Jörg Löwer Geschrieben am 10 Juli, 2014

Mecklenburg-Vorpommern: Fusionieren bis es quietscht

Ludwig BarnaySchwerins Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) will die Theaterstandorte Neubrandenburg/Neustrelitz und Greifswald/Stralsund fusionieren.

Grundlage ist ein Gutachten der einschlägigen Wirtschaftsberatung „Metrum“. Danach sollen „die Sparten Oper, Musical/Operette, Schauspiel und Konzert ein Programm an je einem Standort produzieren und an allen geeigneten Standorten aufführen“. In Stralsund würde den Plänen zufolge die Oper mit Opernorchester, in Greifswald Schauspiel und Ballett beheimatet. Neubrandenburg würde der Standort des Konzertorchesters, das Theater Neustrelitz von Musical/Operette. Dort wäre auch die Deutsche Tanzkompanie beheimatet. Zudem ist angedacht, den Bühnenbau für alle vorpommerschen Spielstätten in Neustrelitz zu konzentrieren. Sitz des Intendanten des neuen Staatstheaters soll Greifswald sein. Über 100 Arbeitsplätze gingen verloren.

Damit hofft Brodkorb ein Defizit von 5,8 Millionen Euro aufzufangen, das der Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz (TOG) und der Theater Vorpommern GmbH (TVP) bis 2020 bei Entlohnung nach Flächentarifvertrag drohen würde – dem stehen allerdings Abfindungszahlungen von 2,3 Millionen Euro gegenüber. Das klingt schon fast nach Milchmädchen.

61 Stellen sollen durch Renten-Eintritt wegfallen; für weitere 41 würde es Abfindungsangebote oder betriebsbedingte Kündi­gungen geben. Die entsetzten Theater­mitarbeiter erfuhren davon aus der Zeitung.

Nach den ministeriellen Vorstellungen könnte es mit weniger Personal allerdings sogar besseres Theater geben: „Durch die Spezialisierung ergäben sich an allen Standorten Chancen einer Steigerung der künstlerischen Qualität“, so Brodkorb. Diese Aussage muss nachdrücklich in Frage gestellt werden: Dass mit weniger Künstlern bessere Kunst produziert wird. Eher sind Abstriche bei der Qualität zu befürchten, weil zum Beispiel Bühnenbildentwürfe nivelliert werden müssen, um auf alle Bühnen zu passen oder weil gestresste Theaterschaffende einen Großteil ihrer Zeit mit Transportfragen beschäftigt sein werden.

Parallel zu dem Konzept sollen die Mitarbeiter der Theater künftig nach Flächentarifvertrag bezahlt werden – anders als im Moment, wo Haustarife gelten. In Anbetracht niedriger Gagen beim Theater ein dringend notwendiger Schritt, den die GDBA selbstverständlich begrüßt. Aber: Um den Preis eines Personalabbaus von über 100 Stellen und einer de facto Zerstörung der Theaterlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern ist dieses Konzept unvertretbar.

Der eigentliche Skandal ist, dass die Landesregierung die Finanzzuschüsse für die Theater von 35,8 Millionen Euro bis 2019 festgeschrieben hat – unverändert seit 1994. Eine logische Konsequenz dieser Deckelung ist die Belastung der ohnehin knappen Etats durch Kostensteigerungen zum Beispiel für Personal und Material. Die „Strukturmaßnahmen“ des Ministers bedeuten nichts anderes als das Schwingen des Sparhammers zugunsten einer radikalen Angebotsreduzierung für die Bevölkerung in den betroffenen Regionen. Die kulturelle Grundversorgung der Be­völkerung wird ausgedünnt, die Theater sind ge­zwungen, sich aus der Fläche zurück zu ziehen und die Beschäftigten müssen einen großen Teil ihrer Zeit auf Autobahnen und Bun­desstraßen zu­bringen. Ganz zu schweigen davon, dass bei einer derartig zerrissenen Struktur kaum noch eine Identifikation des Stammpublikums mit seinem Ensemble möglich sein wird.

Früher oder später wird diese kulturfeindliche Politik dazu führen, dass Theater nur noch in den Metropolen stattfindet und die Menschen Kultur auch nur noch dort finden können.

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