Jörg Löwer Geschrieben am 14 September, 2010

Stadttheaterbashing oder: der Aufstand der Nicht-Intendanten………….

Ludwig BarnayRegisseure fordern neuerdings allüberall das Ende der (Stadttheater-)Hierarchie durch Anarchie. Die institutionelle Förderung der Theater solle zugunsten der Förderung von Künstlerkollektiven (denen sie selbst natürlich vorstehen!!) aufgegeben werden. Weg mit den starren, altmodischen und teuren Apparaten. Her mit der flexiblen, modernen und günstigen Kunst.

So oder so ähnlich fordern es Matthias von Hartz und Tom Stromberg (hier auf nachtkritik.de), Frank Alva Buecheler (hier in NovoArgumente)  oder Samuel Schwarz (hier im Tagesanzeiger, hier die Diskussion auf nachtkritik.de). Alles Regieführende, die – augelaugt durch das immer neuen Sparrunden ausgesetzte Stadttheatersystem – auf der Suche nach dem „neuen großen Ding“  ihre Vorschläge in die Welt rufen.

Das Prinzip ist bei allen ähnlich. Keine festen Häuser mit einer festen künstlerischen und nicht-künstlerischen Belegschaft, die am Ort produzieren, sondern Künstlerkollektive, die an einem Ort produzieren und die Produktionen dann an den „Bespieltheatern“ aufführen.

Einige Zitate hierzu:

Schwarz: (…) Stadttheater können mit der kreativen, effizienten Energie einer freien Gruppe nicht gut umgehen, das liegt in ihrer Struktur; und deshalb haperts auch mit ihrer Kunst. Wenn die derzeitige Krise das Stadttheater zum Umdenken zwingt, ist das für alle ein Gewinn – zuerst fürs Stadttheater selbst und für sein Publikum, aber auch für die Freien, die von den fetteren Subventionen mehr abkriegen würden. Man kann sagen, dass wir auf die finanziellen Mittel und Ressourcen der Stadttheater neidisch sind, nicht aber auf deren Organisationsformen. (…) Zudem ist bei uns jeder in alles verwickelt: Technik, Konzept, Spiel – da gibt es keine klaren Grenzen. (…) Wir Kreativen brauchen mehr Geld, und das auf Kosten der kuratierenden Dramaturgen und Intendanten, die ihre ganze Legitimation nur aus Selektionsprozessen ziehen. Und die dann trotz ihrer hohen Löhne Spielpläne zusammenstellen, die wie ein Ei dem anderen gleichen. (…)“

von Hartz und Stromberg: „(…) Wir wünschen uns, dass Künstler in Zukunft so gefördert werden, wie es die Entwicklung ihrer Kunst erfordert. Das mag immer wieder anders sein. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist es selten so, wie es Institutionen nahelegen, die man sich irgendwann ausgedacht hat. (…)“

Buecheler: „(…) Würde man die subventionierte Stadttheaterlandschaft ähnlich spezialisieren und so in allen Bereichen professionalisieren, dann gäbe es zum einen Ensembles und Kompanien, die Aufführungen produzieren (Theaterproduktionsgesellschaften). Ihnen als Pendant stünden die Theater gegenüber – die Häuser, die Bühnen –, die Produktionen einkaufen und spielen (und nicht produzieren). Agenturen wiederum würden als Bindeglied zwischen Angebot (Produzenten) und Nachfrage (Theatern) für die Vermittlung sowie eine effiziente Distribution (Verkauf/Ankauf) sorgen. (…) Ein Vorteil solcher Produktionen wären ihre längeren Laufzeiten, Schauspieler könnten viel konzentrierter „in ihren Stücken“ bleiben (…) Selbst Opernproduktionen könnten über lange Zeiträume in der Originalbesetzung angeboten werden (…) Ein Großteil der physischen Produktion (Bühnenbild, Kostüme) könnte von zentralen Theaterwerkstätten erstellt werden, wie es sie hier und da schon gibt – allerdings wohl häufig unter bürokratischen Hemmnissen leidend. Privatwirtschaftlich operierende Veranstaltungsbauer demonstrieren, wie es erfolgreich geht. (…) Vielerorts taugen die alten Theatergebäude nicht mehr für moderne Anforderungen, man wird sie stark umbauen und erweitern müssen. Der Produktion und weitgehend des Probenbetriebs entledigt, könnten viele Theater über die dafür nötigen räumlichen Reserven verfügen. Häufig wird es aber auch vorteilhafter sein, neu zu bauen. (…)“

Schöne neue Welt. Allerdings mit ungeklärten Fragen.

