Jörg Löwer Geschrieben am 17 Mai, 2010

Theater, Revolution und Gewerkschaften

Ludwig BarnayKrisenzeiten sind Demonstrations- und Thesenzeiten. Krisen haben Hochkonjunktur und die großen lassen kleine entstehen. Erste Reaktion auf Krisen ist in den meisten Fällen eine Demonstration. Auf lokaler Ebene („Theater demonstrieren gegen Kulturabbau“ auf der Website des MDR und „Thüringens Theater demonstrierten für eigene Zukunft“ aus thueringer-allgemeine.de über den landesweiten Aktionstag „Auf die Plätze!Theater!Los!“ in Thüringen) sowie international („Auf zum letzten Addio!“ aus der FAZ zur Opernkrise in Italien).

Nach den Demonstrationen werden – im besten Fall – konstruktive Thesen zur Problemlösung erarbeitet. Im Rheinischen Merkur tut dies Axel Brüggemann mit seinem Artikel Wo sind die Revolutionäre?“. Er geht vom Grundgedanken aus, dass

Theatersubventionen ursprünglich nicht als Förderung gutbürgerlicher Unterhaltungskultur gedacht sind, sondern als Triebkraft freien Denkens“ und kommt zu der Frage warum das Publikum die Häuser zwar besucht, aber nicht gegen Etatkürzungen oder eventuelle Schließungen auf die Barrikaden geht“. Seine Schlussfolgerung lautet, dass es darum gehen muss , die Rolle der Kultur in dieser Gesellschaft zu definieren: Leisten wir uns staatlich subventionierte Theater, weil wir glauben, dass die Kunst ein gedanklicher Freiraum ist, der für das Zusammenleben, für eine Gesellschaft und die Politik kreative Kräfte freisetzt? Wenn wir diese Frage mit Ja beantworten, ist es wichtig, dass die politischen Entscheidungsgremien keine Spar-Intendanten einkaufen, sondern Querdenker einladen. Dann müssen die Theater ihren Subventionen durch Freidenken, durch Provokation und gesellschaftliche Debatten gerecht werden“. Der Autor sieht dies als Gegensatz zur Hochglanzkultur à la USA, in denen Schauspiel und besonders die Oper zum Treffpunkt der gesellschaftlichen Oberschicht werden“. Wenn dies gewünscht sei, sollten wir die Subventionen mittelfristig tatsächlich abschaffen und die Theater beflügeln, Musicals und gefällige Ausstattungsstücke zu spielen“.

[Anmerkung des Blogverfassers – ehemals Musicaldarsteller: Zustimmung in der Sache, aber der Schluss ist Musicaldiskriminierung……;-)) ]

Mehr dazu auch in einem Feuilletonpressegespräch auf Deutschlandradio Kultur (ab Minute 3:30).

Und es gibt weitere interessante Thesen. Diesmal in der taz zum Thema Trends für Gewerkschaften. Barbara Dribbusch sieht in ihrem Artikel „Mindestlohn und Marken-Image“ fünf Trends, auf die sich Gewerkschaften einstellen müssen:

1. Unbefristete Vollzeitstellen werden rarer und damit der Pool, aus dem sich Gewerkschaftsmitglieder vor allem rekrutieren.
(siehe den aktuellen Leitartikel aus der bühnengenossenschaft vom Mai 2010 „Vom Arbeitnehmer zum selbstständigen Künstler“ von Hans Herdlein)

2. Arbeitskämpfe sind in den neuen Beschäftigungsformen, etwa der Zeitarbeit und der Solo-Selbständigkeit, kaum zu organisieren.
(stimmt)

3. Beschäftigtengruppen, die viel Durchsetzungskraft zusammenbringen, organisieren sich lieber in kleinen Berufsgewerkschaften.

(nicht ohne Grund haben sich die Mitglieder der GDBA bei einem früheren Genossenschaftstag für die Eigenständigkeit entschieden;  die Gründe hierfür lagen in der besseren Wahrung der Interessen der künstlerisch Beschäftigten)

4. Der Lohnkampf hat sich auf die politische Ebene verlagert mit dem Streit um einen gesetzlichen Mindestlohn.
(der NV-Bühne beinhaltet eine Mindestgage, wir sind wohl der Diskussion voraus; dafür ist der Bereich des Gastvertragsrechts leider noch völlig ungeregelt, eine entsprechende Resolution zur Verbesserung der Lage wurde auf dem Genossenschaftstag 2009 verfasst)

5. Die politisch-moralische Bindung an Gewerkschaften schwindet.
(ein generelles Problem; vor allem der Satz Arbeitnehmer müssen monatlich ein Prozent des Bruttolohnes als Beitrag an die Gewerkschaft zahlen. Erkämpfte Tariferhöhungen aber kommen allen Beschäftigten zugute“ weist auf diesen Mangel an Solidarität hin)

Nicht alles, was die Autorin über die im DGB organisierten Gewerkschaften referiert, trifft auf die spezielle Situation der GDBA im künstlerischen Umfeld der Theaterwelt zu, einiges ist bei uns schon länger Realität, anderes sicherlich bedenkenswert.

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