Jörg Löwer Geschrieben am 20 November, 2014

Scherbenhaufen in Wuppertal

Ludwig BarnayDer Intendant der Wuppertaler Oper und Generalmusikdirektor, Toshiyuki Kamioka, wird seine Ämter zum Ende der kommenden Spielzeit vorzeitig aufgeben.
Oberbürgermeister Peter Jung (CDU) hatte den Intendanten Mitte November ultimativ aufgefordert, sich für oder gegen seine Ämter in Wuppertal zu entscheiden.

Hintergrund waren Medienberichte, nach denen Kamioka seinen Vertrag, eigentlich bis 2021 geschlossen, bereits 2016 wieder lösen wolle. Zwar hatte Kamioka diese Meldungen halbherzig dementiert, dabei aber Worte gewählt („Dann muss man sehen“), die nicht nur von den überregionalen Feuilletons eher als Bestätigung aufgefasst wurden. Die FAZ schrieb vom „kulturpolitischen Scherbenhaufen“, den Kamioka hinterlasse. Auch der OB war nicht amüsiert: „Ich fordere Herrn Professor Kamioka auf, unmissverständlich für Klarheit zu sorgen!“ Der GMD solle verbindlich erklären, ob er seinen Vertrag erfüllen werde oder nicht. Ansonsten sei es in der Verantwortung für die Wuppertaler Bühnen und das Sinfonieorchester zwingend erforderlich, die Nachfolge zu regeln. Für Kamiokas Argumentation, wegen der Doppelbelastung als Generalmusikdirektor und Opernintendant müsse er darüber nachdenken dürfen, ob er seinen Verpflichtungen langfristig genügen könne, hat Jung kein Verständnis. Die Personalunion sei auf Wunsch Kamiokas „maßgeschneidet“ worden.

Klarheit ist bei einer Sitzung des Kulturausschusses am 19. November nun entstanden: Kamioka kündigte an, seine Ämter zum Ende der Spielzeit 2015/2016 abzugeben und nach Japan zurückzukehren. Er habe der Stadt ursprünglich vorgeschlagen, zwei Monate in Japan arbeiten zu können, dabei aber seine Wuppertaler Positionen zu behalten. „Oper und Orchester erfordern eine ganze Arbeitskraft“, entgegnete OB Jung. „Wenn er seine ganze Arbeitskraft nicht in Dienst der Stadt stellen kann, dann trennen wir uns.“

Die GDBA und insbesondere der Landesverband NRW hatten immer wieder auf die problematische Situation in Wuppertal aufmerksam gemacht (nachzulesen hier, hier und hier) – zuletzt hatten sich auch die Betriebs- und Personalräte/innen großer Theater in NRW geäußert (Bühnengenossenschaft 11/14): Während das Land versuche, seine Kulturlandschaft zu erhalten, werde in Wuppertal der Abbau derselben praktiziert. Kamioka hatte das feste Ensemble der Oper komplett entlassen. Dass, so GDBA, VdO und Betriebs- und Personalräte, bedeute prekäre Arbeitsverhältnisse am Theater, insbesondere in den künstlerischen Bereichen. Nicht nur sei das ungerecht gegenüber den ungeschützten, gering bezahlten Künstlern, es gehe auch zu Lasten der Qualität.

Kamioka hatte statt des festen Ensembles nur noch Gäste engagiert und Produktionen im „Stagione“-Betrieb gespielt. Dies hatte weitreichende Folgen, vor denen nicht nur die GDBA beizeiten gewarnt hatte. Die Inszenierungen waren nicht einmal sämtlich Wuppertaler Produktionen, die Eröffnungspremiere „Tosca“ etwa eine Übernahme aus Klagenfurt. Das Programm von Kamioka, so befand ein Kritiker, enthalte „nur narren­sichere Stücke, die so auch 1952 in Braunschweig oder 1974 in Augsburg hätten aufgeführt werden können“. Kamioka zerstört „die Strukturen eines Stadt­theaters, nicht um künstlerische Freiheiten zu be­kommen, sondern ausschließlich um Geld zu sparen“, kritisierte Deutschlandradio Kultur. Dissonanzen hatte es dabei schon vor Beginn von Kamikoas Intendanz gegeben. OB und designierter Intendant hatten immer wieder bestritten, dass es zu Personalentlassungen kommen werde – die dann prompt folgten. Stefan Keim bei 3sat damals: „Da wurde schlicht gelogen.“

Schließlich sollen auch noch die Zuschauerzahlen der Oper nicht den Erwartungen entsprochen haben. Keineswegs überraschend: Unter anderem die GDBA hatte immer wieder gewarnt, der Verzicht auf ein festes Ensemble werde zu fehlender Identifizierung des Publikums mit „seinen“ Darstellern führen. Genau das scheint jetzt eingetreten zu sein.
Und auch mit dem Sinfonieorchester soll es zuletzt Streit gegeben haben: Kamioka plante eine Konzertreise des Orchesters nach Japan, die Musiker fürchteten sich angeblich vor der Restradioakitivität aus Fukushima. Kamioka bestreitet: „Es gibt keinen Streit! Atmo­sphärische Störungen kommen immer mal wieder vor.“

„Nichts weniger als eine erneute Theaterkatastrophe“ sieht die Welt in Kamiokas Rückzug für die Stadt – die allerdings zeige auch, „was für eine waghalsige Zockerei Wuppertal da probiert hat“, in dem alles auf die Karte Kamioka gesetzt worden sei. Wuppertal sei es immer nur ums Sparen gegangen. Mit einem leeren Opernhaus sei das am einfachsten.

Tatsächlich steht die Stadt nun ohne Opernensemble und nur mit einem besseren Gastspielbetrieb dar, der auf künstlerisch halbwegs ambitionierte Nachfolge-Kandidaten nicht unbedingt attraktiv wirkt. Und es fehlen ja nicht nur fest angestellte Sänger, sondern auch eine Dramaturgie, Theaterpädagogen, Korrepetitoren, Inspizienten, kurz alles. was einen Musiktheaterbetrieb ausmacht.

Trotzdem will Oberbürgermeister Jung „bis Jahresende einen Weg finden, wie es mit Oper und Sinfonieorchester weitergeht“. Was bleibt ihm sonst übrig?

POSTIV-BEISPIEL FRANKFURT

Ein Blick nach Frankfurt am Main könnte bei der Neupositionierung helfen: Der dortige Intendant Bernd Loebe sagte der Frankfurter Rundschau, unter dem Strich könne es billiger sein, das vorhandene Ensemble auszubauen, als Gäste zu engagieren: „Wir haben das Ensemble hier seit 2002 von etwa 18 auf 40 Personen aufgestockt, und da muss ich mich gegenüber der Stadt schon erklären.“ Aber es sei „gut für die Publikumsbindung“. Auf diese Weise gäbe es an der Frankfurter Oper viele interessante junge Sänger. „Das unterschätzen die Verfechter des Stagione-Betriebs.“ Er empfinde die Arbeit mit einem Ensemble und die dadurch entstehende Qualität als wertvoll. „Ein solches Haus ist doch immer am Dampfen. Und ein ungemein beweglicher Apparat.“ Eine nicht zu unterschätzende Verlässlichkeit gäben Tarifverträge. „Natürlich gibt es die Problematik der Tariferhöhungen alle zwei, drei Jahre. Aber warum sollen die Leute von einer gesellschaftlichen Entwicklung ausgespart bleiben?“

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