Grußwort Rolf Bolwin

Rolf_Bolwin
© Sarah Porsack von HANSESHOT

Lieber Herr Kliebes, lieber Herr Herdlein,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Besondere im Theater ist bekanntlich die Premiere. Erwartungsvolles Publikum. Lampenfieber. Nervöser Intendant. Hektische Betriebsamkeit, bevor der Vorhang sich hebt. Diskussionen nach der Vorstellung, gegebenenfalls schon in der Pause. Einschlafende oder auch Türen knallende Zuschauer. Schließlich Premierenfeier mit zuweilen rauschartigen Zuständen.

Auch mein Auftritt heute bei Ihnen ist eine Art Premiere, meines Wissens hat es ein Grußwort des Bühnenvereinsdirektors in der Generalversammlung der Genossenschaft noch nicht gegeben, jedenfalls nicht in meiner Zeit. Nun vermag ich nicht zu sagen, wie hoch Ihre Erwartungen sind. Soweit ich weiß, ist jedenfalls eine Premierenfeier nicht geplant. Natürlich werde ich mich dennoch bemühen, dass Sie weder einschlafen noch Türe knallend den Saal verlassen, weiß ich doch dieses Grußwort, das Sie mir einräumen, besonders zu schätzen. Ja, ich empfinde es als eine Ehre und einen Vertrauensbeweis, ob dem ganzen Bühnenverein gegenüber oder nur mir als Person, das lasse ich mal dahingestellt. Ich finde es jedenfalls bemerkenswert, dass Sie mir als Vertreter der Arbeitgeber die Möglichkeit des direkten Dialogs mit Ihnen einräumen. Und den daraus resultierenden Anforderungen werde ich mich bemühen, gerecht zu werden.

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ hat Karl Valentin gesagt und das zielt gleich in den Kern unseres Geschäftes. Denn die Freiheit der Kunst einerseits sowie die Regelung der Arbeitsbedingungen andererseits stehen nun einmal in einem nicht unerheblichen Spannungsverhältnis zueinander, und das ist diplomatisch formuliert. Ich kann Ihnen versichern, da gibt es weit radikalere Sichtweisen. Mancher Regisseur wittert ja hinter jeder tarifvertraglichen Regelung einen Eingriff in seine künstlerische Freiheit. Da werden Ruhezeiten gerne zum Probenkiller und befristete Arbeitsverträge mit dem allseits bekannten Nichtverlängerungsverfahren zu Beamtenverhältnissen für Schauspieler, Sänger und Tänzer. Allenfalls die Musiker und der TVK machen solchen jungen oder zuweilen auch älteren Wilden erkennbar, dass der NV Bühne doch beträchtliche Freiheiten einräumt.

Insoweit haben Bühnenverein und GDBA in den letzten 50 Jahren eine gute Arbeit miteinander geleistet, auf die wir auch gemeinsam ein wenig stolz sein dürfen. Denn es ist uns gelungen, zwischen den Freiheiten, derer die Kunst bedarf, und der Schutzbedürftigkeit der Mitarbeiter einen Ausgleich zu finden, der sich sehen lassen kann. Sicher bleiben Wünsche auf beiden Seiten offen. Das darf man mit Gelassenheit nehmen, gilt doch für Tarifverträge ein eherner Grundsatz: Sie sind nur dann gut, wenn beide Seiten aus jeweils entgegengesetzten Gründen damit gleichermaßen unzufrieden sind.

Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass der NV Bühne eine Art Garant für das Ensemble- und Repertoiretheater ist, weil er einerseits alles erlaubt, was die Kunst im Alltagsbetrieb so erfordert, aber zugleich die Möglichkeit eröffnet, den künstlerischen Mitarbeitern für eine oder mehrere Spielzeiten feste Arbeitsverträge anzubieten, selbst da, wo das Geld nicht so üppig zur Verfügung steht.

