrig. Dazu gehören übrigens auch die teilweise beschämend niedrigen Gagen, die an deutschen Bühnen gezahlt werden. Auch da reichen zur Abhilfe keine schönen Worte.

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