Jörg Rowohlt Geschrieben am 3 November, 2016

Kolumne November 2016

Kunst und Veränderung

buehnengenossenschaft_11_16In den Kultur-Medien wird genauso wie unter Künstlerinnen und Künstlern derzeit wieder darüber diskutiert, diesen mehr künstlerische Mitsprachemöglichkeiten zu geben und Einflussmöglichkeiten auf ihre tägliche Arbeitswelt zu verschaffen.

An den Stadt- und Staatstheatern herrschten feudalistische Zustände und die Intendanten seien die letzten absolutistischen Herrscher in einer offenen Gesellschaft – während die Schauspieler und Schauspielerinnen sich „wie Sklaven“ fühlten, so der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, im Deutschlandfunk. Die Süddeutsche Zeitung konstatierte „eine der letzten preußischen Bastionen“.

Begonnen hat die Debatte mit einem Interview von Shenja Lacher in der FAZ („Warum schreit Ihr mich an?“). Dort begründete der Schauspieler die von ihm ausgehende Nichtverlängerung beim Münchener Resi­denztheater, an dem er seit 2007 engagiert war, mit „zu autokratischen Strukturen innerhalb des Theaters“, denen er sich nicht mehr aussetzen wolle. Diskussionen über Gagen, Nichtverlängerungs­­schutz, Mutterschutz, Arbeitszeiterfassung, Mitbestimmung und den Schutz der Ensemblevertretung sollten normal sein – nur werde darauf im Theater unter dem „Deckmantel der Kunst“ keine Rücksicht genommen. Allerdings leider kein Wort davon, dass Betriebs- und Personalräte sowie Künstlergewerkschaften genau auf diese Punkte immer wieder pochen.

An dieser Stelle werden auch interessante Koalitionen sichtbar: Der um starke Formulierungen nie verlegene Claus Peymann, Noch-Intendant des Berliner Ensembles, sagte Spiegel Online, die innere Bedrohung für das Theater komme von Gewerkschaften und Betriebsräten sowie Initiativen wie „art but fair“, „die sich den völlig verbeamteten Schauspieler wünschen“. Auch sei er gegen den „Jugendwahn“, der neue Intendanten dazu verführe, das bisherige Ensemble eines Hauses mehr oder weniger komplett nicht zu verlängern. Allerdings hat er bei aller Verve vergessen, zu erwähnen, dass er dies in der Vergangenheit selbst so praktiziert hat. Und auch die Situation am Berliner Ensemble relativiert sich bei genauer Betrachtung: Peymann hat mit seiner eigenen Gesellschafter-Entscheidung, nicht dem Deutschen Bühnenverein beizutreten, dafür gesorgt, dass die Verträge des Ensembles ohne Nichtverlängerungsschutz und An­spruch auf eine entsprechende Ent­schädigung einfach auslaufen.

Das Ensemble-Netzwerk ist der Auffassung, dass ein neuer Intendant zunächst verpflichtet werden solle, ein Jahr mit dem vorhandenen Ensemble zu arbeiten. Dann könne man sehen, ob sich die Wege trennen. Auch der ehemalige Schauspieler des Residenztheaters, Shenja Lacher, fragt, warum ein einzelner Intendant das Recht habe, „sich über alle beteiligten Künstler hinwegzusetzen und nur seine künstlerischen Interessen durchzusetzen?“ Warum dürfe bei einem Intendantenwechsel ein fast komplettes Ensemble nichtverlängert werden, obwohl die Leute „super Schauspieler“ sind und sich „verdient gemacht“ hätten?

Solche Forderungen entfachen unter anderem auch die Diskussion um die Befristung künstlerischer Arbeitsverhältnisse neu. Kunst braucht die Veränderung – auf Leitung und Künstler bezogen. Dabei entsteht zwangsläufig ein Spannungsverhältnis zwischen der sozialen Sicherheit für Künstlerinnen und Künstler und den Ansprüchen, die sich durch einen Leitungswechsel mit dem vom Rechtsträger – also Land oder Kommune – formulierten Willen nach künstlerischer Neuausrichtung ergeben. Aber es gilt dabei immer Maß zu halten.

