Jörg Rowohlt Geschrieben am 3 März, 2017

Kolumne März 2017

Plädoyer für das Ensemble-Theater

buehnengenossenschaft_03_17Seit Jahren wird leidenschaftlich über das Ensemble-Theater gestritten. Die sozialen Interessen von Künstlerinnen und Künstlern geraten dabei leicht in Vergessenheit.

In den zurückliegenden Jahrzehnten haben die öffentlich getragenen Theater mehr als 6.500 Stellen abgebaut. Im gleichen Zeitraum stieg die Anzahl der Gastverträge von etwa 8.000 pro Jahr auf über 20.000. Die Zahl an Festengagements hat also abgenommen und das, obwohl die Zahl der interessierten Bewerberinnen und Bewerbern eher zugenommen hat. Eine beängstigende Situation vor allem für jüngere Theaterschaffende. Gleichzeitig steigt die Arbeitsdichte: Mit immer weniger Geld müssen immer mehr Aufführungen gestemmt werden. Der Druck nimmt zu, die Ensembles sind überlastet.

Vor diesem Hintergrund ist in wiederkehrenden Wellen von einer hausgemachten Theater-Krise die Rede, bei der einen gelegentlich das Gefühl des herbeigesehnten Systemsturzes überkommt – zu Lasten der Künstlerinnen und Künstler. Unberücksichtigt bleibt nämlich, dass Veränderungsforderungen, wenn sie unausgegoren sind, letztlich den wohlerwogenen Interessen der Beschäftigten zuwider laufen können. Am Ende sollte es keine Frage sein, ob Theaterschaffende mit dem Festengagement sozial und tariflich abgesichert oder als Gastiertruppe unsicheren Zukunftsaussichten und Lohndumping ausgesetzt werden sollen. Wir wollen nicht in die Zeiten der Neuberin zurück. Die GDBA kämpft deshalb in der mal wieder laufenden Debatte für das Ensembletheater und die Künstlerinnen und Künstler, die sich gelegentlich als Fortschrittsverhinderer hinstellen lassen müssen. Unter anderem theoretisierende Kulturmanager kon­struieren eine Alternative zwischen einem Engagement in einer angeblich „wilhelminisch geprägten Hierarchie oder als kreativer Unternehmer“ – als gebe es wahre Kunst nur um den Preis sozialer Bindungslosigkeit. Joachim Lux vom Hamburger Thalia-Theater spricht von „halbgaren Unternehmensberatern“.

ANGRIFFE VON VERSCHIEDENEN SEITEN

Im Spannungsverhältnis stehen aber tatsächlich auf der einen Seite diejenigen, die mehr soziale Sicherheit für die Künstlerinnen und Künstler sowie stärkere Regulierung fordern und auf der anderen Seite jene, die mehr und angeblich bisher nicht vorhandene kreative Freiheit verlangen – wobei letzteres von einigen wenigen Altvorderen als Konzept ausgegeben, in Wirklichkeit aber bloß als Ausrede für ihre eigenen Unwillen zu vernünftiger Planung genutzt wird. Vollends unübersichtlich aber wird die Debatte, wenn beide Argumentationen von denselben Personen vorgetragen werden.

Im Wesentlichen unbestritten ist eigentlich nur, dass das flächendeckende Ensembletheater ein Unterscheidungsmerkmal der deutschsprachigen Theaterlandschaft gegenüber den allermeisten Ländern in Europa und darüber hinaus war und ist. Eben so klar müsste aber auch sein, dass das Ensembletheater mit seinem Festengagement ein bis dahin unbekanntes Maß an sozialer Sicherheit für die künstlerisch Beschäftigten gebracht hat. Trotzdem wird die Institution von verschiedenen Seiten angegriffen, die sonst nicht viel miteinander gemein haben.

Fragt man Theaterbeschäftigte, dann kommen schon mal ungewöhnliche Vergleiche. Der Schauspieler Peter Brombacher etwa spricht gegenüber der Internetplattform des Goethe-Instituts vom Zusammengehörigkeitsgefühl des Ensembles: „Das gibt einem Vertrauen, jeder einzelne geht mit einer größeren Kraft in die gemeinsame Arbeit hinein und traut sich unter Umständen mehr, als wenn man einzelkämpferisch als Gast unterwegs ist.“

