Die GDBA als starke Gemeinschaft

Loewer JoergLiebe Kolleginnen und Kollegen,

Der Genossenschaftstag der GDBA Ende Mai 2013 in Hamburg war geprägt von einer allgemeinen Aufbruchstimmung.
Es wäre allerdings vermessen, meine Wahl zum Präsidenten der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger als quasi höchsten Ausdruck dieser Aufbruchstimmung zu betrachten. Im Gegenteil will ich mich bei meinem Vorgänger, Kollegen Hans-Christoph Kliebes, bedanken, ohne dessen unermüdliche Arbeit mancher Fortschritt der vergangenen Jahre nicht möglich gewesen wäre. Einbeziehen in diesen Dank will ich auch meinen Vorvorgänger, Kollegen Hans Herdlein, der mir in den vergangenen vier Jahren eine unerschöpfliche Quelle war, was Grundlagen betraf – durch seinen Anstoß bin ich überhaupt erst für die GDBA aktiv geworden.
Vor meiner Tätigkeit als Referent für die GDBA habe ich – geboren 1969 in Kassel – bis 2007 als Musicaldarsteller und Choreograf überwiegend an deutschen Stadttheatern gearbeitet. Von 2007 bis 2009 war ich Assistent der Geschäftsführung von theaterjobs.de.

Bei einer realistischen Bestandsaufnahme ergeben sich für die GDBA zwei Hauptpunkte, die unsere zukünftige Arbeit mitbestimmen sollten. Einmal gilt es, auf das bestehende Nachwuchsproblem zu reagieren – nur 15 % der Mitglieder sind unter 40 Jahren. Außerdem ist ein Großteil unserer Mitglieder – Freischaffende aller Berufsgruppen, Solistinnen und Solisten in Jahresengagements, Arbeitslose auf Jobsuche – im Gegensatz zu anderen Gewerkschaften örtlich äußerst mobil und damit für die GDBA schwerer zu organisieren. Andere Gewerkschaften haben es da bei ihrer örtlich sesshaften Klientel leichter.

Alle gut gemeinten Initiativen bleiben sinnlos, wenn wir diese Realitäten nicht in unsere Überlegungen und Strategien mit einbeziehen – es muss insbesondere um die Mobilisierung unserer jüngeren Kolleginnen und Kollegen gehen. Die GDBA muss zunächst überhaupt in deren Bewusstsein verankert werden und als starke Gemeinschaft erscheinen. Gleichzeitig müssen alle schon bestehenden erfolgreichen Initiativen, die sich den Mitgliedern zuwenden, gestärkt und ausgeweitet werden. Um Beispiele zu nennen: Adil Laraki vom Landesverband NRW macht eine hervorragende Pressearbeit und ist exzellent mit der Politik vernetzt. Sabine Nolde hat in ihrem Landesverband Nord eine Freischaffendeninitiative gestartet, die ganz wunderbare Ergebnisse gezeigt hat und ich werde mich dafür einsetzen, dass so etwas in jedem Landesverband umgesetzt wird. Außerdem haben einzelne Lokalverbände in größeren Metropolen – stellvertretend sei hier Peter Pfitzner von der Staatsoper München genannt – vorgeschlagen, dass sie die Einzelmitglieder vor Ort zu sich einladen, um das Gemeinschaftsgefühl im Verband zu stärken.
All das trägt dazu bei, mit Mitgliedern in Kontakt zu kommen und sie an uns zu binden.

Der für eine engere Mitgliederbindung notwendige Maßnahmenkatalog, mit dem der Hauptvorstand vom Genossenschaftstag beauftragt worden ist, wird sicher nicht von heute auf morgen umzusetzen sein. Einen ersten zentralen Schritt hat der zurückliegende Genossenschaftstag aber bereits getan: Mit einer Satzungsänderung werden die vielen Mitglieder ohne Lokalverbandszugehörigkeit künftig stärker an der Arbeit der GDBA beteiligt und ihre Rechte gestärkt. Das ist ganz wesentlich, denn ein erfolgreicher Verband muss mit seinen Mitgliedern in Kontakt stehen und diesen Beteiligungsangebote machen.

Einen solchen stärkeren Bezug zur GDBA müssen wir auch für die riesige Gruppe von Solistinnen und Solisten schaffen, die gar kein Festengagement mehr erlangt. Dazu muss der NV Bühne gestärkt werden – er ist schließlich so etwas wie die Bibel der GDBA. Mir als Freischaffendem, der von Auftrag zu Auftrag lebte und dem immer klar war, dass man als Künstler nicht die gleiche soziale Sicherheit erwarten kann wie ein Verwaltungsangestellter, erschien der NV Bühne immer als Traumvertrag, der ein Jahr Sicherheit bot. Ansonsten hatte er für mich als Gastkünstler aber kaum weitere Bedeutung. Wir brauchen hier programmatische Erfolge, also z. B. Regelungen für gastierende Bühnenkünstler im NV Bühne – ein Gastvertragsrecht. Hier hat der Landesverband Nord wichtige Vorarbeit geleistet, die sich auch in den Beschlüssen des Genossenschaftstages widerspiegelt.