Das Problem wären wohl ohnehin festgeschriebene definitorische Regularien: Wer entscheidet eigentlich, ob künstlerische Interessen eines neuen Intendanten berechtigt oder unberechtigt sind? Franz Wille, Chefredakteur von Theater heute, merkt dazu an, dass „starke Künstler sich immer ein Mitbestimmungsrecht einräumen – ob das nun verbrieft ist oder nicht“.

Mit der Politik ist hier ein weiterer Mitspieler auf dem Feld. Als Trägerin der mit Steuergeld finanzierten Häuser entscheidet sie durch die Auswahl der Theaterleitung über die zukünftige gewollte künstlerische Ausrichtung eines Theaters und mit ihren finanziellen und strukturellen Vorgaben müssen Theaterleitungen umgehen. Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin schreibt hierzu in der Verfassungsbeschwerde von GDBA und VdO zum Tarifeinheitsgesetz: „Sie (Anm. d. Redaktion: die Theater- und Bühnenlandschaft) wird geprägt durch vielfältige Elemente, zu denen insbesondere auch die durch Art. 5 Abs. 3 GG für die Theater selbst, aber gerade auch für Intendanten und die anderen künstlerischen Leitungsberufe verbriefte Kunstfreiheit gehört. Deren Grundrecht auf Kunstfreiheit überlagert als künstlerisches Leitbild das für die an Theatern und Bühnen mit künstlerischer Tätigkeit beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ebenfalls wirkende Grundrecht aus Art. 5 Abs.3 GG und führt dazu, dass deren tariflich geregelten Arbeitsbedingungen einer Balance zwischen dem Grundrecht der Kunstfreiheit aus Art. 5 Abs. 3 GG und dem Sozialstaatsprinzip des Art. 20 Abs. 2 GG zum Schutz der Beschäftigten gerecht werden müssen.“

Was darüber hinaus mangelnde Kommunikation und Transparenz auslösen können, lässt sich gegenwärtig in Berlin besichtigen:

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz bekommt zur Spielzeit 2017/2018 mit Chris Dercon nach 25 Jahren einen neuen Intendanten, Frank Castorf geht unfreiwillig. Am Berliner Ensemble löst Oliver Reese Claus Peymann ab. Schließlich sollen 2019 die Choreografin Sasha Waltz und der Direktor des Royal Swedish Ballet, Johannes Öhmann, das Staatsballett Berlin übernehmen.

Gemeinsamkeit: Alle drei Personalentscheidungen sind politisch getroffen, böswillig ließe sich auch sagen: Im Hinterzimmer ausgekungelt worden. Und sie haben jeweils öffentlichen Streit ausgelöst, bei dem sich die Ensembles hinter ihren Theaterleitungen versammelten. In keinem Fall gab es Transparenz, niemand hatte mit den betroffenen Künstlerinnen und Künstlern gesprochen, die die Entscheidungen den Medien entnehmen mussten.

In der Tat wäre es klüger, wenn gewählte Politiker Entscheidungen über Theaterleitungen nicht im stillen Kämmerlein träfen (wie das in Berlin der Fall war), sondern das Gespräch etwa mit Ensemblevertretern oder Arbeitnehmervertretungen suchen. Das jeweilige Ensemble könnte so an der Profilentwicklung des Hauses mitwirken. Findungskommissionen für neue Intendanten sollten auch mit Mitarbeitervertretungen besetzt sein – was durchaus andernorts praktiziert wird. So einfach wie der amtierende Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner kann es man sich jedenfalls nicht machen. Er findet schlicht, Künstlerinnen und Künstler hätten kein Recht bei der Frage mitzubestimmen, wer Intendant wird.

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