Jörg Rowohlt Geschrieben am 10 Dezember, 2014

Theater Plauen-Zwickau: Pressemitteilung der Gewerkschaften und offener Brief von Künstlern und Theaterförderern

Zur aktuellen Lage am Theater Plauen-Zwickau haben die Gewerkschaften GDBA, DOV, VdO und ver.di eine gemeinsame Pressemitteilung verfasst:

Theater Plauen-Zwickau: Zukunft statt Kahlschlag
Stadträte von Plauen und Zwickau sollen Millionenkürzungen beschließen – Gewerkschaften fordern Rücknahme der Beschlussvorlage und Dialog mit Gesellschaftern

Berlin – Das Bekanntwerden einer Beschlussvorlage zur Schließung von Sparten des Theaters Plauen-Zwickau und zur Einsparung von vier Millionen Euro hat über die Stadtgrenzen von Plauen und Zwickau hinweg für Aufsehen gesorgt. „Ein einseitiger Plan der Gesellschafter ohne Absprache mit den Betroffenen ist kein guter Start in die Diskussion über die zukünftige Finanzierung des Theaters. Vertrauensvolle Zusammenarbeit sieht anders aus“, sagt Andreas Masopust, stellvertretender Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV). Der aktuelle Finanzierungsvertrag des Theaters Plauen-Zwickau läuft im Sommer 2015 aus.

Auf einer Sitzung des Kulturkonvents am 8. Dezember 2014 in Plauen wurde über die Ende vergangener Woche bekannt gewordene Beschlussvorlage für den Stadtrat Zwickau diskutiert. Aus der Vorlage geht hervor, dass die Zuschüsse der Städte Plauen und Zwickau für die fusionierten Bühnen im Zeitraum von 2015 bis 2018 um insgesamt vier Millionen Euro sinken sollen. Dies sei nur durch die Schließung von Sparten realisierbar. Bis Ende Juli 2016 sollten Musiktheater, Chor und Ballett wegfallen. Ein Jahr später würde dem Plan zufolge das Orchester folgen. Gegen diese Spartenschließungen sprachen sich auf der Konventsitzung die Oberbürgermeister der beiden Städte aus, Dr. Pia Findeiß und Ralf Oberdorfer. Damit haben sie sich öffentlich positioniert. „In der Konsequenz kann das nur bedeuten, dass die Beschlussvorlage zurückgezogen wird“, sagt Masopust. Die Gesellschafter des Theaters – das sind die beiden Städte – müssten nun handeln.

Bis heute nahmen die Gesellschafter keinen Kontakt zu den Mitarbeitern und ihren Gewerkschaften auf; der DOV, der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und der Vereinigung Deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO). Bislang hatte es eine langjährige und gut funktionierende Partnerschaft gegeben. Die Gewerkschaften bleiben gesprächsbereit.

Pressekontakt
Deutsche Orchestervereinigung (DOV)
Uli Müller
Littenstraße 10, 10179 Berlin
Tel. 030 – 827908-29 (Sekretariat – 0)
mueller@dov.org

 

Außerdem haben diverse KünstlerInnen und Theaterförderer aus der Region einen offenen Brief an die zuständigen politischen Gremien verfasst:

Offener Brief
zur Beschlussvorlage zum Grundlagenvertrag
des Theaters Plauen Zwickau
an die Stadträte in Plauen und Zwickau,
sowie an Frau OB Dr. Findeiß und Herrn OB Oberdorfer

Zwickau, 09.12.2014

Sehr geehrte Frau Dr. Findeiß!
Sehr geehrter Herr Oberdorfer!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Das Theater ist als kommunal getragene Einrichtung ein Ort der Begegnung, der Identität und Identifikation schafft. Eine intensive Umgestaltung der Struktur dieser Einrichtung greift diese Identifikation massiv an. Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger der Städte Plauen und Zwickau werden deshalb das gleiche Bedürfnis haben wie wir: bei einer solchen Umgestaltung einbezogen zu werden. Sie wünschen sich einen Dialog, der nicht nur Entscheidungsprozesse, die zu einer Beschlussvorlage führen, erläutert, sondern es ihnen darüber hinaus ermöglicht, eine Entwicklung anzustoßen, mitzutragen und – ja – auch mitzulenken.

Einen solchen Dialog hat es bisher leider nicht gegeben.

