Musical – Live

Erfahrungsbericht eines Musical-Darstellers
Von Jörg Löwer

Sehr interessiert verfolge ich die verschiedenen Berichte über Stellenabbau am Theater, Haustarifverträge, geplante Subventionskürzungen etc. In meinem Tätigkeitsfeld kommen einige andere Punkte hinzu. Ich bin in der Hauptsache als Musicaldarsteller tätig, was in Deutschland überwiegend heißt, entweder in einem der kommerziellen En-Suite-Stücke angestellt zu sein oder als Gast an staatlichen Bühnen.
Seit einiger Zeit entstehen immer mehr Jobs an kleineren „Off-Bühnen“, in der Unterhaltungssparte der Tourismusindustrie (z.B. Shows in Ferienclubs und auf Kreuzfahrtschiffen) oder auch im Musikgeschäft (die Popgruppe ATC z.B. sind alles frühere Ensemblemitglieder des Musicals „Cats“ in Hamburg).

Diese neu entstandenen Berufsbilder sind aber zahlenmäßig noch nicht wirklich ausschlaggebend, und nicht jeder möchte z.B. jahrelang im Ausland arbeiten (Clubshows).
An den kommerziellen Bühnen, die früher oft den staatlichen Häusern als Beispiel für erfolgreiches Wirtschaften vorgehalten wurden, muss man sich gegen große ausländische Konkurrenz durchsetzen und wird für ein Jahr angestellt. Man hat sechs bis acht Vorstellungen pro Woche (Sonnabend und Sonntag zwei) plus Putzproben und spielt öfter mit Kollegen, die kein Wort deutsch sprechen und ihren Text nur phonetisch erlernen. Außerdem ist die Zeit der dicken „Musicalgehälter“ vorbei; die Kurve geht nach unten.

In letzter Zeit zeigt sich, dass selbst diese Theater ohne die eine oder andere Finanzspritze nicht auskommen bzw. dennoch schließen mussten. Das alles, obwohl es Entertainment-Stücke waren. Trotzdem werden Unternehmensberatungsfirmen beauftragt, gegen teures Geld staatliche Theater zu bewerten, die einen Kulturauftrag haben, der kommerzielle Erfolge sicherlich erschwert. Kunst ist also gewollt, solange sie nichts kostet. Wer stellt eigentlich die Finanzierung von Straßenbau, Kanalisation etc. in Frage, obwohl auch diese Dinge keinen direkten Gewinn bringen ? Niemand! Weil sie zum Funktionieren der Gesellschaft notwendig sind.

Kultur ist für eine moderne Gesellschaft unabdingbar und kein Industrieunternehmen. Die staatlichen Theater müssen immer mehr sparen, was u.a. zur Folge hat, dass immer mehr Gäste eingesetzt, Ensembles abgebaut werden.
Dadurch spart das Theater. Aber ist das gesamtwirtschaftlich sinnvoll?
Wenn ich das große Glück habe, zwei Stückverträge terminlich unter einen Hut zu bringen, bleiben immer noch ca. 20 Tage im Monat, an denen ich mich arbeitslos melden muss, da die Theater mich nur tageweise anmelden, und ich so die restliche Zeit sonst nicht versichert wäre (Krankenversicherung, Rentenversicherung, etc.). Fahrtkosten müssen bezahlt werden, Hotelkosten usw.
Mich würde interessieren, was herauskäme, wenn man alle diese Kosten zusammenzählt (Gage, Fahrt, Hotel, Arbeitslosengeld). Ob das billiger kommt? Von der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall will ich hier gar nicht reden.

Dann vielleicht einen Halbtagsjob, statt sich arbeitslos zu melden? Es gibt kaum Arbeitgeber, die Fehlzeiten wegen Vorstellungsterminen akzeptieren. Ein Café will Kellner an festen Tagen. Soll ich jedesmal einen Nebenjob kündigen, wenn ein neues Stück sechs bis acht Wochen einstudiert wird?
Das Arbeitsamt hat sogar schon einmal meine Berechtigung, Arbeitslosengeld zu beziehen, in Frage gestellt, da ich durch meinen Stückvertrag ja nicht vermittelbar wäre.

Aber wo sind denn die Möglichkeiten, sich als Musicaldarsteller auf Dauer fest anstellen zu lassen, abgesehen von den paar Großproduktionen? Zudem versuchen immer mehr Theater, die Abendgage für Gäste nach unten zu drücken (sparen!). Das hat zur Folge, dass sich manche Jobs finanziell fast nicht mehr lohnen.
Auch die Qualität der Produktionen leidet, weil gute Leute nun mal auch gewisse (nicht überzogene) Gagenvorstellungen haben.
Über kurz oder lang ist man als Musicaldarsteller nicht mehr in der Lage, seinen Lebensunterhalt im erlernten Beruf zu verdienen, jedenfalls bei Fortschreiten obiger Entwicklungen.

Wie sich das alles auf die Stückauswahl und die Qualität auswirkt? Nach meiner Einschätzung spielen viele subventionierte Theater immer wieder die paar Dutzend Klassiker, die ein volles Haus garantieren. Tolle Stücke (wo bleiben die häufigeren deutschen Auftragsmusicals, die mutige Stückauswahl?), die des öfteren unter bestimmten Umständen leiden.
Niemand würde die „Königin der Nacht“ mit einer Sängerin besetzen, die ihre Koloraturen nicht beherrscht. Bestimmte Voraussetzungen dieser Kunstform werden respektiert. Im Musical wird z.B. „Sweet Charity“ mit einer Schauspielerin besetzt, weil sie gut aussieht, „Schmiss“ hat und fest am Haus ist. Würde man die gleichen Maßstäbe ansetzen wie in der „Zauberflöte“, müsste es jemand sein, der auch noch sehr gut tanzt und Belt-Gesang beherrscht.

Wenn die „feste“ Schauspielerin das tut – wunderbar. Wenn nicht – dann war der Respekt vor der Kunstform Musical nicht sehr groß und man wollte das Geld für einen Extragast wohl sparen.
Hauptsache, das Musical trägt zur Auslastungszahl bei. Denn das tut es trotzdem, da das Stück immer noch „entertained“. Die kommerziellen Firmen spielen zum Großteil amerikanische und englische Erfolgsstücke mit „copyright“, leider manchmal schwer textverständlich.
Verbesserungsvorschläge ?
Nun, viele meiner Kollegen sind nicht in der GDBA, entweder aus mangelndem Interesse, oder weil unser Beruf außerhalb klassischer (fest im Ensemble) Strukturen stattfindet. Im Stadttheaterensemble versteht man den Sinn eher, weil es um den eigenen Tarifvertrag geht und nicht um eine frei verhandelte Gage an diversen, wechselnden Häusern.

Jörg Löwer ist Musicaldarsteller und Choreograf und war von August 2009 bis Mai 2013 Persönlicher Referent des Präsidenten der GDBA. Im Mai 2013 wurde er zum Präsidenten der GDBA gewählt.

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