Der singende Mensch als Maß aller Dinge?

Bernd Weikl

Der singende Mensch als Maß aller Dinge?

„Gesang ist nun einmal die Sprache, in der sich der Mensch musikalisch mitteilt. Und wenn diese nicht ebenso selbständig gehalten und gebildet wird, wie jede andere kultivierte Sprache es sein soll, so wird man euch nicht verstehen ..“ Richard Wagner 1837

Der Mensch ist als singendes Wesen aus der Evolution hervorgegangen. Als humangenetisches Potential begünstigt Singen in der Früherziehung soziale, kognitive und emotionale Bereiche der Persönlichkeitsentfaltung. Unsere Stimme ist daher der Spiegel unseres geistigen und seelischen Umgangs mit unserem Selbst. Darüber ist sich die heutige Wissenschaft einig.

Das Singen verschwindet aus dem Alltag, berichtet DIE WELT am 1. März 2004. „Die Zahl der Sprechstimmerkrankungen nimmt dramatisch zu. Immer mehr Erwachsene verlieren die Sensibilität für ihre Stimme, was sich oft auch nachteilig im Beruf auswirkt.“ So Michael Fuchs, der Leiter des phoniatrischen Labors an der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der Universität Leipzig. Mitverantwortlich für diese Entwicklung macht der Mediziner und ehemalige Sänger aus dem Leipziger Thomanerchor den heutzutage beinahe vollständigen Ausschluss des Singens im Alltag von Kindern und Jugendlichen. „Wir haben (deshalb) eine erschreckend große Zahl kindlicher Heiserkeiten“, bestätigt Prof. Eberhard Kruse, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. „Die Familie hat praktisch nicht mehr ihre frühere Funktion als Keimzelle für das Singen“, erläutert Helmut Steger, Bundesvorsitzender des Arbeitskreises Musik in der Jugend, das Problem. Auch in den Kindergärten herrsche „Beliebigkeit“. Die Erzieherinnen könnten oft selbst nichts mit Musik anfangen und daher „kaum vermitteln, was Singen eigentlich ist“. Musikunterricht in den Grundschulen – falls es ihn überhaupt gäbe – werde oft von fachfremden Lehrkräften unterrichtet. Damit fielen für die meisten Kinder sämtliche Vorbilder weg. „Unsere Probanden“, sagt Steger, „können heute keine Volkslieder mehr vortragen.“ Auch um die Musikalität einer breiten Schicht der Bevölkerung ist es somit schlecht bestellt.

Im Jahre 1981 hat der Havard-Professor, Howard Gardner, sein Modell der sieben „multiplen Intelligenzen“ vorgestellt. Im traditionellen Intelligenzquotienten wurden bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich die linguistische, die mathematisch-logische und die räumliche Intelligenz als Komponenten angenommen. Gardner benennt außerdem die musikalische, die körperlich-kinästhetische, die intrapersonale und die interpersonale Intelligenz .., und alle diese insgesamt sieben als autonome Intelligenzen. Die körperlich-kinästhetische und die musikalische Intelligenz haben ausgeprägte emotionale Anteile. So ist die Körpersprache bei der menschlichen Kommunikation nachweislich wesentlich gewichtiger als der verbale Inhalt. Auch der Klang der Stimme ist hochgradig ausschlaggebend für Zustimmung oder Ablehnung beim Zuhörer oder eben Geschäftspartner.

Die musikalische Intelligenz entwickelt sich bereits im fünften Monat der Schwangerschaft. In diesem jungfräulichen Stadium sind unsere „Grauen Zellen“ mit einer noch nicht definierten Computer-hardware zu vergleichen. Durch rege Nutzung der synaptischen Kontakte wird der Prägungsprozess eingeleitet. Damit werden Strukturen definiert. Wir lernen. Auch emotionale Erfahrungen während wir dabei Gesang zuhören führen zu Festlegungen in unserem neuronalen Netz. Hört dann der Fötus immer wieder entsprechende Musik – z. B. Mozart – so entwickelt er sich intensiver in Bezug auf Grob- und Feinmotorik, auf die spätere Sprache und einzelne Aspekte der körperlichen Koordination und des kognitiven Verhaltens. Das frühe Initiieren musikalischer Intelligenz beeinflusst die individuelle Persönlichkeitsbildung positiv und ist daher ideale Basis für den Erfolg im späteren Leben. „Wer gelernt hat, Musik wirklich zu hören, nicht nur auf der Oberfläche, sondern bis in die tiefsten Schichten hinein – der wird auch anders auf Kinder, Kunden oder Kollegen hören.“ So der Geiger Miha Pogacnik in BRAND EINS – WIRTSCHAFTSMAGAZIN, Oktober 2003.

