Jörg Löwer Geschrieben am 20 August, 2010

Studie sagt Theatersterben voraus: Warum A.T. Kearney Unsinn veröffentlicht ?!!

Ludwig BarnayIn Deutschland droht einer Studie des Top-Management-Beratungsunternehmens (so die Eigenbezeichnung) A.T. Kearney zufolge bis 2020 ein Museen- und Theatersterben, von dem jede zehnte Kultureinrichtung betroffen sein werde.

Der Theaterschaffende ist geschockt, denn in der Pressemitteilung heißt es: „Öffentliche Mittel für Kunst und Kultur stagnieren in den letzten Jahren und werden unserer Studie zufolge in Deutschland von 8,1 Milliarden Euro im Jahr 2009 um rund 8 bis10 Prozent im Jahr 2020 zurückgehen“, sagt Dr. Claudia Witzemann, Principalin bei A.T. Kearney und Leiterin der Kulturstudie: „Gleichzeitig ist mit einer Zunahme der Kosten zu rechnen: Ausgehend von heute wird bis 2020 ein Anstieg von rund 24 Prozent erwartet. Das bedeutet, dass bis 2020 rund 10 Prozent der Kultureinrichtungen in Deutschland von der Schließung bedroht sind.“

Auf den ersten Blick bestätigt diese Studie, was viele Kulturschaffende schon länger befürchten. Allerdings schlägt der Schock schnell in Verägerung um, wenn man die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen liest. Diese haben mit Kultur wenig gemein, sondern hören sich eher wie ein Leitfaden zur Luxussanierung eines Einkaufszentrums an:

„Einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der Finanzprobleme von Kulturinstitutionen leisten seit jeher die private Finanzierung sowie Sponsoringaktivitäten von Unternehmen.“

„Die kulturtreibenden Institutionen müssen Pakete schnüren, um Unternehmen bei der Markenpflege, beim Imageaufbau und Reputationsmanagement sinnvoll zu unterstützen“, sagt Dr. Martin Handschuh, Partner bei A.T. Kearney: „Die Orte der Kultur sollten sich als Drehscheibe etablieren zwischen der Gesellschaft, Kulturinteressierten, Unternehmen und Einzelhandelsgeschäften.“

„Aber auch eine stärkere Einbindung von Einzelhändlern und Gastronomen sowie das Anbieten eines eigenen Veranstaltungsservices bieten enormes Potenzial und Möglichkeiten zur Eigenfinanzierung.“

„So bedienen sich moderne Kulturinstitutionen für ihre Shops professioneller Einzelhändler, die die Umsätze pro Besucher von durchschnittlich einem bis zwei Euro auf bis zu zwölf Euro pro Besucher steigern können. (…) Teilweise wird sogar mit Star-Köchen zusammen gearbeitet, wie beispielsweise mit Sarah Wiener im Museum für Gegenwart in Berlin.“

„Potenzial bieten aber insbesondere neue, innovative Konzepte, bei denen die Kulturinstitutionen selbst zum Veranstalter werden.“

„Ein weiterer Baustein zum wirtschaftlichen Betrieb von Kulturinstitutionen stellt zudem der Zusammenschluss verschiedener Einzelinstitutionen dar. (…) Ein erfolgreiches Beispiel ist das 2001 in Österreich gegründete Museumsquartier, in dem neben drei großen Museen auch eine Vielzahl kleinerer Kulturinstitutionen zusammengefasst ist. In Deutschland ist die Museumsinsel in Berlin zu nennen.“

Diese Vorschläge verkennen die Realität und Funktion unserer Kulturinstitutionen.

Eine Umfrage des Beratungsunternehmens (!) actori hat ergeben, dass es in den vergangenen 12 Monaten bei 43 % der antwortenden Kulturinstitutionen einen Rückgang der Sponsoringmittel  aufgrund der Finanzkrise gegeben hat. Soll unsere Kultur also auf unsichere und je nach Wirtschaftslage fließende Sponsorenalmosen gegründet werden?

In der Vergangenheit gab es häufiger Androhungen von Sponsoren, die Zahlungen wegen nicht genehmer (repräsentativer?) Inszenierungen einzustellen. Soll unsere Kultur nur dann gefördert werden, wenn sie wohlgefällig dem Unternehmensziel dient?

Für viele Institutionen haben sich Sonderveranstaltungen außerhalb des Kernprogramms als unkalkulierbare Risiken erwiesen (z.B. Marie Antoinette in Bremen) oder werden aus Kostengründen eingestellt, weil die Mittel nicht mehr für die Kernaufgaben reichen. Soll die kulturelle Grundversorgung zugunsten der Eventkultur geopfert werden?

Alle aufgeführten Beispiele sind große weltbekannte „Leuchttürme“ mit internationaler Ausstrahlung. Mit wem sollen sich die Stadttheater und Landesbühnen in der deutschen Provinz zusammenlegen? Diese sind häufig die letzten verbliebenen Anbieter von Kultur für die lokale Bevölkerung. Zusammenlegen hieße hier Schließung und Kultur nur noch in Metropolen stattfinden zu lassen. Und Sarah Wiener wird bestimmt kein Theaterbistro in Wuppertal eröffnen.

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