Zur Mitgliederwerbung gibt es drei statistisch relevante Tatsachen, die wir alle zusammen in der Hand haben:

  • Erstens: starke Ansprache vor Ort – stellvertretend seien hier Hellen Kwon von der Hamburgischen Staatsoper genannt, die jedes Jahr einen dicken Umschlag mit Neumitgliedern schickt oder Nathalie Senf, die aus dem Nichts einen Lokalverband in Plauen-Zwickau aufgebaut hat.
  • Zweitens: starke Betriebsräte unter GDBA-Beteiligung bedeuten in der Regel starke Lokalverbände.
  • Drittens: Neueintritte von Kolleginnen und Kollegen, die Beratung suchen und nach ihrem Beitritt auch erhalten. Bedenkenswert ist, dass zuweilen unsere Obleute vor Ort als kostenlose Rechtsberatung des Theaters missbraucht werden und die Beratung dann ohne Beitritt bleibt.

Wenn wir von Mitgliederwerbung sprechen, heißt das auch, den Nachwuchs nicht zu vernachlässigen. Ich möchte durchaus penetrant jedes Jahr die Ausbildungsstätten anschreiben und um Blockseminartermine bitten, wie ich sie selbst z. B. für das Weiterbildungsinstitut iSFF in Berlin gehalten habe. Wir dürfen uns da allerdings nicht zu schnell entmutigen lassen, wenn diese Anfragen nicht sofort erhört werden.

Außerdem sollte die GDBA stärker berücksichtigen, dass die Theaterfinanzierung in erster Linie von der Politik abhängt. Hier müssen wir stärker aktiv werden und die Interessen aller Theaterschaffenden im politischen Raum vertreten. Um für diese Aufgabe unsere Kräfte zu stärken, müssen wir mehr mit Gruppen kooperieren, die die gleichen Ziele haben wie wir. Wir müssen Gruppen finden, mit denen man sich verbünden kann und ich sehe hier in erster Linie die „Vereinigung Deutscher Opernchöre und Bühnentänzer“ (VdO) und den „Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler“ (BFFS) als natürliche Verbündete.

Gleichzeitig sollten wir versuchen, unseren Wirkungskreis als Gewerkschaft zu erweitern. Viele unserer Mitglieder arbeiten in der freien Szene – entweder mit eigenen Projekten oder für Projekte von freien Gruppen und Theatern. Mit dem „Bundesverbandes Freier Theater“ (BUFT) sollten wir hier eine stärkere Zusammenarbeit anstreben, um die Arbeitsbedingungen unserer Mitglieder, die in der freien Szene arbeiten, zu verbessern. Weiterhin entstehen so viele neue Arbeitsfelder für unsere Mitglieder – man denke nur an den ganzen Bereich Kreuzfahrten und Themenparks – dass wir uns dem nicht verschließen dürfen. Hier sehe ich die Arbeit unserer Schwestergewerkschaft „Equity“ aus England als inspirierendes Vorbild. Die dortigen Kolleginnen und Kollegen versuchen ständig, neue Arbeitsfelder zu erschließen und sind momentan dabei, mit Firmen der Modeindustrie über die Unterzeichnung eines Kodexes für die Beschäftigung von Models zu verhandeln.

Und statt zu bedauern, dass das gedruckte Deutsche Bühnen-Jahrbuch – so wie alle lexikalischen Werke weltweit – von Auflagenschwund betroffen ist, sollten wir anerkennen, dass wir gleichzeitig die Produktionskosten um mehr als Zweidrittel senken konnten. Einen zusätzlichen Service, der uns keinen Cent kostet, könnte dagegen z. B. ein kostenloser Zugang zum kürzlich eingeführten Bühnen-Jahrbuch online für GDBA-Mitglieder darstellen.

Schließlich scheint es mir erforderlich, für die Hauptgeschäftsstelle auf meiner bisherigen Position eine/n festangestellte/n Jurist/in zu beschäftigen. Nicht um die Rechtsschutzfälle der GDBA vor Gericht zu vertreten, das machen unsere Syndizi höchst engagiert. Meine Arbeit bei der „International Federation of Actors“ (FIA) hat mir aber gezeigt, dass Gewerkschaftsarbeit von täglicher juristischer Begleitung nur profitieren kann.

Gelingt uns die Realisierung dieser Punkte, dann sollten wir in der Lage sein, die Aufbruchstimmung des Genossenschaftstages weiterzutragen und andere an diesem Aufbruch teilhaben zu lassen.

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