Die Medizin berichtet immer wieder über Folgeschäden bei Kindern, die ohne Singen aufwachsen. „Bei 80 bis 90 Prozent unserer heutigen Jugend läßt sich in diesem logischen Zusammenhang eine falsche und daher ineffektive Hoch- und Flachatmung erkennen. 75 bis 80 Prozent zeigen deutlich Haltungsschäden. Bei vielen führt dies zu einer verminderten Wahrnehmungsfähigkeit in nahezu allen Sinnesmodalitäten. Ein Auseinanderdriften von Ratio und Emotio ist die Folge … Etwa 60 Prozent unserer heute Zehnjährigen leiden aufgrund dessen bereits unter psychischen Problemen“, so die Ärztin, Psychologin und Sängerin, Frau Prof. Berka-Schmid aus Wien. Und Menschen mit psychischen Problemen neigen zu so genannten Übersprungshandlungen. Siehe die derzeit diskutierte Jugendkriminalität in den deutschen Medien. Unter www.musikpaedagogik.de äußerten sich Politiker schon vor Jahren zum Thema musische Bildung versus Kriminalität. Prof. Roman Herzog: “ … darum versäume ich nie, warnend auf den in den letzten Jahren stetig darbenden Musikunterricht an unseren Schulen hinzuweisen. Wenn wir einschlafen lassen, was da an Potential vorhanden ist, dann sägen wir an dem Kreativitätsast, auf dem wir alle miteinander sitzen.“ Der ehemalige Staatsminister für Kultur, Dr. Michael Naumann: „Den größten Akzent, den ich in Zukunft, in den nächsten Jahren unserer Regierung setzen möchte, ist eine Förderung vor allem des Musikunterrichts an der Schule. Dieser ist nach Aussagen aller Kenner ins Hintertreffen geraten. Ich halte das für hochproblematisch.“ Und der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily: „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit …wer in der Erziehung der Kinder und Jugendlichen die musische Erziehung vernachlässigt, muss sich nicht wundern, wenn kaltherzige, brutale Charaktere dabei herauskommen …“ Hier gab es spontanen Beifall aller Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Was wurde seither unternommen . . . ?

Auch an unseren Musikhochschulen hat das Können der deutschen Gesangsstudenten (im Vergleich zu früher ) insgesamt sehr nachgelassen. „Wir haben nur noch wenig hoch begabte Stimmen“, resümiert Prof. Christina Wartenberg, die Leiterin der Fachrichtung Gesang an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater. „Der Anteil hervorragender ausländischer Stimmen ist dagegen sehr hoch. Vor allem aus den GUS-Staaten, dem Baltikum und aus Korea kommen große Talente zu uns.“ Zugegeben, die Sprachen dieser Länder sind mit ihrem Reichtum an offenen und daher klingenden Vokalen beste Ausgangsbasis für die sängerische Ausbildung. „Frisia non cantat“, so Tacitus, der römische Geschichtsschreiber. Aber im süddeutschen Raum sind die Vokale in den Dialekten offen und damit sogar der besten aller klingenden Sprachen, dem Italienischen näher, als der deutsche Norden. Sind es jetzt in der Mehrzahl hoch begabte bayerische Opernsänger, die unsere Bühnen bevölkern? Wo ist der früher so dominierende Nachwuchs aus Italien geblieben? Es geht zunächst um Talente – noch vor einer entsprechenden Ausbildung, die jedoch einer gesonderten Betrachtung bedürfte.

Unsere Stimme, der Gesang ist über eine Reihe von nervlichen Verbindungen – s. o. – eng mit unserem Hören und Feldern des Hirns verknüpft. Und indem auch in diesem engen Zusammenhang das differenzierte Hören verschwindet – so der Dirigent Sergiu Celibidache – dominiert Optik. „Reine Musiksendungen in den Medien sind nachweislich Quotenkiller“, so Klaus Peter Richter in SOVIEL MUSIK WAR NOCH NIE. „Auch die Oper lebt nur noch durch ihr, sie ehemals lediglich flankierendes Medium.“ Dies zeige mit irritierender Deutlichkeit – so der Autor -, daß das tiefste Wesen der Musik ein völlig anderes sei, als das der optischen Medien. Weil aber diese – und nicht jene – den Zeitgeist regierten, signalisiere das eine weitere Kulturmetamorphose … „Musik wird bebildert und nicht diese, sondern das Bildszenario der Regisseure wird mehr denn je zur entscheidenden Werk-Exegese“. Der Dirigent René Jacobs beschreibt die jetzige Situation in seinem Interview im Jahrbuch der OPERNWELT 2000. „Das Publikum will sehen, sehen, sehen – es will nicht mehr hören.“ Ausgebuhte Opernproduktionen verkaufen sich gut. Eine Reaktion auf die immer wieder geforderte Provokation auf der Bühne? René Jacobs auf die Frage: „Das Publikum … warum hat es Vergnügen an Publikumsbeschimpfung?“ Seine Antwort: „Man lässt sich gerne beschimpfen.“ Provozieren durch Musik und Gesang, wie wäre das möglich? Und ist diese Art Unterhaltung unser Bildungsauftrag? Wer sich bestens unterhalten lassen möchte – und ohne sich ärgern zu müssen – besucht zum Beispiel das ständig ausverkaufte Musical „Der König der Löwen“. Es erhält keine staatlichen Subventionen. Da werden Fragen laut …! Und es werden heute offensichtlich keine wirklich singbaren Opern komponiert, so dass man wenige klassische Werke immer wieder aufführen muss und auch optisch neu zu deuten sucht. Nike Wagner spricht am 29. Juli 2004 im NORDBAYERISCHER KURIER vom „Überbordenden der visuellen Szene“ und rät diesen „unguten Tendenzen des Zeitgeistes“ … entgegenzuarbeiten.

