Kolumne November 2013

Geschrieben am 22.Oktober 2013 von Hans Herdlein

Szenenwechsel im Strukturtheater

buehnengenossenschaft_11_13 [1]Nach dem missglückten Gedankenexperiment mit dem „Kulturinfarkt – von allem Zuviel und überall das Gleiche“ sind die Attacken gegen das Stadt- und Staatstheatersystem in ihrer Schärfe zurückgenommen worden. Den Aggressoren aus den Reihen des Kulturmanagements dämmerte wohl langsam die Einsicht, dass sie mit ihrer schöpferischen Zerstörung die künftigen Arbeitsplätze der Absolventen ihrer Studiengänge vernichteten. Die Pragmatiker der freien Szene reagierten da schneller. Sie schwenkten um und erklärten „das freie Theater habe in den letzten 20 Jahren eine rasante Entwicklung genommen: vom Hinterhof der Stadttheater zu einer tragenden Säule der deutschen Theaterlandschaft“. Während noch im Arbeitsbuch 2011 „Heart of the City – Recherchen zum Stadttheater der Zukunft“ Matthias von Hartz die Keule schwingt: „Wenn wir über Zukunft reden, müssen wir auch über Investitionen in die Zukunft und also über Geld reden. Wir investieren etwa 90 Prozent der öffentlichen Gelder für die darstellenden Künste in das Stadt- oder Staatstheatersystem. Die Erfahrungen der letzten Jahre legen nahe, dass die Zukunft des Theaters, zumindest was Innovationen angeht, nicht zu 90 Prozent, sondern eher zu 10 Prozent aus dem Stadttheater kommt“ (S. 30). Jetzt geht man bedachtsamer zuwege und tritt für die Beibehaltung des vorher bekämpften Systems ein. Selbstverständlich unter der Voraussetzung gleichberechtigter Beteiligung der freien Szene als (mit-)tragende Säule der deutschen Theaterlandschaft.

Bei der freien Szene handelt es sich um eine nicht näher bestimmte Grundgesamtheit. In den off-informationen 02/11, S. 8 ff. führt Iris Lauffenberg dazu aus: „Nicht nur die rund 150 Stadt- und Staatstheater tragen zu Reichtum und Vielfalt der deutschen Theaterlandschaft bei, sondern auch die etwa 1.000 freien Gruppen aus dem Theater- und Tanzbereich“. (…) „Die freie Szene hat längst Theaterformen und Kollektive durchgesetzt, die in der deutschsprachigen Theaterlandschaft, aber auch anderswo nicht mehr wegzudenken sind“. Eine Definition liefert auch die „Koalition der freien Szene“ Berlin: „Die Gesamtheit aller in Berlin frei produzierenden KünstlerInnen, Ensembles, Einrichtungen und Strukturen in freier Trägerschaft aus den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Tanz, Schauspiel, Performance, Neue Medien, Musik von Barock, Elektro, Jazz, Klassik bis zur Neuen Musik, Musiktheater, Kinder- und Jugendtheater, Literatur sowie spartenübergreifenden transdisziplinären Arbeiten“. Am 12. November 2012 hat die Koalition der freien Szene Berlin den Fraktionen des Abgeordnetenhauses ein Zehn-Punkte-Programm vorgelegt. „Es enthält erstmals durchgerechnete und aufeinander abgestimmte Forderungen, mit denen neue, der tatsächlichen künstlerischen Praxis entsprechende und vor allem nachhaltig wirkende Förderinstrumente finanziert werden sollen“. Der Mittelansatz der Koalition der freien Szene beläuft sich auf 18,8 Mio. Euro jährlich.

Die Bilder gleichen sich: Die Folgen der angespannten Haushaltslagen einer nicht enden wollenden Niedrigzinsphase und einer Gemeinde­finanz­reform, die den Kommunen abverlangt, ihre Defizite mit Kassenkrediten abzudecken, schlagen unweigerlich auf die Finanzierung der kulturellen Einrichtungen zurück. Das trifft die freien Gruppen und die Schrumpf-Ensembles an den vermeintlich festen Häusern genauso. An den öffentlich finanzierten Theatern gibt es allerdings ein Tarifvertragssystem, über das die freie Szene ihrer meist als Gesellschaft bürgerlichen Rechts verfassten Gruppen nicht verfügt. Die als eingetragener Verein oder als nichtrechtsfähige Interessengemeinschaft gegründeten Zusammenschlüsse außerhalb der Tarifautonomie verfügen nicht über die Durchsetzungskraft gewerkschaftlicher Organisation. Diese Lücke füllt etwas die Kulturstiftung des Bundes mit ihren Förderprogrammen. Dass diese bei Weitem nicht ausreichen, zeigen die zahlreichen Gründungen von bundesweiten Organisationen, wie der Ständigen Konferenz Tanz, der Bundesweiten Ballett- und Tanztheaterdirektoren-Konferenz (BBTK) und dem Bundesverband freier Theater (BuFT). Der Deutsche Kulturrat als Spitzenverband der Bundeskulturverbände betreibt die kulturpolitische Lobbyarbeit gegenüber der Politik; seine Forderung: Errichtung eines Bundeskulturministeriums.