So weit, so gut, darf man sagen. Jedenfalls solange die Arbeitgeber mit den ihnen eingeräumten Freiheiten verantwortungsbewusst umgehen. Das ist eigentlich, von kleineren Ausbrüchen einmal abgesehen, weitestgehend durchaus der Fall. Und doch gibt es eine Reihe von Fehlentwicklungen, die es noch einmal deutlich zu benennen gilt. Sie liegen vor allem in den Spar-, oder besser Kürzungsszenarien, die mancher Rechtsträger meint, sich bei der öffentlichen Finanzierung des Theaters zur Sanierung seines Haushaltes leisten zu müssen. Zunächst möchte ich auch hier meine Zweifel äußern, dass die Zwangslage wirklich so groß ist. Die Bundesrepublik Deutschland gibt jährlich etwa eine Billion Euro an öffentlichem Geld aus. Davon fließen acht Milliarden in die Kultur, davon wieder zwei Milliarden in die Theater und Orchester unseres Landes. Das sind nach Adam Riese 0,2 Prozent der Gesamtausgaben. Ich wage einmal die keinesfalls kühne These, dass die Haushaltsprobleme der öffentlichen Hand selbst dann nicht gelöst wären, wenn wir morgen die Ausgaben für die Theater und Orchester um, sagen wir einmal, 500 Millionen Euro reduzierten. Dies gilt erst recht, wenn man einmal gegenrechnen würde, was denn das Arbeitslosengeld und die Sozialhilfe für die vielen entlassenen Kolleginnen und Kollegen kosten würden. Und weil man das irgendwie weiß, erlauben sich besonders schlaue Politikvertreter den Hinweis, das Kürzen der öffentlichen Zuschüsse der Theater und Orchester dürfe nicht einhergehen mit Einschnitten beim Personal. Jedenfalls dürfe es keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Das ist doppelt ärgerlich. Denn zum einen streut es dem Steuerzahler den Sand in die Augen, die Kürzung der Zuschüsse führe gar nicht zu der von der Mehrheit der Bevölkerung doch immer noch deutlich verurteilten Arbeitslosigkeit, was bekanntlich nicht stimmt. Denn sparen kann ein Theater, wie wir alle nur zu gut wissen, ausschließlich beim Personal. Hinzu kommt aber zum anderen, dass es beim künstlerischen Personal, das gemäß NV Bühne beschäftigt wird, gar keiner betriebsbedingten Kündigungen bedarf. Also erklärt doch der Politiker, der den öffentlichen Zuschuss ohne betriebsbedingte Kündigungen reduzieren will, ausgerechnet das künstlerische Personal zum Freiwild, ohne sich damit gegenüber den Wählern die Finger schmutzig machen zu müssen. Oder weniger dramatisch ausgedrückt: Man nützt die im NV Bühne den Arbeitgebern im Namen der Kunst eingeräumten Freiheiten zur Durchsetzung von Rationalisierungsmaßnahmen. Das ist weder von den Tarifvertragsparteien gewollt, noch hat das etwas mit der Freiheit der Kunst zu tun.

In dieser Situation betritt die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, nein nicht Verdi, das war ein ausgezeichneter Komponist, die Szene. Sie bläst plötzlich über die Tarifverhandlungen für den kommunalen öffentlichen Dienst zur Attacke ohnegleichen auf den NV Bühne. Große Teile des künstlerischen Personals sollten in den TVöD überführt werden. Nur, wer Tendenzträger ist, also die künstlerische Arbeit des Theaters wesentlich mitgestaltet, sollte im NV Bühne verbleiben. Nun, Sie wissen es, dieser Angriff auf den NV Bühne wurde zum Großteil abgewehrt. Ausschließlich im technischen Bereich gibt es einige neue Abgrenzungen, die sich aber nicht wesentlich auswirken werden, wenn man damit einigermaßen fantasievoll umgeht. Und auf Fantasie verstehen wir uns ja. Das Entscheidende aber ist und ehrlich gesagt, man fasst sich an den Kopf bei so viel Ahnungslosigkeit, ist doch Folgendes: Wäre es ver.di gelungen, große Teile des künstlerischen Personals in den TVöD zu überführen, wäre für dieses Personal der aus künstlerischen Gründen spielzeitbezogene befristete Arbeitsvertrag perdu gewesen. Die einzige Befristungsmöglichkeit, die den Theatern geblieben wäre, wäre der auf Produktionsdauer abgeschlossene Vertrag gewesen, so wie er fast überall in der Welt üblich ist. Das aber hätte das Ende des auf eine oder mehrere Spielzeiten befristeten Arbeitsvertrags bedeutet und damit auch das Ende des Ensemble- und Repertoirebetriebs. Dass beides eben nicht eintritt, ist der Verdienst des NV Bühne und für diesen gilt es deshalb gemeinsam mit Ihnen zu streiten.

