Jörg Löwer Geschrieben am 21 Januar, 2011

Sparvorschlag: Abschaffung der Stadt Bonn…………….

Die Stadt Bonn hat ihre Internet-Sparaktion Bonn packt´s an! gestartet (hier ein Bericht aus dem General-Anzeiger). Vom 18. Januar bis 16. Februar können Bürger Spar- und Einnahmevorschläge bewerten, kommentieren und bis 9. Februar sogar selbst erstellen. Und bisher sieht es für die Kultur nicht gut aus, die Streichung/Kürzung der Gelder für Theater findet bei fast allen Vorschlägen eine Mehrheit (hier die bisherigen Ergebnisse für den Bereich Theater). Die Politik versucht also, sich aus der direkten Verantwortung zu stehlen und die zukünftigen Kürzungen bei den sogenannten freiwilligen Leistungen durch eine Bürgerbeteiligung zu rechtfertigen. Durch ein Verfahren bei dem man nicht weiß, wie repräsentativ es ist. Und anscheinend jeder, der über mehr als eine Mailadresse verfügt, kann sich mehrfach beteiligen. Außerdem ist es auch für Nicht-Bonner möglich, über die Sparvorschläge abzustimmen. Seriös ist sicher anders.

Der Oberbürgermeister vergleicht die Aktion mit einem Familienrat, der gemeinsam bestimmt, worauf am ehesten verzichtet werden kann. Offensichtlich ist man in Bonn der Meinung, dass das die Kultur sein könnte. Also einer der Faktoren, der eine Stadt erst zur Stadt macht. Dann sollte OB Nimptsch vielleicht doch gleich radikaler sein? Hier ein Vorschlag: Abschaffung der Stadt Bonn und Umbenennung in „vorkölnisches Ansiedlungsgebiet“!

Und wenn man meint, Politiker und ihre Aktionen könnten nicht absurder werden, kommt der Kölner SPD-Fraktionsvorsitzende Martin Börschel. Dieser schlägt nämlich als Ausweichspielstätten für die zu sanierende Kölner Oper statt des nahen Musical Dome die Bonner Oper und eine noch zu bauende Vorstadt-Mehrzweckhalle vor (nachzulesen hier in der Kölnischen Rundschau). Also sollen Theaterschaffende und Publikum weite Strecken in eine andere Stadt reisen (wie ökologisch sinnvoll), die eine Oper hat, die kaum freie Termine für diese Ausweichgäste anbieten kann. Oder alternativ in eine nicht existierende Halle. Und das, obwohl direkt in der Innenstadt ein großes, fertig eingerichtetes Theaterzelt steht. Zurecht hat Opernintendant Uwe Eric Laufenberg in einem offenen Brief indirekt mit Rücktritt gedroht und bezeichnet Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau diese Pläne als „Abstrus“.

Dabei sagen Politiker doch manchmal auch ganz vernünftige Sachen, wie hier in der Emsdettener Volkszeitung: „Es gibt keine Theaterkrise. Es handelt sich um eine Krise der Kommunalfinanzen.“ Vielen Dank Ute Schäfer (Kulturministerin NRW). Was allerdings aus dem avisierten Theaterpakt, der „Ständigen Theaterkonferenz“ und der dringend nötigen Erhöhung der unterdurchschnittlichen Landesmittel für die Theater in NRW nach dem Stopp des Nachtragshaushalts durch das Landesverfassungsgericht wird, ist völlig unklar.

Aber zumindest muss man Frau Schäfer für diesen einen Satz Applaus schenken. Häufig wird ja von kulturunberührten Lokalpolitikern so getan, als würde das örtliche Stadttheater Gelder verschwenden und man müsse solange Druck machen, bis diese endlich so kommerziell erfolgreich arbeiten wie die Musicaltheater in Hamburg. Aber den Unterschied zwischen einem En-suite-Spielbetrieb mit einem kommerziellen Unterhaltungstheaterstück und einem Stadtheater mit Repertoiresystem zu bezahlbaren Ticketpreisen wollen diese Lokalpolitiker dann gar nicht erklärt bekommen, sonst könnten Sie ja nicht mehr so schön davon ablenken, dass außer Kulturkahlschlag und Bildungschaos eigentlich nichts mehr wirklich in ihrer Entscheidungsmacht liegt.

