Jörg Rowohlt Geschrieben am 6 Oktober, 2016

Kolumne Oktober 2016

Schutz und Sicherheit für Künstler – Risiko Bühne

buehnengenossenschaft_10_16Um so häufiger künstlerisches Personal an den Theatern abgebaut wird, desto stärker sind die Bedrohungen für die übrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – sowohl im physischen als auch im psychischen Bereich.

Jeder Dritte fühlt sich am Arbeitsplatz überfordert. Das war das Ergebnis einer Bertelsmann-Studie von 2015. Ein Gutteil dieser Überforderung geht auf das zurück, was landläufig als Stress gilt: Zunächst ein Erregungszustand, ähnlich wie Lampenfieber. Der Mensch ist aktiviert, um volle Leistung bringen zu können. Was Arbeitsschützer psychische Belastung nennen, meint zunächst „Überlastung“ – und auch bei denen, die still leiden und nicht klagen, sind die Symptome eindeutig. Genauso wenig wie man 24 Stunden am Tag auf einer Bühne stehen könnte, gibt es Probleme, wenn diese Aktivierung zu lange andauert. Stress ist zunächst unproblematisch, er darf nur nicht zum Dauerstress werden.

Das ist leichter gesagt als getan; es gibt viele Faktoren im Berufsalltag, die Stress herbeiführen: Zeitdruck, zu viel oder zu wenig Information, unklare Zielvereinbarungen, zu wenig Rückmeldung über den aktuellen Leistungsstand, zu wenig Anerkennung der Leistung, Ungleichbehandlung/Ungerechtigkeit, Versprechungen, die nicht eingehalten werden, Störungen/Unterbrechungen, Einführung neuer Arbeitsmethoden und Technologien, zwischenmenschliche Konflikte, zu hohes Arbeitsaufkommen, Arbeitsplatz­unsicherheit, wiederholte Umstrukturierungen, ständige Erreich­barkeit und Kollegen oder Vorgesetzte, die kein offenes Ohr für Probleme haben. Die Folge sind negative Veränderungen, die sich körperlich zum Beispiel mit einem roten Kopf oder Schweißausbrüchen zeigen. Gefühle von Angst, Ohnmacht oder Hilflosigkeit können sich einstellen, genauso aber auch Ärger oder Wut – jeweils begleitet von negativen Gedanken; die Konzentration lässt nach, Flüchtigkeitsfehler nehmen zu. Betroffene ziehen sich zurück, meiden den Kontakt, werden manchmal laut, rauchen mehr, ernähren sich womöglich lieblos oder machen weniger Pausen.

Für die Zuwachsraten psychischer Erkrankungen werden unterschiedliche Ursachen genannt: Neben einem veränderten Krankschreibe-Verhalten der Ärzte hat eine Enttabuisierung des Themas auf gesellschaftlicher Ebene stattgefunden.

Man tut sich heute leichter, über psychische Veränderungen zu sprechen. Zudem wird ein Anstieg der psychischen Belastungen im Arbeits- und Privatleben als Ursache angeführt.

Dabei kann der oder die Einzelne durchaus einiges gegen Stress tun: Zunächst geht es darum, akuten und unschädlichen Stress nicht zu einem Dauerphänomen werden zu lassen. Dann geht es darum, das eigene Selbstwertgefühl zu pflegen – sowohl am Arbeitsplatz als auch im Privatleben. Das Bedürfnis nach Anerkennung durch andere etwa ist nicht uncool, sondern Ausdruck wahrer innerer Souveränität. Aber auch Nein-Sagen macht stark: Um sich vor Überforderung zu schützen und möglichen gesundheitlichen Folgeschäden vorzubeugen, ist es wichtig, sein eigener Anwalt zu sein – wozu man zunächst die eigenen Grenzen erkennen muss. Was manchen schwer fallen mag, weil es als Schwäche missverstanden wird, und vor allem für Leistungsorientierte ebenso gilt wie für jene, die sich in ihrem Selbstwertgefühl stark abhängig machen von der Anerkennung anderer.

Experten raten auch immer wieder, „richtig Pause zu machen“ – und seien es Mini-Stopps von notfalls fünf Sekunden, um wieder klar im Kopf zu werden. Wenn ein Gedanke den nächsten jagt, geht die kritische Distanz zum Geschehen verloren, man reagiert nur noch (statt zu agieren), man hat einen Tunnelblick und fühlt sich wie im Hamsterrad. Wie realistisch der Tipp ist, zu pausieren sobald die Leistungsfähigkeit nachlässt und zwar mindestens alle 90 Minuten für eine Viertelstunde, steht angesichts der Arbeitsrealität wohl auf einem anderen Blatt.

Dabei sind eindeutig insbesondere auch die Leitungspersonen gefordert, auf Stressfaktoren bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu achten. Und das Leitungspersonal sollte auch im Vorwege selbst aktiv werden, um ein möglichst stressfreies Arbeitsklima zu schaffen. Dazu gehört sicherlich ein wertschätzendes Führungsverhalten und die Fähigkeit, auf Veränderungen bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu reagieren – von denen wünscht sich die Mehrzahl von ihrer Führungskraft auf Überlastungssignale angesprochen zu werden. Trotzdem trauen sich nur wenige Führungskräfte ein solches Gespräch zu. Viele finden das Thema zu intim und fürchten, dass der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin sich gekränkt fühlen könnte. Wieder andere wissen einfach nicht, wie so ein Gespräch aussehen könnte. In jedem Fall ist Einfühlungsvermögen gefragt. Die wertfreie Beschreibung von Ver­änderungen kann so ein Gesprächseinstieg sein. („Mensch, Sie haben ja einen ganz roten Kopf“). Ohne Diagnose. Es geht nur um Beobachtungen. Anschließen könnte sich die offene Frage „Was ist los?“ – ob aus diesem Gespräch etwas folgt, ist Sache der Beteiligten. Das könnten etwa konkrete Verbesserungsvorschläge oder der Termin für ein weiteres Gespräch sein.

Aber nicht nur Vorgesetzte sind gefragt: Auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können viel dazu beitragen, sich nicht selbst unter Stress zu setzen. Niemand kann an mehreren Orten gleichzeitig sein oder tausend Dinge gleichzeitig tun – auch nicht kurz vor einer Premiere. Auch wenn es schwerfällt, ist es jederzeit wichtig, die innere Grenze zu kennen, zu wissen, wann man eine kurze Pause braucht, um durchzuatmen, Abstand zu finden und auch, das Gespräch mit dem Vorgesetzten zu suchen, wenn die Arbeitsaufgaben Überhand nehmen. Wobei es selbstverständlich noch besser wäre, die Intendanz oder noch eher der direkte Vorgesetzte erkennt die Überforderung ihrer Mitarbeiter selbst und stellt keine zu engen Terminpläne auf, die kaum einzuhalten sind, geschweige denn gegen Tarifvertrag oder Arbeitszeitgesetz verstoßen. Denn – und das müsste jedem Arbeitgeber klar sein – psychisch und physisch gesunde Künstler sind auf jeden Fall die besseren Künstler.

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