Jörg Löwer Geschrieben am 23 November, 2012

Mecklenburg-Vorpommern: Theater- und Orchesterstruktur WEGentwickeln

Es lässt sich wohl nicht leugnen: in der Welt zählt Erfolg. Heutzutage wird Erfolg allerdings in sehr engen Grenzen gedacht – erfolgreich ist, wer Macht (Marktmacht, Regierungsmacht, Meinungsmacht) hat und/oder viel Geld verdient. Viel Geld bekommt der, der etwas anbietet (Güter, Dientleistungen), für das andere bereit sind, viel Geld zu zahlen. Resultat ist, dass alles nach einem Raster bewertet wird, dessen Kriterien der Besitz oder Erwerb von Geld und/oder Macht sind. Alles, was diesem Erfolgs-Zweck nicht dient oder dessen Natur mit diesem Raster nicht zu bewerten ist, verliert an Interesse, Fürsorge und Relevanz. Moralischer Erfolg wird zwar gerne mit Auszeichnungen bedacht, entfaltet im realen Weltgeschehen aber zunehmend kaum noch Wirkung, wenn er gegen pekuniäre oder machtpolitische Interessen steht. Stattdessen wird von den Vertretern der moralischen Macht versucht, den „Wert“ von unzerstörter Natur zu errechnen (weil ja die Pharmaindustrie noch von unentdeckten Wirkstoffen profitieren könnte)  oder auf die Umwegrentabilität bei der öffentlichen Bezuschussung von Kultureinrichtungen hinzuweisen. Man macht sich das allgemein gültige Erfolgs-Raster zu eigen, um die Realmächtigen zu überzeugen, die Wertangaben brauchen.

Im Welterbe geschützten Stralsund wurde versucht, durch den Verkauf von 6000 Büchern aus dem 15. bis 18. Jahrhundert an einen Antiquar  Geld zu verdienen. Die realmächtigen Lokal-Politiker fragten sich nicht, ob man ein jahrhundertealtes Erbe verkaufen darf, das von Spendern vor langer Zeit dem Staat anvertraut wurde, damit es für zukünftige Generationen erhalten bleibt. Nein, sie sahen einen öffentlichen Besitz, den man zu Geld machen konnte. Hier war die moralische Macht allerdings in Form von Protesten noch größer als die des Geldes – der Verkauf soll nun rückabgewickelt werden. Der Museumsverband schreibt in einer Stellungnahme ganz richtig, dass dieser Verkauf erahnen lässt, „wie weit die Erosion des Verständnisses einer Kulturpflicht der öffentlichen Hand bereits fortgeschritten ist.

Dies trifft auch auf Duisburg zu, dass nach den Querelen um die Aufkündigung der Theatergemeinschaft Düsseldorf/Duisburg (hier in unserem Blog nachzulesen) mit Verkaufsplänen für eine hochkarätige Giacometti-Skulptur aus seinem Bestand neuerlich für Aufregung sorgte.

Und das trifft auch Mecklenburg-Vorpommern zu, das  ein Gutachten zur Weiterentwicklung der Theaterlandschaft bei dem Beratungsunternehmen Metrum in Auftrag gegeben hat (Teil 1 + Teil 2). Dieses hat insgesamt neun unterschiedliche Vorschläge erarbeitet, wie die seit 1994 eingefrorenen Zuschüsse ohne Erhöhung bis 2020 fortgeschrieben werden können (26 Jahre identischer Zuschuss sind inflationsbereinigt eine reale Kürzung von 50 Prozent). Man hat nicht überlegt, wie man seitens der Kulturpolitik die Theaterlandschaft – deren Etat lächerliche 0,5 % vom Gesamthaushalt des Landes ausmacht – entwickeln möchte, sondern was mit dem unveränderten Geld noch möglich ist. Künstlerische Überlegungen spielen in diesem Szenario keine Rolle – Kunst ist nur ein Kostenfaktor, den es zu reduzieren gilt. Die Theater und Kommunen sollen sich jetzt für ein Modell entscheiden, dürfen also quasi mitbestimmen, welches Glied ihnen amputiert wird.

Mehr Beispiele gefällig?
Am Theater Hagen sollen weitere 850.000 Euro eingespart werden (hier auf nachtkritik.de).
Über Wuppertal wurde in diesem Blog bereits berichtet (hier + hier).
Für das Hans-Otto-Theater in Potsdam sind weitere „drastische Kostenreduzierungen“ im Gespräch (hier auf nachtkritik.de).

In der Wirtschaft heisst es immer, dass ein wichtiger Grund für Erfolg sei, über Alleinstellungsmerkmale zu verfügen. Nun sind Sonne, Strand und Meer sicherlich keine typisch deutschen, weltweit anerkannten Alleinstellungsmerkmale. Die kulturelle Versorgung u. a. mit Theater auch abseits der Metropolen schon. Wenn das aufgegeben wird, ist dies ein Verlust, der nicht durch die Geldersparnis aufzuwiegen ist und der Verödung des ländlichen Raums Vorschub leistet. Das Weltkulturerbe Stralsund würde zur leeren Backsteinhülle. Kein Theater, kein Archiv – nur ein Disneyland der Gotik.

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