Das Publikum:
Die Zuschauer würden zukünftig länger gastierende Tourneeproduktionen zu sehen bekommen. Also nicht mehr den heiß geliebten Lokalmatador als Solist. Außerdem würde das Bühnenbild sehr schlicht ausfallen, denn die Produktionen müssten sich – um durchführbar zu sein – am kleinsten gemeinsamen (Bühnen-)Nenner orientieren. Wenn von zehn zu bespielenden Bühnen zwei keine Drehbühne haben, werden diese nirgendwo mehr benutzt werden können. Individuelles Eingehen auf lokale Verhältnisse fiele auch weg. Wollen die Zuschauer das?

Die Künstler:
Für die bedeutet dieses System: Hotel, Reisen, Fließbandspiel im Ensuite-Betrieb und handwerkliche Nebentätigkeit. Keine Integration in eine lokale Kunstszene, sondern Tourneetätigkeit mit Aufgaben in allen Bereichen, denn „jeder wird in alles verwickelt“. Leben aus dem Koffer als Berufsmerkmal. Fahrende Gesellen. Wie früher zu Zeiten der Neuberin. Also eigentlich Reaktion und nicht Revolution. Und mit allen Abstrichen, die Tourneetätigkeit zur Folge hat. Wie lange Körper und Stimme als Arbeitsmittel monatelanges Touren – untergebracht in „preiswerten“ Hotels – mitmachen, interessiert weniger. Klingt nach Rockstarleben, ist aber wohl eher Verschleißmaschine. Öffnet das künstlerische Freiräume?

Die Kosten:
Riesige Mannschaften in Trucks und Bussen bereisen das Land und schlafen in Hotels. Ganz zu schweigen von der restlichen Logistik (Catering, Wäsche, Kinderbetreuung, etc.) . Neu- und Umbauten von Theatergebäuden im ganzen Land wären nötig. Und die Verwaltung gibt es ja trotzdem weiterhin, denn wo Zuwendungen verteilt werden, muss der Zuwendungsgeber verwalten. Wenn das bestehende Stadttheater-System unterfinanziert ist, wieso sollte für das neue Geld da sein?

Wahrscheinlich liegt der Grund für dieses frustrierte Stadttheaterbashing der regieführenden Künstlerkollektiv-Leiter in einem Satz, den die Regisseurin Anna Bergmann in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (hier das Interview und hier die Diskussion auf nachtkritik.de) gesagt hat: „Zu viele Leute, die praktisch keine Ahnung von Theater haben, treffen zu viele wichtige Entscheidungen. Es wird zu viel geplant, durchgerechnet, strategisch ausbalanciert. Es bräuchte mehr Anarchie, mehr Sich-zur-Disposition-Stellen. Wenn nur noch Finanzbosse und Verwaltungsexperten die Häuser führen statt Künstler, wird das Theater langweilig und berechenbar.“

Das stimmt vielleicht. Aber: In Zeiten der knappen öffentlichen Kassen achtet der, der Geld gibt, stärker auf seine Verwendung. Und genau deshalb würde der Geldgeber seine Mittel nicht einem Künstlerkollektiv anvertrauen, das am liebsten alle verwaltenden Kontrollebenen aus seiner Arbeit heraushält. Auch die so ersehnte Künstlerförderung würde es nur mit starrem Apparat geben. Sonst hieße sie ja „Freie Szene“. Und die ist tatsächlich unterfinanziert und beinhaltet für Theaterschaffende häufig prekäre Arbeitsverhältnisse. Der Kampf gegen diesen Mißstand sollte aber nicht auf dem Rücken eines – bei allen (Finanz-)Problemen – funktionierenden Systems ausgetragen werden.

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