Jörg Löwer Geschrieben am 10 März, 2010

Mehr Schein als Sein – Bundesländer und ihre zukünftige Kultur

Ludwig BarnayBei den Neuigkeiten zur Theaterkrise geht es nicht mehr um das WAS und WIESO (bleibt immer gleich: kommunale Finanznot > Nothaushalte > Kulturfinanznot), sondern eigentlich nur noch um das WER, WO und WIEVIEL.

In diesem Zusammenhang werden Lösungsvorschläge wie Nothilfefonds oder Krisenüberbrückungskredite für die Kultur ins Spiel gebracht, die dann ob ihrer Verfassungskonformität oder Wirksamkeit diskutiert werden. Führt ein Nothilfefonds dazu, dass unsolide haushaltende Kommunen belohnt und genaues Wirtschaften somit bestraft würden? Wie verhindert man, dass Kommunen, die Steuergelder verschwendet haben, Hilfe vom Land oder dem Bund bekommen, statt für schlechte Haushaltspolitik bestraft zu werden. Kommunen, die in der Vergangenheit verantwortungsvoll gerechnet haben, wären nämlich sonst die Angeschmierten.

Wie hilfreich sind Krisenüberbrückungskredite? Wären Theater oder Kommunen jemals in der Lage, solche Überschüsse zu erwirtschaften, dass diese Kredite zurückgezahlt werden können? Im Zweifelsfall gerieten sie in eine Schuldenspirale und landeten in „griechischen Verhältnissen“.

Lesen Sie in diesem Zusammenhang den Artikel aus der FAZ: „Fonds ohne Hüter“. Dort wird am Ende auch ein interessanter Vergleich mit der Weimarer Republik gezogen. Das krisenbedingte Vakuum in der kulturellen Versorgung ermöglichte es radikalen Parteien, in der Bevölkerung für ihre Programme zu werben, indem sie eigene Freizeitangebote bereit stellten. In vielen ländlichen Gebieten versuchen heute wieder rechtsradikale Parteien, Arbeitslosigkeit und Langeweile für sich zu nutzen.

Vielleicht sollten die Bundesländer, in denen zur Zeit Kahlschläge bei der Kultur angekündigt werden, ihre Webseiten schnell den veränderten Realitäten nach dem „Theaternotstand“ anpassen. Denn die aktuellen Texte können wohl kaum ernst gemeint sein.

Hier ein Auszug von der Homepage des Landes Nordrhein-Westfalen:
„Wie keine andere Region in Deutschland hat sich Nordrhein-Westfalen in den letzten Jahrzehnten verändert. Wie keine andere Region setzt Nordrhein-Westfalen bei diesem Wandel auf Kultur. (…) Nordrhein-Westfalen hat eine Dichte an Museen, Kulturzentren, Konzerthäusern, Theatern, die ihresgleichen sucht. (…) Kulturell spielt Nordrhein-Westfalen damit in derselben Liga wie London und Paris. (…) Unser kultureller Reichtum ist nicht ererbt, sondern erarbeitet. Das macht die Kultur in Nordrhein-Westfalen zu einem Motor des Wandels.“

Hier die Realität:
„Das System wankt“ ein Bericht aus dem Deutschlandradio Kultur mit Live-Mitschnitt zum Anhören
„Kultur-Etats schmelzen dramatisch“ aus RuhrNachrichten.de
„Theater machen!“ vom Blogform-Projekt Readers Edition
„In NRW droht der Theaterkollaps“ aus RP ONLINE

Hier ein Auszug von der Homepage des Landes Schleswig-Holstein:
„Schleswig-Holsteins Kultur ist vielfältig und attraktiv: Sie reicht von Bibliotheken über Museen und Ausstellungen bis zu Theatern, Konzerten und Großveranstaltungen. Die Landesregierung will mit ihrer Kulturpolitik möglichst vielen Menschen Zugang zu Kultur in allen ihren Ausprägungen und Sparten eröffnen. (…) Kulturpolitik in Schleswig-Holstein will die kulturelle Infrastruktur sichern, Kultur generell ermöglichen, also die Voraussetzungen schaffen, unter denen künstlerische Arbeit sich entfalten und entwickeln kann. Unterstützt wird gerade auch das, was es schwer hat, was nicht so leicht angenommen wird, was verkannt wird oder noch zu wenig bekannt ist. (…) Zugleich ist die staatliche Kunst- und Kulturförderung eine Investition in die Zukunft des Landes Schleswig-Holstein. (…) Daneben hat Kulturförderung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung als Wirtschafts- und Standortfaktor und als Imageträger für das Land. Unzählige Künstlerinnen und Künstler, Ereignisse und Konzerte schaffen eine einzigartige Atmosphäre im Kulturland Schleswig-Holstein.“

Hier die Realität:
„Demonstration für das Landestheater als solidarisches Zeichen für alle Theaterschaffenden in Schleswig Holstein“ aus diesem Blog

Hier ein Auszug von der Homepage des Landes Sachsen-Anhalt:
„Sachsen-Anhalt verfügt über eine bemerkenswerte Kulturlandschaft. (…) So ist für Sachsen-Anhalt eine dichte und kontrastreiche kulturelle Vielfalt charakteristisch. Spannungsreiche Gegensätze zwischen Tradition und Moderne sind mit dem Kulturpotenzial des Landes verbunden. Die Regionen des Landes haben eine spezifische Ausprägung. Beeindruckende Kulturangebote finden sich nicht nur in den 1200-jährigen Städten Halle und Magdeburg oder in Dessau, sondern ebenso in kleineren Ortschaften sowie im ländlichen Raum.“

Hier die Realität:
„Menschentraube gegen Kahlschlag“ aus der Mitteldeutschen Zeitung
„Lautstarke Proteste zum Auftakt“ aus der Internetzeitung Open-Report
Hier die Homepage der Bürgerinitiative „Land braucht Stadt“

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