Die Schockwelle, die die Veröffentlichung der Beschlussvorlage ausgelöst hat, trifft in ihrer Konsequenz ab 2018 nicht nur die Menschen, die am Theater arbeiten, hart. Sämtliche Künstler der Region trifft das, da deutlich weniger Austausch möglich sein wird.
Die Musikschulen trifft das, da die Lehrenden werden wegziehen müssen.
Die Kindergärten und Schulen trifft das, da es für Kinder keine Musiktheater- und Ballett-Vorstellungen und keine Vorstellung von Instrumenten mehr geben wird.
Die Rentner trifft das, die sich ihren Lebensabend auch mit Operette versüßen möchten.
Die Kirchen trifft das, die so wie bisher nicht mehr große Konzerte werden veranstalten können.
Letztlich trifft das auch die Städte Plauen und Zwickau direkt, deren motorisierte, erwachsene Bewohner in Zukunft in andere Städte fahren werden, um Musiktheater und Sinfoniekonzerte zu hören. Und dann auch dort davor noch essen gehen oder danach dort übernachten.

Überhaupt ist der hier angesprochene Effekt der Umwegrentabilität nicht zu unterschätzen. Erst kürzlich hat die HTWK Leipzig eine Studie herausgegeben, die selbst unter schlechten Bedingungen zum Schluss kommt, dass ein Theater mehr Geld in die Taschen der Stadt spült, als diese für das Theater ausgibt („Studie zur Umwegrentabilität der kulturellen Eigenbetriebe der Stadt Leipzig“). Sicher sind Plauen und Zwickau nicht direkt mit Leipzig vergleichbar. Die Effekte sind aber vergleichbar, zumal hier die Kulturräume eine bedeutende Rolle spielen. Und wollen Sie, unsere Stadträte, wirklich, dass unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger in Zukunft lieber in umliegenden Städten Geld ausgeben, als bei uns, nur weil es kein Musiktheater mehr gibt, oder kein Ballett? Welche Auswirkungen wird das auf Handel und Gewerbe der Städte haben? Und damit auf das Stadtbild insgesamt?

Ist diese Beschlussvorlage wirklich die Beste für das Theater und die beiden Städte? Wann wurde beschlossen, dass der Zuschuss nachhaltig begrenzt werden soll, wie es in der Begründung zur Beschlussvorlage heißt? Kann diese Beschlussvorlage mit den ihr immanenten Unwägbarkeiten überhaupt ernsthaft verabschiedet werden? Kann über die Ungewissheit der Höhe der Mitfinanzierung des Kulturraumes hinweggesehen werden? Erkennbar ist auch, dass über Fremdbespielung mit viel weniger Geld keine mit heute vergleichbare Anzahl an Musiktheater- und Ballettaufführungen möglich sind und auch nicht in vergleichbarer Qualität. Wollen Sie im erwartbaren Maß darauf verzichten? Wie genau kann die Schätzung von Abfindungszahlungen sein, wenn die endgültige Struktur des Hauses nicht festgelegt ist und somit nicht klar ist, wer das Haus verlassen muss? Warum geht es hier in erster Linie um die finanzielle Ausstattung, aber zweitrangig um die Struktur des Hauses? Wird das Pferd so nicht von hinten aufgezäumt? Wäre es nicht viel sinnvoller, erst ein Konzept für die Struktur zu erstellen und dann die Finanzierung zu sichern? Ist die Beschlussvorlage in all ihrer Konsequenz durchdacht? Ist sie von Ihnen persönlich mit tragbar? Ist es das, was Sie für Ihr Theater wollen: den Tod auf Raten? Sind wir wirklich, sind Sie wirklich bereit einzugestehen, dass die Fusion der beiden Theater in Plauen und Zwickau gescheitert ist?

Viele Fragen, die wir uns stellen, aber auch Ihnen. Und von denen wir uns wünschen, dass Sie sie sich selbst stellen und hoffentlich in einer Weise beantworten, die kulturell reichhaltiges Erleben in unseren beiden Städten auch in Zukunft ermöglicht.

Mit freundlichen Grüßen

Nathalie Senf
Opernsängerin und
früheres Ensemblemitglied am Theater Plauen Zwickau

Dr. Lutz Behrens
Vorsitzender Förderverein des Vogtland Theaters Plauen e.V. und
Sprecher des Aktionsbündnisses Pro Vogtlandtheater

Jo Harbort
Künstler

Katrin Kapplusch
Opernsängerin und
früheres Ensemblemitglied am Theater Plauen Zwickau

Rainer Wenke
Regisseur und früherer Oberspielleiter und Operndirektor am Theater Plauen Zwickau

Förderverein des Vogtland Theaters Plauen e.V.

Förderverein Theater Zwickau CAROLINE NEUBER e.V.

Aktionsbündnis Pro Vogtlandtheater

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