Und um einen Bogen zu schlagen:
Über die Pläne der Bonner Politiker für das Theater Bonn wurde in diesem Blog hier, hier, hier und hier berichtet; über die Forderungen Einzelner nach Abschaffung der Stadttheater zugunsten einer Förderung von Künstlerkollektiven oder der freien Theater wurde hier und hier berichtet. Bonn zeigt nun exemplarisch, dass Theaterschaffende der freien Szene und der öffentlichen Theater gegen politische Amokläufe zusammen stehen und sich nicht in Grabenkämpfen ergehen sollten. Denn in Bonn sind auch die professionellen freien Theater auf den Streichlisten der Stadt. Deshalb veröffentlichen wir hier auch deren Hilferuf:

Stellungnahme privater und freier Theater zur aktuellen Situation der Kultur in Bonn

Seit dem Frühjahr 2010 ist die zukünftige Finanzierung der privaten und freien Theater in Bonn völlig ungeklärt. Zu Beginn des Jahres 2011 gilt für das Kulturamt – entgegen diversen Äußerungen aus der Kulturpolitik – immer noch die von dem ehemaligen Kulturdezernenten Dr. Krapf veröffentlichte sogenannte ‚Giftliste‘, die bereits in diesem Jahr einschneidende Kürzungen der kommunalen Zuschüsse für die professionellen freien Theater bedeutet.

Für 2012 ist eine Reduzierung der städtischen Mittel auf insgesamt ca. 50% des Standes von 2010 vorgesehen, was für die Theater jetzt schon kaum noch angemessene Planungen zulässt. Das Euro Theater Central und das Kleine Theater Bad Godesberg müssten nach der nächsten Spielzeit schließen, mehrere andere Theater wären in ihrer Existenz massiv gefährdet, wenn diese Sparliste umgesetzt wird.

Die neun von der Stadt institutionell geförderten Theater erreichten 2010 in ca. 2.000 Vorstellungen mehr als 320.000 Besucher aller Generationen und sozialen Schichten. Im vergangenen Jahr hat die Stadt dafür etwas mehr als eine Million Euro aus Steuergeldern zur Verfügung gestellt. Das entspricht durchschnittlich etwa drei Euro pro Zuschauerplatz bzw. jährlich pro Einwohner, also nur knapp 1,7 % der von der Stadtverwaltung angegebenen Kulturausgaben von 178 Euro pro Kopf.

Die beliebte Vielfalt der Bonner Theater würde durch die geplanten Mittelkürzungen ruiniert, obwohl der Einspareffekt angesichts der drohenden städtischen Defizite allenfalls symbolisch wäre. Die Einsparungen würden Bonn sogar wirtschaftlich dauerhaft schädigen, denn die privaten und freien Theater rentieren sich für die Stadt. Durch Eigeneinnahmen und Zuschüsse aus Drittmitteln erwirtschaften sie insgesamt mindestens das Dreifache der investierten städtischen Mittel. Sie beschäftigen zahlreiche Künstler (mit Gästen insgesamt über 1.000 pro Jahr), Techniker und sonstige Mitarbeiter, die hier Geld für ihren Lebensunterhalt ausgeben, Mieten, Steuern und Sozialabgaben zahlen. Sie locken Zuschauer an, die hier nicht nur Eintrittsgelder zahlen, sondern auch Geschäfte und die Gastronomie frequentieren. Durchschnittlich fließt dadurch jeder investierte Euro mindestens doppelt in die städtischen Kassen zurück. Die Kreativwirtschaft ist bundesweit ein Wachstumszweig und für eine Stadt, die auf Internationalität, Innovation und Wissenschaft setzt, unverzichtbar.

Unabhängig von allen statistischen Daten zur Wirtschaftlichkeit und Umwegrentabilität ist es für die Stadt notwendig, dass Künstlerinnen und Künstler hier dauerhaft arbeiten und produzieren. Nur so ist eine nachhaltige kulturelle Bildungsarbeit möglich. Nur so entsteht eine Identifikation des Publikums mit ’seinen‘ Theaterschaffenden und ermöglicht ein soziales Klima, in dem kreative Zukunftsimpulse gedeihen können. Die Theater arbeiten das ganze Jahr über vor Ort. Dieses ist durch teure kulturelle ‚Events‘, die nur zu bestimmten Zeiten nur einen kleinen Teil der lokalen Bevölkerung erreichen, nicht zu ersetzen.

Wir appellieren an die Bonner Bürgerinnen und Bürger, bei der am 18. Januar 2011 startenden Bürgerbefragung zur Haushaltskonsolidierung gegen einen Kahlschlag in der Bonner Theaterlandschaft zu stimmen. Zuschusskürzungen bei den privaten und freien Theatern hätten verheerende Auswirkungen auf die Vielfalt der kulturellen Angebote in Bonn. Außerdem würden sie die wirtschaftliche Lage der Stadt nicht verbessern sondern verschlechtern. Ein klassischer Schildbürgerstreich!

Frank Heuel, Rainald Endrass und Rafaële Giovanola (Theater im Ballsaal), Jürgen Becker (Brotfabrik), Horst Johanning (Contra-Kreis-Theater), Gisela Pflugradt-Marteau (Euro Theater Central), Moritz Seibert (Junges Theater Bonn), Walter Ullrich (Kleines Theater), Tina Jücker und Claus Overkamp (Theater Marabu), Rainer Pause und Martina Steiner (Pantheon), Andreas Etienne (Springmaus), Elisabeth Einecke-Klövekorn (Theatergemeinde BONN)

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