Jörg Löwer Geschrieben am 1 November, 2013

Theater und der Sieg des Geldes

Ludwig BarnayEs ist eine Plattitüde mit erschreckendem Wahrheitsgehalt: Geld regiert die Welt. Der Philosoph Georg Simmel hat schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts in seiner „Philosophie des Geldes“ geschrieben, dass die Welt der Moderne als Rechenexempel der kalkulierenden Rationalität gemessen werde in Geld, wie die Zeit mit der Uhr. Im Geld spiegele sich der Wert von allem wider. Geld sei die Spinne, die das gesellschaftliche Netz webe. Für Geld könne alles mit jedem getauscht werden, weil es einen identischen Wertmaßstab enthalte. Simmel stellte schon damals fest: „Der Sieg des Geldes ist einer der Quantität über die Qualität, des Mittels über den Zweck“.

Und die Plattitüde ist aktueller denn je.

Das Volkstheater Rostock kann sich laut Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) darauf einstellen, im nächsten Jahr weitere 470 000 Euro weniger vom Land zu bekommen (nachzulesen – leider nicht online – in der Ostseezeitung und auf nachtkritik.de). Es geht um Mittel aus dem kommunalen Finanzausgleich, die zwischen Stadt und Land schon länger strittig sind. Minister Brodkorb wird mit den Worten zitiert, dass Oberbürgermeister Roland Methling (UFR) keinen „biblisch verbürgten Anspruch“ auf diese Mittel habe und das Land sehr wohl das Recht mitzuentscheiden, wie seine eigenen Mittel eingesetzt werden. Ein weiteres Trauerspiel in einer endlosen Serie von Trauerspielen in Mecklenburg-Vorpommern (nachzuverfolgen hier im Blog).

Das Anhaltische Landestheater Dessau sieht sich weiterhin mit massiven Kürzungen des Kultusministeriums konfrontiert. Landesmittel von 2,9 Millionen Euro, 36 Prozent des bisherigen Etats, sollen ab dem nächsten Jahr aller Voraussicht nach nicht mehr zur Verfügung stehen. Kolleginnen und Kollegen vor, auf und hinter der Bühne bangen um ihre Jobs. Und das, obwohl in der vergangenen Saison bei einer Einwohnerzahl von ca. 85.000 insgesamt 180.000 Zuschauer kamen – ein beachtliches Ergebnis. In Halle dachte Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) sogar über eine Insolvenz des Theaters nach, was scharfen Protest hervorrief. Sachsen-Anhalt steht dem Chaos in Mecklenburg-Vorpommern in nichts nach, was die Fürsorge der Politik für eine traditionsreiche Theaterlandschaft betrifft (nachzuverfolgen hier oder hier im Blog und in der taz).

Und auch außerhalb unserer Landesgrenzen schlagen die Wellen hoch. Zu seinem 125-jährigen Bestehen hatte das Wiener Burgtheater Mitte Oktober zu einem Kongress geladen: „Von welchem Theater träumen wir?“. Bevor die Frage abschließend beantwortet werden konnte, unterbrach ein Billeteur – hierzulande würde man Platzanweiser sagen – namens Christian Diaz den Programmablauf. Er wollte mit einer ungeplanten Rede darauf aufmerksam machen, dass er und seine 44 Kollegen zwar die ersten Begegnung des Publikums mit dem Burgtheater verkörpern, sie dort aber keineswegs angestellt sind. Vielmehr seien sie bei dem britisch-dänischen Sicherheitsunternehmen G4S mit 600 000 Mitarbeitern in 120 Ländern beschäftigt. Nicht nur, dass dieses schon 1996 erfolgte Outsourcing mit niedrigen Löhnen einhergeht: In seiner – schließlich ungehaltenenen aber im Internet nachzulesenden – Rede wirft Diaz der Firma G4S vor, sie unterhalte private Gefängnisse in England und den USA. Sie organisiere Flüchtlingsheime, Abschiebegefängnisse und den Schutz von Minen. Kurzum: G4S sei international in unzählige Kontroversen, Skandalen und Anklagen unter anderem wegen Menschenrechtsverletzungen verwickelt. Der G4S-Zentralbetriebsrat hat sich „von der Aktion von Herrn Diaz“ distanziert. Die Mitarbeiter würden nach kollektivvertraglichen Vereinbarungen entlohnt und entsprechend aller sozialrechtlicher Vorgaben beschäftigt. Das Burgtheater drückte in einer Erklärung zwar Sympathien für den Wunsch nach Gerechtigkeit in globalisierten Märkten aus, wurde aber trotzdem vielerorts in die Kritik einbezogen. G4S hat den Billeteur inzwischen gekündigt.
Der Intendant Matthias Hartmann hat sich danach mit Christian Diaz getroffen und in einer gemeinsamen Erklärung heißt es nun, dass „das Burgtheater nicht mit Unternehmen in Verbindung gebracht werden möchte, die an Menschenrechtsverletzungen beteiligt sind. Das Burgtheater bittet darum die Bundestheaterholding, Möglichkeiten der Neuausschreibung zu prüfen.“

Bei allen drei Vorgängen geht es um Geld bzw. dessen angebliches Fehlen. Arbeitsplätze werden gestrichen oder ausgelagert. Die Politik erklärt, dass man sich den in eigenen Sonntagsreden beschwörten Humus der Gesellschaft namens Kultur nicht mehr leisten kann oder leisten will. Was aber bei allen Berichten und Erklärungen zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass damit Menschen gemeint sind. Menschen, die in all diesen Theatern für zumeist wenig Geld hart arbeiten. Die diesen Theatern überregionale Aufmerksamkeit einbringen und vor Ort ihre Steuern zahlen. Menschen, die gerade jetzt in langen Proben arbeiten, damit die Bevölkerung in der Vorweihnachtszeit und während der Feiertage in vielen Vorstellungen und Doppelvorstellungen eine „besinnliche“ Zeit haben kann.

Je mehr aber unsichere Arbeitsverhältnisse, Personalabbau und Outsourcing die Theaterarbeit prägen, desto unglaubwürdiger wird es, wenn diese Zustände auf den Bühnen kritisiert werden.

„Der Sieg des Geldes ist einer der Quantität über die Qualität, des Mittels über den Zweck“.

Dies schrieb Georg Simmel im 19. Jahrhundert. Der Mensch: In mehr als 200 Jahren nichts gelernt?

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