Ungeachtet dieser Einrichtungen boomt gerade eine Gründungswelle außergewerkschaftlicher Gruppen und Organisationen: Szenographen und Kostümbildner schließen sich zusammen, um eine Gleichbehandlung in der Befreiung von der Umsatzsteuer wie Regisseure und Choreographen von den Finanzbehörden zu erlangen. Inspizienten treffen sich zu einer bundesweiten Tagung. Eine „Interessengemeinschaft Kulturarbeit INKA – Initiative für faire Kulturarbeit“ befindet sich in Gründung. Es handelt sich um eine Vereinigung von angestellten, selbständig tätigen und in Ausbildung befindenden Kulturarbeiter_innen zur kollektiven, demokratischen Vertretung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Interessen. Das Konzept ist im Rahmen eines Hochschulseminars „Kultur als Geschäft – prekär bis profitabel“ an der FH Potsdam entstanden. Die „zentrale Motivation der INKA liegt in der Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Kulturarbeit. Als Fachvertretung möchte sie die Interessen von Kulturarbeiter_innen benennen, bündeln und in der Öffentlichkeit stärken. Mit dem Mitgliedsantrag ist für die zukünftigen Mitglieder eine „Selbstverpflichtung“ verbunden, die elementarer Vereins­zweck ist. Sie soll „den Aufbau einer solidarischen, glaubwürdigen Fachvereinigung ermöglichen, die an der Gestaltung brancheneinheitlicher, fairer Arbeitsbedingungen mitwirkt, u. a. durch flächendeckende Entgelte/Honorare“.

Einen nicht minder hohen Anspruch an ethisches Verhalten inmitten einer ökonomisierten Gesellschaft erhebt die neugegründete Organisation „art but fair“ Deutschland, „art but fair“ Schweiz und „art but fair“ Österreich. „art but fair“ hofft, „in den nächsten Monaten viele Mitglieder gewinnen zu können, die Lust haben, sich an dem wichtigen Kampf für faire Arbeitsbedingungen in der Darstellenden Kunst und in der Musik zu beteiligen und die Arbeit mit ihren Ideen, Meinungen und mit ihrer Energie zu bereichern“. Mit einer „Revolution der Künstler“ werden Ziele verfolgt wie: „Die Künstler untereinander zu vernetzen, die Öffentlichkeit auf die Missstände hinzuweisen und Aufklärungsarbeit hinsichtlich des Berufsbildes der Künstler zu leisten, die essentielle Bedeutung und den einzigartigen Wert der Kunst und der Künstler in das Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken; die am Kulturbetrieb Beteiligten – Künstler, Veranstalter, Intendanten, Agenten, Lehrer, Kulturpolitiker etc. – an einen Tisch zu bringen und gemeinsam, im konstruktiven Dialog, Maßnahmen zur Verbesserung der Situation zu finden und diese umzusetzen“. Eine Internetplattform „Für Solidarität im Opernbetrieb“ wird bereitgestellt. Die Parallelen zur Selbstverpflichtung sind in „Goldenen Regeln des künstlerischen Schaffens“ in einem besonderen Teil für den Künstler und die Künstlerin enthalten:

Ich verpflichte mich in meinem beruflichen Leben innerhalb der Darstellenden Kunst bzw. der Musik, folgende Regeln einzuhalten:

  1. Ich nehme an keinen Proben oder Aufführungen teil ohne vorherigen Abschluss eines schriftlichen Vertrages, entweder als Solist oder als Teil eines Ensembles bzw. einer Band.
  2. Ich arbeite nur für eine angemessene Gage, es sei denn, ich habe dafür einen einzigartigen künstlerischen, wohltätigen oder freundschaftlichen Grund.
  3. Ich nutze meine Position nicht aus, um andere Mitarbeiter oder Kollegen unfair zu behandeln.

Hohe ethische Ziele, die in einer durch und durch materialistischen Umgebung einzuhalten schwer fallen wird, vor allem dann, wenn es existenznotwendig um ein Engagement geht, und auf der Gegenseite kein Gleichgesinnter verhandelt.

Den Organisationsgründungen ist gemeinsam, die Probleme der Innenverhältnisse in den Kulturbetrieben in den kritischen Blick der Öffentlichkeit gerückt zu haben. Die freie Szene drängt darauf, in die institutionelle Förderung dieser Einrichtungen einbezogen zu werden. Inwieweit der Politikbetrieb sich dadurch beeinflussen lässt, steht dahin.

Die Zielvorstellungen der zahlreichen Verbände sind auf die Arbeits- und Gehaltsbedingungen und soziale Regelungen gerichtet. Sie bewegen sich auf dem Gebiet gewerkschaftlicher Koalitionen, jedoch außerhalb der Tarifautonomie. Sie werden zum Teil mit staatlichen Mitteln gefördert und unterstützt, sei es durch Programme der Kulturstiftung des Bundes oder direkt vom Bundeskulturminister. Der Zugang zum Kultur- und Medienausschuss des Deutschen Bundestages steht ihnen offen. Aber tariffähig im Sinne einer Arbeitgeberorganisation oder einer Gewerkschaft werden sie dadurch nicht. Mit ihrer intensiven und schlagkräftigen Lobbyarbeit finden sie Gehör. Aber selbst eine Großorganisation wie der Deutsche Kulturrat stößt an Grenzen, wenn es um die Durchsetzung materiell-rechtliche Probleme geht, wie zuletzt bei der Ablehnung eines Prüfungsauftrages für die Künstlersozialversicherung. Die „Wahrung und Förderung von Wirtschaftsbedingungen“ ist nach Art. 9 Absatz 3 Grundgesetz nun einmal den frei gebildeten Arbeitnehmer- sowie Arbeitgebervereinigungen aufgegeben. Der wichtigste Teil koalitionsmäßiger Betätigung ist das Aushandeln von Tarifverträgen mit dem sozialen Gegenspieler. Dazu braucht man tariffähige, gegnerunabhängige Gewerkschaften.


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