Jörg Rowohlt Geschrieben am 25 August, 2014

Politik und Theater: Was, wenn der Bürgermeister André Rieu mag…

Ludwig BarnayÜber die Bad Hersfelder Festspiele ist im Zusammenhang mit der fristlosen Entlassung von Intendant Holk Freytag in den letzten Wochen viel geschrieben worden, auch von uns, und die Affäre ist – zumal juristisch – noch längst nicht beendet.

Nun wird ein „Zukunftskonzept“ des Hersfelder Bürgermeisters bekannt, das schon vom Januar 2014 stammt und für jedermann auf der Internetseite der Stadt nachzulesen ist. Dieses Papier begründet allerdings die Behauptung des Hersfelder Ensembles, Bürgermeister Fehling habe von langer Hand einen „Putsch“ gegen die Festspiele und seinen Intendanten geplant. In dem neunseitigen Papier ist nämlich ganz offen die Rede davon, dass die Stadt ihre Festspiele künftig an der kurzen Leine führen werde – und zwar nicht nur mittels gedeckelter Finanzzuschüsse sondern auch durch direkten Einfluss auf den Spielplan. Zu diesem Zweck soll eine Kommission eingerichtet werden, die von Stadtrat und Sponsoren dominiert wird, und die den Spielplan genehmigen muss: „Sollte die Kommission nicht einverstanden sein, müssen die beiden (künstlerischer und kaufmännischer Direktor – jr) einen neuen Entwurf vorstellen“. Auf jeden Fall sei klar: „Somit liegt die letzte Entscheidung immer bei der Kommission.“

Dass Politiker über Spielpläne entscheiden, ist neu. Oder auch nicht ganz so neu, aber das waren andere Strukturen, nicht der Theater, vielmehr des Staates. Aber Bürgermeister Fehling kann schließlich nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unterm Arm rumlaufen. Auch in Ungarn oder neuerdings in der Türkei sieht man das mit der Kunstfreiheit nicht so eng: Der Istanbuler Staatsoperndirektor Suat Arikan hatte die Pläne der Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan kritisiert, einen neuen elfköpfigen „Kulturrat“ zu schaffen, der künftig die Kunst auf türkischen Bühnen leiten und fördern soll. Flugs wurde Arikan entlassen und der regierungskonforme Märchenopernkomponist Selman Ada zum Generaldirektor ernannt.

Parallelen gibt es natürlich keine: Schließlich hat Bürgermeister Fehling wohl noch keinen Nachfolger für Freytag auserkoren und auch ein Zusammenhang zwischen dessen SPD-Mitgliedschaft und dem FDP-Parteibuch des Bürgermeisters bei der wahrscheinlich teuren Entlassung ist einstweilen nichts als eine üble Unterstellung.

Dabei ist langjährige Praxis, dass Politiker über die Besetzung von Theaterleitungen (mit-)entscheiden. Ein einmal installierter Intendant war dann allerdings bisher immer im Rahmen seines Budgets frei bei Aufstellung eines Spielplans – und das sollte auch so bleiben. Jedenfalls bleibt zu hoffen, dass nicht in den diversen Schubläden von Kirchturms-Politikern noch ähnliche Pamphlete schlummern (oder solche Maßnahmen womöglich unbeobachtet längst geübte Praxis irgendwo in der Provinz sind).

Und was passiert eigentlich, wenn ein solchermaßen kunstsinniger Bürgermeister auf André Rieu besteht?

Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken

Kategorien

Archive