Jörg Löwer Geschrieben am 5 September, 2011

Offener Brief an die Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaats Sachsen

Folgenden offenen Brief haben die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), die Deutsche Orchestervereinigung (DOV), die Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO) und die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) an Frau Prof. Dr. Dr. von Schorlemer, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst des Freistaats Sachsen, gerichtet:

Sehr geehrte Frau Professor von Schorlemer,

nachdem uns Herr Früh mit Schreiben vom 25. Juli 2011 informiert hat, dass Sie, wie auch Ihre Kollegen der Ressorts Justiz und Finanzen, nicht bereit sind, im Rahmen der von Ihnen vorangetriebenen Privatisierung der Landesbühnen Radebeul Verhandlungen über einen Personalüberleitungsvertrag aufzunehmen, sehen wir die Notwendigkeit, nochmals zu verdeutlichen, welche Folgen Ihre Verweigerungshaltung für die Beschäftigten der Landesbühnen hat.

Wie kann es sein, sehr verehrte Frau Staatsministerin, dass Sie einem Personalüberleitungsvertrag bei der von Ihnen vorangetriebenen Privatisierung der Landesbühnen keine Bedeutung zumessen und glauben, die Regelungen nach § 613 a BGB seien ausreichend?

Sie lassen dabei folgende Fragen vollkommen außer Acht:

1. Was geschieht, wenn der neue, private Rechtsträger unterfinanziert ist und Insolvenzgefahr besteht?

2. Wird sich der neue, private Arbeitgeber den Arbeitgeberverbänden anschließen und werden die Tarifverträge (TV-L, NV-Bühne und TVK) auch weiterhin gelten?

3. Wird der neue, private Arbeitgeber mit dem Eintritt in die Zusatzversorgungskasse für eine angemessene Altersvorsorge der Kolleginnen und Kollegen sorgen?

Wie kann es sein, sehr verehrte Frau Staatsministerin, dass Sie Mitarbeitern des Freistaats massive Gehaltskürzungen zumuten, obwohl die Mitarbeiter zuallerletzt eine Verantwortung für die von Ihnen betriebene Umstrukturierung der Landesbühnen haben? Zu allem Überfluss sollen die Mitarbeiter zunächst entlassen werden, um einem Teil von ihnen demnächst eine neue Stelle bei der NOVUM GmbH anzubieten.

Wie kann es sein, sehr verehrte Frau Staatsministerin, dass Sie den Rat zahlreicher Experten, die u. a. dem Sächsischen Kultursenat und der Sächsischen Akademie der Künste angehören und sich dem Erhalt der kulturellen musischen Infrastruktur im Freistaat verpflichtet fühlen, schlicht ignorieren? Alle Experten fordern übereinstimmend eine Anzahl von mindestens 86 Musikerstellen. Auch im Landkreis Meißen ist deutlich das Bestreben zum Erhalt von mindestens 86 Musikerstellen zu erkennen. Vergessen Sie bitte nicht, schon die Reduzierung auf 86 Stellen wird 18 Musikerinnen und Musiker ihren Arbeitsplatz kosten. Sie beharren jedoch darauf, mindestens 32 hochspezialisierte Kolleginnen und Kollegen in die Arbeitslosigkeit zu entlassen.

Wie kann es sein, sehr verehrte Frau Staatsministerin, dass durch den gesonderten Betrieb des Orchesters die große Choroper zum Ausnahmefall im Repertoire der Landesbühnen, gleichzeitig aber die Arbeit des Chores in als Sparte eigenständigen Projekten ausgebaut werden soll? Es macht keinen Sinn, zum einen eigenständige Projekte für den Chor anzustreben, zum anderen aber auf die große Choroper als zentrale Ausdrucksform dieses Kollektivs verzichten
zu wollen. Welche Aufgaben für die 28 Sängerinnen und Sänger sind dann tatsächlich am Theater noch zu erfüllen, oder ist hier nicht vielmehr wie beim Orchester ein massiver Stellenabbau geplant?

Als Tarifpartner haben wir in der Vergangenheit bei zahlreichen Gelegenheiten bundesweit bewiesen, dass wir auch in schwierigsten Situationen mit der Arbeitgeberseite stets zu Lösungen gefunden haben, die für beide Seiten sachgerecht und zukunftsweisend waren.

Sehr geehrte Frau Staatsministerin, hiermit appellieren wir erneut an Sie, überdenken Sie ihre bisherige Haltung. Nehmen Sie mit allen am Theater vertretenen Gewerkschaften Verhandlungen über einen Personalüberleitungsvertragn auf. Akzeptieren Sie bitte den Sachverstand der vielen Experten, die Ihnen in der Orchesterfrage eine Planstellenzahl von mindestens 86 Orchestermusikern angeraten haben. Damit könnten zumindest 80 % des bisherigen kulturellen Angebotes für die Zukunft abgesichert und auch dem Opernchor wie den Gesangssolisten eine Perspektive am Radebeuler Haus eröffnet werden.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Andreas Masopust
stellv. Geschäftsführer DOV

gez. Michael Kopp
Fachbereichsleiter Medien, Kunst, Industrie, ver.di

gez. Hans-Christoph Kliebes
Präsident GDBA

gez. Gerrit Wedel
stellv. Geschäftsführer VdO

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