Ich will dieses kurze Grußwort nicht beenden, ohne noch zwei wichtige Themen anzusprechen. Das eine betrifft die Haustarifverträge, die aus meiner Sicht ebenfalls einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Ensemble- und Repertoiretheaters leisten. Allen Kolleginnen und Kollegen, die zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf Teile ihrer Gage verzichten, ist an dieser Stelle eine besondere Hochachtung auszusprechen. Es ist eine bittere Pille, die Sie da zu schlucken haben. Ich würde Sie Ihnen gerne ersparen, glaube aber, dass wir an einigen kleineren Standorten, an denen wir doch relativ große Betriebe haben, auch in Zukunft ohne solche Verträge nicht auskommen werden. Aber auch an diesen Standorten wird sich der Bühnenverein weiterhin darum bemühen, dass eine gewisse zumutbare Grenze des Gagenverzichts nach unten nicht überschritten wird.

Das zweite Thema ist die zunehmende Anzahl der bereits erwähnten auf Projektdauer, also für eine Produktion bzw. für wenige Vorstellungen abgeschlossenen Beschäftigungsverträge. Die GDBA fordert schon lange einen Tarifvertrag für diese Mitarbeiter. Das ist kein einfaches Feld für uns. Umso mehr freue ich mich, dass die Diskussionen darüber im Bühnenverein immerhin zur Aufnahme von Gesprächen geführt haben. Wir arbeiten zurzeit an einem ersten Entwurf, wodurch jedoch vor allem die rechtlichen Probleme so richtig zu Tage gefördert werden. Was wir Ihnen also liefern werden, wird sicher hinter Ihren Erwartungen zurückbleiben. Ich möchte Sie aber ausdrücklich bitten, das nicht zum Anlass zu nehmen, die Tür für die Verhandlungen zuzuschlagen. Ich glaube, es ist erst einmal ein Anfang zu machen, um dann zu sehen, wie sich dieser Bereich in den nächsten Jahren weiterentwickelt. Uns geht es vor allem darum, deutlich zu machen, dass Sie – und natürlich auch die VdO – die Künstlergewerkschaft sind und nicht ver.di. Das soll die Schauspieler, Sänger und Tänzer, auch wenn sie unständig beschäftigt sind, wie es heute so schön heißt, ermutigen, in die Genossenschaft einzutreten. Denn nur, wenn das geschieht, kann man mit Ihnen die Arbeitsbedingungen dieser Mitarbeiter in Tarifverträgen regeln. Die Existenz einer möglichst viele Künstler vertretenden Gewerkschaft ist also im ureigenen Interesse des Bühnenvereins.

Neulich hat die Initiative „art but fair“, die sich für einen ausreichenden Schutz von darstellenden Künstlern einsetzt, gefordert, man müsse goldene Regeln für deren Beschäftigung aufstellen. Ich habe, von einem Journalisten darauf in einem Interview angesprochen, geäußert, das fände ich eine gute Idee, zumal es diese Regelungen in Form des NV Bühne schon gebe und wir sogar über neue Regelungen für die sogenannten Gäste bereits Gespräche führten. Die Initiatoren von „art but fair“ müssten jetzt nur noch der GDBA beitreten, dann seien wir auf einem guten Weg. Den jedenfalls wollen wir mit Ihnen, bei allen Interessensgegensätzen gehen. Und so rufe ich Ihnen zum Abschluss zu: Lassen Sie uns gemeinsam mit aller Kraft daran weiterarbeiten, die Vielfalt der einzigartigen deutschen Theaterlandschaft zu erhalten. Im Sinne des Erhalts dieser Vielfalt und der damit verbundenen künstlerischen Gestaltungsspielräume für tausende von darstellenden Künstlern, nicht im Sinne der Verfestigung von Strukturen, versteht der Bühnenverein auch seinen Vorstoß zur Anerkennung der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft als Weltkulturerbe. Denn bei diesem kulturellen Erbe muss es in Deutschland um mehr gehen als Schuhplattler, Bergmannschor und deutsches Brot. Unsere Theater genießen in der Welt höchstes Ansehen. Sie sind eines der herausragenden Alleinstellungsmerkmale unseres Landes. Wir dürfen ihre Zukunft nicht verspielen, sondern müssen sie gestalten. Das weiterhin zu tun, wird unsere gemeinsame vornehmste Aufgabe sein.

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