Künstlerjammern

Geschrieben am 22.November 2009 von admin

Von Jörg Löwer

Ich habe vor längerer Zeit einen Artikel im Feuilleton gelesen, dessen AutorIn verlangte, die Künstler in Deutschland sollten endlich aufhören, über mangelnde Finanzen zu jammern und sich mehr damit beschäftigen, warum sie da sind. Sinngemäß.
Seitdem beschäftigt mich in Momenten, in denen ich jammern möchte, die Frage, warum ich Künstler bin. Einer dieser Momente war zum Beispiel gekommen, als ich in einer Befragung der zuständigen Kulturpolitiker der Bundestagsfraktionen durch die Zeitschrift „Cast“ zur Wahl bei der SPD-Antwort lesen musste, dass an öffentlich getragenen Theatern längerfristige Verträge üblich seien und Hartz IV vor allem die Beschäftigten beim Film beträfe.
Oder in der CDU-Antwort, dass man ein gerechtes System anstrebe, ohne Ausnahmen im Zusammenhang mit individuellen  Vertragsgestaltungen.

Also: kein Jammern eines am Theater unständig Beschäftigten, der seine Jobs individuell gestaltet, indem er sie auch danach aussucht, ob sie Hartz IV-vermeidungstauglich sind.
Vielmehr: die Frage, warum ich da bin.
Jetzt würde ich gern etwas über die Umsetzung von künstlerischen Ideen als Choreograf schreiben. In der Realität muss ich mich aber immer öfter statt mit meiner persönlichen künstlerischen Idee mit der Frage befassen: „Wie schaffe ich es, dass das Publikum die Kürzungen im Theateretat nicht allzu sehr mitbekommt.“

Dabei beschäftigen mich ganz andere Überzeugungen zum Thema der Rechtfertigung des Theaters.
In unserer ideologisierten Welt, in der die mächtigste Nation vielleicht demnächst von der Evolutionstheorie zur Schöpfungstheorie zurückkehrt, in der nonökonomische Bereiche nicht existent werden ist das Theater eine der letzten Bastionen für so oft geforderte Utopien. Darum bin ich da.

Ich bin Musicaldarsteller geworden, weil mich 1986 als jugendlicher Zuschauer die „West Side Story“ am heimischen Staatstheater mehr beeindruckt hat, als alles andere zuvor.
Jetzt soll ich nicht jammern und mich zum eigenen Steuerberater, Versicherungsvertreter, privaten Rentenvorsorger und „Du bist Deutschland“-Aktivisten ausbilden. Sagen Politik und Wirtschaft.
Lernen die jetzt auch tanzen?

Jörg Löwer ist Musicaldarsteller und Choreograf und war von August 2009 bis Mai 2013 Persönlicher Referent des Präsidenten der GDBA. Im Mai 2013 wurde er zum Präsidenten der GDBA gewählt.


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