Jörg Rowohlt Geschrieben am 18 April, 2019

Glosse: Theater in Halle & Schwerin – Jammers jauchzender Schwall

Wenn Theatermenschen sich uneins sind, dann schreiben sie gerne offene Briefe. Könnte der geneigte Leser denken, wenn er die jüngste Post aus Schwerin und Halle sichtet. Aber das wäre zu einfach. Manchmal werden Informationen auch an die Lokalpresse durchgestochen.

Wir sind weit davon entfernt, Beschwerden nicht ernst zu nehmen zu wollen. Allerdings stammen die wenigsten der offenen Briefe von betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, um die es doch eigentlich gehen sollte. Vielmehr sind es meist die Alphatiere, die sich nicht grün sind.
Nach Halle: Dort ist es zwar schon länger her, dass die „Götterdämmerung“ auf dem Spielplan stand, aber dafür gibt es auf der Leitungsebene aktuell allerlei Dramatisches. Unter anderem in der Bühnengenossenschaft 2/19 war darüber zu lesen. Internet-Suchmaschinen werfen zum Stichwort „Theater Halle“ inzwischen nur noch Beiträge über die dortigen Querelen aus. Bühnenkunst findet mindestens kaum noch Beachtung.
Als Bösewicht fungiert der Kaufmännische Geschäftsführer Stefan Rosinski. Die Welt schrieb über ihn, wo immer er „wirkte und wütete, an der Berliner Volksbühne, der Berliner Opernstiftung, dem Volkstheater Rostock und jetzt in Halle, da hinterließ er rauchende Trümmer“. Am Anfang, im Oktober 2018, hatte er einer Theaterpädagogin während der Elternzeit gekündigt. Niemand habe davon gesprochen, eine junge Mutter sei nicht belastbar, schrieb Rosinski in einer öffentlichen Stellungnahme. Zulässig seien allein künstlerische Gründe. Opernintendant Florian Lutz schätzte die gekündigte Mitarbeiterin öffentlich als „vielmehr hervorragend qualifiziert“ ein und widersprach Rosinski ausdrücklich.
Nächster Aufzug: Im Dezember machten die Intendanten der Sparten Schauspiel und Oper die Verlängerung ihrer Verträge von der Personalie Rosinski abhängig. Dessen Arbeit werteten die beiden als „spaltend, unkollegial bis destruktiv“. Er oder wir. Mit Ein-Stimmen-Mehrheit traf darauf im neuen Jahr der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH) eine Entscheidung: Opernchef Florian Lutz geht 2020. Der war erst 2016 geholt worden, um das Haus an der Saale jünger und moderner zu machen – ein kompletter Neustart sollte es sein. Der gelang vor allem in Kritiker-Augen, die Auslastungszahlen waren nicht wirklich gut, aber auch nicht so schlecht wie Kritiker behaupteten.
Im Finale stellte Schauspielintendant Matthias Brenner dem Aufsichtsrat jetzt ein weiteres Ultimatum, das ebenfalls gar nicht gut ankam: Wiederum mit Ein-Stimmen-Mehrheit beschloss das Gremium gegen den Willen des parteilosen Oberbürgermeisters Bernd Wiegand, an Rosinski festzuhalten. Im kommenden Monat wolle man weiter sehen. Brenner hat inzwischen alle Vertragsverhandlungen abgebrochen.
Nebenhandlung: Das Nacktfoto einer Theatermitarbeiterin wird im Kollegenkreis herumgereicht. Der Betriebsrat versucht zu beschwichtigen. Die Bild-Zeitung druckte das Foto lüstern in der Regional-Ausgabe. Die Mitarbeiterin, angeblich eine Bekannte Rosinskis, verlässt das Haus nach wenigen Tagen.
Und da war da noch eine Morddrohung gegen die Opernleitung, die mutmaßlich im Haus weitergeleitet worden sein soll.
Zusammenfassung: Rosinski geriert sich als der seriöse Kaufmann, der versucht, mit dem vorhandenen Etat auszukommen, derweil die künstlerischen Intendanten das schöne Geld ausgeben.

Zwar war er nach unseren Erkenntnissen in Schwerin bisher nicht aktiv. Und trotzdem ist die Stimmung auch am Mecklenburgischen Staatstheater ziemlich schlecht. Und auch dort gibt es einen Streit, der sich letztlich auf die Finanzen zurückführen lässt. Generalintendant Lars Tietje ist sowohl kaufmännischer als auch künstlerischer Leiter des Hauses, muss den erwähnten Konflikt also quasi mit sich selbst austragen. Die eigentliche Rosinski-Rolle im Nordosten kommt aber dem ehemaligen Kultur- und jetzigen Finanzminister Mathias Brodkorb (SPD) zu, der vollständig abstruse Fusionspläne weit entfernt liegender Häuser gegen den Widerstand aller Beteiligten und den gesunden Menschenverstand durchsetzen wollte. Nachdem er damit gescheitert war, versucht seine Nachfolgerin, die Scherben zusammenzukehren. In einem offenen Brief an das Kultusministerium in Schwerin beklagt das Schauspielensemble „Zerrüttung und Marginalisierung unseres Theaters nach innen und außen“. Indirekt wird die Nichtverlängerung des Generalintendanten gefordert.

Offensichtlich wird jedenfalls, dass gerade vermehrt an den Theatern der Haussegen schief hängt, die in den vergangenen Jahren Opfer von absurden Sparmaßnahmen geworden sind – ausgedünnte Personaldecken sorgen für Krachen im Gebälk. Schwerin ist dafür nur ein Beispiel.
Ensemble-Sprecher sprechen von Angst als dem vorherrschenden Gefühl der Beschäftigten. Anderswo ist die Rede davon, man wolle einfach nur gute Arbeit leisten und brauche keine Grabenkämpfe.
Vielleicht sollte in der Tat häufiger die Belegschaft nach ihrer Meinung gefragt werden, wenn sich die Großkopfeten streiten. In Schwerin ist dies aktuell eingeleitet.
Unter Umständen wäre das auch in Halle ein geeignetes Instrument.

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