„Draußen ist Freiheit“ oder: ein Bericht von der Straße

In „Rache ist süß“, fragt die Hausfrau den als Maler arbeitenden Schauspieler: „So, Sie sind also Freiberufler? Oder wie heißt das bei Ihnen, wenn man auf der Straße liegt?“

Ganz so schlimm ist es nicht, FreiberuflerIn zu sein. Aber es ist ganz anders, als man es sich vorstellt.

Dabei scheint die Freiheit traumhaft: endlich selbstbestimmt arbeiten! Eigene Projekte verwirklichen, mit vielen verschiedenen, spannenden KollegInnen und RegisseurInnen arbeiten, nicht mehr um Genehmigung bitten müssen, wenn man einen Drehtag angeboten bekommt, viel mehr Sprecherjobs machen, gastieren…

Erst einmal aber geht es darum, die „Grundsicherung“ vorzunehmen. Dies geschieht auf vielfältige Art und Weise. Selbst nach vielen Jahren am Theater fällt das Arbeitslosengeld bei manchen Freien mager aus. Wenige schränken sich ein, sammeln heimlich Pfandflaschen und -dosen aus Papierkörben, spenden Blut oder Plasma bis an die Grenze des gesundheitlich vertretbaren, während einige sich in der KSK versichern, als Selbständige ihr Leben meistern und nur noch auf Honorarbasis arbeiten. Andere suchen sich einen Job. Glücklicherweise ist es nicht mehr so verpönt, nebenher zu arbeiten, wie es das noch vor 10 Jahren war.

Längst haben alle begriffen, dass Arbeitslosigkeit kein Zeichen von Talentlosigkeit ist. So mancher/m, die/der am eigenen Leibe erfahren hat, dass man hochgelobt und trotzdem engagementslos schnurstracks auf Hartz IV zusteuert, vergeht die Arroganz des „Na, Du bist wohl doch nicht so gut, wenn Du kein Engagement findest!?“ schnell.

Und die Theater reagieren darauf: Proben werden jobfreundlich vereinbart.

Der Job, der dafür sorgt, dass man ganz gut leben kann und – viel wichtiger! – vor irgendwelchen Vermittlungsversuchen seitens der Arge bewahrt, als Müllaufsammler in der örtlichen Grünanlage zu arbeiten, hat aber auch einige Nachteile:
Zum Beispiel „Fahrtkosten“. Laut Gesetz sind zukünftige Arbeitgeber verpflichtet, ArbeitnehmerInnen die Kosten für die Fahrt zum Vorstellungsgespräch zu erstatten, sofern das nicht im Vorfeld ausgeschlossen wird. Theater machen genau das: „Fahrtkosten können leider nicht erstattet werden.“ heißt es regelmäßig – schließlich, so das schlaue Argument der Theater, könnte man die Erstattung der Fahrtkosten ja bei der ZAV bzw. der Arge einreichen.

Soweit die Theorie.

De facto bekommt man Fahrtkosten nur dann erstattet, wenn man von Arbeitslosigkeit bedroht ist. Und mit einem festen Job – egal ob man in „seinem“ Beruf arbeitet, oder nicht – ist man nicht von Arbeitslosigkeit bedroht.

Erschreckenderweise ist die Zahlungsmoral der meisten „Arbeitgeber“ auf dem freien Markt haarsträubend! Manche zahlen erst nach 8 Wochen und nur unter Androhung rechtlicher Schritte – andere lassen sich schon mal 8 Monate Zeit. Letzteres ist leider eher die Regel als die Ausnahme. Die Ausreden dieser Zahlungsverweigerer sind dabei immer die gleichen: „Der Kunde hat noch nicht bezahlt.“ Man stelle sich mal vor, wie man beim Bäcker steht, Brot kauft und die Zahlung verschiebt mit dem Hinweis, dass der Arbeitgeber das Gehalt noch nicht bezahlt habe. Auch ein Vermieter würde nicht schlecht staunen, wenn man seine Miete erst nach Eingang ausstehender Rechnungen bezahlte.

Stärker noch als bei den festengagierten KollegInnen macht sich die Angst breit, nicht mehr besetzt zu werden, wenn man „unbequem“ wird. Warum man für jemanden arbeiten will, der einen nicht oder nur schleppend bezahlt, bleibt schleierhaft.

Ganz egal, wie man nun seinen Lebensunterhalt bestreitet: Statt als SchauspielerIn Geschichten zu erzählen, Menschen zu berühren, sie vergessen zu machen, dass ihr Alltag gerade nicht so schön ist (oder um sie aufzurütteln), wird man immer mehr zur/m ManagerIn eines Ein-Frau/Mann-Unternehmens.

Ein Netzwerk will geschaffen sein, neue Arbeits- und Auftrittsmöglichkeiten müssen generiert werden. Die eigene Web-Seite, auf die gerne von RegisseurInnen und CasterInnen zurückgegriffen wird (und so Porto spart), muss eingerichtet und gepflegt werden. Alle zwei Jahre ist neues Bewerbungsmaterial fällig, da CasterInnen und Agenturen automatisch alles entsorgen, was älter als zwei Jahre ist. Eine Demo-DVD wird vorausgesetzt, viele Formate werden nur noch „vom Band“ besetzt. Für Photos und Demomaterial sind schnell mal 1000,-€ pro Jahr fällig, die Versandkosten nicht mitgerechnet. Die Arge übernimmt davon übrigens 130,-€ pro Jahr.

Diese Kosten amortisieren sich nicht immer durch die Einkünfte, sondern sind lediglich das, was man als Unkosten verbuchen muss. Man arbeitet also wie ein/e Selbständige/r ohne zwingend deren/dessen Einkünfte zu erzielen. Betriebswirtschaftlich ein Pleite-Unternehmen. Und während man alle Vorteile genießt, die diese Freiberuflichkeit bringt, sehnt man sich manchmal nach der Geborgenheit eines festen Engagements, in dem man für ein oder zwei Jahre die Last der Selbstverantwortung vergessen kann.

Claudia Reimer ist freischaffende Schauspielerin und seit dem Genossenschaftstag 2009 Mitglied im Beirat der GDBA

Diese Seite drucken Diese Seite drucken