„WARUM OPER?“ heißt der Titel eines Buches von Barbara Beyer. Vierzehn, zum Teil berühmte Opernregisseure kommen dort zu Wort. Einige Stichworte daraus: „… die Besonderheit eines Opernhauses definiert sich in erster Linie durch die bei ihm arbeitenden Regisseure …“ Oder: „… auch gefällt es einem doch nicht, was Sänger machen … wir haben mehrere Popsongs in Händels Musik hineingeschnitten …“ Und: „… die betriebliche Struktur – eines Opernhauses – gibt dem Regisseur alle Freiheiten, er kann alles behaupten, und die Sänger sind per Vertrag verpflichtet zu tun, was der Regisseur will …“ Dann ist von einem Dekomponieren, einem Steinbruch Oper die Rede. Man fordert ein schonungsloses Vorgehen gegen die Musik und damit auch gegen die Sängerinnen und Sänger, für die z. B. auch der Umfang und Ablauf der musikalischen Form nicht beliebig sein kann. Wird dergestalt unserer sängerichen Leistung noch zusätzliche Energie abverlangt, die ein vertretbares Maß überschreitet, geht dies auf Kosten der Stimme. Der Flötenkomponist Quantz riet deshalb in seinem Werk, Das XVIII Hauptstück, Wie ein Musikus und eine Musik zu beurtheilen sey: “ … bey einer Oper hat man zu beobachten …: ob die Arien, deren Text gewisse Actionen erfordert, ausdrückend, und so gesetzet seyn, dass die Sänger Zeit haben, ihre Actionen mit Gemächlichkeit anzubringen.“ Und bei offenen Bühnenräumen fehlt die notwendige akustische Hilfe. Der große Theatermann Kurt Pahlen nennt seinen Beitrag in DIE PRESSE in Wien vom 25. April 2000: Ich klage an. Und dann spricht er von schweren Brüchen zwischen dem Bühnengeschehen und der Musik und damit auch dem Gesang: „Das bedroht die Existenz der Oper, deren Zukunft vielleicht nur noch im Konzertanten liegt.“

Es sollte auch beim modernen Regietheater um das Machbare, die Kenntnis und den Willen gehen, sängerische Notwendigkeiten, nämlich dieses Handwerk zu achten und zu unterstützen. Der gewünschte Idealfall: Bestens ausgebildete, intelligente Bühnenbildner, Regisseure, Sängerinnen und Sänger werden ein Team, welches sich schon zur Bauprobe trifft und eventuelle Probleme bespricht und löst. Doch das ist eigentlich nicht Brauch am Musiktheater. Sängerinnen und Sänger – auch gute! – stöhnen häufig und unter vorgehaltener Hand über darstellerische Schwierigkeiten und unakustische, unpraktische Bühnenbilder oder hinderliche Kostüme und Kopfbedeckungen. Es heißt dann resignierend: „… doch wenn ich mich weigere, singt ein anderer …“ Dr. Reinhard Kürsten der berühmte Wiener HNO-Arzt äußert sich zu diesem Punkt in der Süddeutschen Zeitung vom 5. Januar 2008: „Opernsänger sind Hochleistungssportler. Sie sind die letzten Sklaven unserer Hochkultur und müssen ständig an ihre Grenzen gehen. Sie werden oft unvernünftig belastet, bis das Stimmorgan – denn es ist biologisches Material – einfach ermüdet“. Er meint damit nicht das Eigenverschulden schlecht ausgebildeter und unvernünftiger Mimen, die es leider auch geben soll!
Der singende Mensch ist also heute weder privat, noch in der Öffentlichkeit oder im Musiktheater das Maß aller Dinge. Und Hand auf’s Herz: Wann haben Sie zum letzten Mal gesungen . . . ?
Eine Anleitung dazu und vielleicht weiteres für Ihr Interesse in www.weikl.to unter Wissenschaft, Vox humana.

Bernd Weikl ist Hamburger, Bayerischer und Österreichischer Kammersänger, sowie Ehrenmitglied der Staatsoper Wien. Als internationaler Opernstar ist er über Jahrzehnte an allen großen Opernhäusern in Europa, Amerika und in Asien aufgetreten. Er ist Regisseur, Buchautor, Dozent und Teilnehmer an hochrangigen Diskussionsforen, sowie promovierter Ökonom, Ehrendoktor und Honorarprofessor.

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