Gerade an kleinen und mittleren Theatern in der Fläche wird dieser besondere Zusammenhalt des Ensembles immer wieder konstatiert. So erklärte die Regisseurin Vera Nemirova über ihre jüngste Arbeit – den „Fliegenden Holländer“ – am Theater Magdeburg in der Volksstimme: „An einem Ensembletheater, wo die Leute aufeinander abgestimmt sind, gibt es Bedingungen, die andere Qualitäten haben, als an den Theatern der Superlative, die andere Qualitäten haben.“

Jenseits aller konservativen Beharrungskräfte, die Befürwortern des Repertoire- und Ensemble-Theaters gelegentlich untergeschoben werden, gilt der Ensemble-Abbau zugunsten von Bespieltheatern etwa auch den Feuilletons als kultureller GAU. So schrieb der Berliner Tagesspiegel, hinter dem Streit um die Berliner Volksbühne stecke „die ernst zu nehmende Befürchtung, traditionsreiche und gewachsene Ensemblestrukturen könnten zugunsten eines Gastspielbetriebs aufgelöst werden.“ Und für viele Feuilletonisten in der Hauptstadt kommt das als besonders kreativ geltende Maxim Gorki dem Ensembletheater-Ideal am nächsten.

Für Oliver Reese, kommender Intendant des Berliner Ensemble, vermittelt sich die Identität eines Theaters durch die Integrität seines Ensembles: „Es sind fest engagierte Schauspieler, diesem Haus ver­pflichtet, mit Vertrag und mit Herzblut unterschrieben, mit der gegenseitigen Verpflichtung, sich über Regisseure und Stücke zu entwickeln, Schauspieler, denen das Publikum vertraut, auf die man sich freut.“

Außerhalb fester Häuser müsste wohl in der Tat ein größeres finanzielles und materielles Risiko für Künstler befürchtet werden und eine durch Marktgesichtspunkte nivellierte Kunstproduktion.

INNOVATIONEN UND QUALITÄT MÜSSEN MÖGLICH BLEIBEN

Denn das würden die meisten Forderungen nach strukturellem Umbau, gewollt oder nicht, in letzter Konsequenz bedeuten: Das alte Repertoire- und Ensembletheater verschwände und mit ihm das Festengagement für die Künstlerinnen und Künstler. Die zu lesende Behauptung, die deutsche Theaterlandschaft sei genau seinetwegen materiell so teuer und gleichzeitig so künstlerisch arm, darf als Provokation um ihrer selbst willen gelten, auf die niemand reagieren muss. Wahr ist, dass der Druck auf die Häuser steigt, die Eigenquoten zu erhöhen. Richtig ist aber auch, dass Theater nicht zuletzt für ihre Innovationen bezuschusst werden. Gerade auch beim Musiktheater sind solche Experimente, aus denen durchaus Massenerfolge werden können, nur mit einem festen Apparat möglich, wie ihn die Stadttheater bieten. Ohne festes Ensemble würde die Qualität des Theaters sinken, weil der Kostendruck auf die gastierenden Theatergruppen stiege und nur noch entsprechend Massengeschmack produziert werden könnte. Die Sorge um die Qualität treibt beständig auch die Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen (INTHEGA) um.

Was passiert, wenn man den Marktwirtschaftlern noch weiter folgt, kann in Großbritannien besichtigt werden: Abseits von London sehen sich die Theater zusehends im Überlebenskampf zu populären Musicals und Shows gezwungen.
Im Gegensatz dazu werden die Künstlerinnen und Künstler gebraucht als Identifikation eines Theaters, das eine wichtige Rolle spielt in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft. Im Idealfall setzen sie sich mit den Themen „ihrer“ Stadt auseinander, nehmen Debatten auf oder reißen sie an. Theater dürfen und müssen Sand im Getriebe einer Gesellschaft sein. Voraussetzung ist, dass die Künstlerinnen und Künstler in den Städten auch zuhause sind; sie brauchen Interesse und Kenntnis, Nähe und Identifikation. All das ginge völlig verloren, wenn Zuschauer nur noch das durchreisende Angebot konsumieren. Die gesellschaftliche Funktion des Theaters würde sich auflösen: Es würde nur noch Mainstream gespielt werden und jene Stücke fielen durchs ökonomische Raster, die auf den ersten Blick weder publikumswirksam noch ertragreich scheinen.

Bespieltheater wären bloße Hüllen, in denen beliebige, austauschbare Programme abgespielt werden, die weder eine bestimmte stilistische Ausrichtung zulassen, noch eine eigene Identität entwickeln. Voraussetzung für künstlerische Qualität und Freiheit ist das gesunde Gleichgewicht von sozialer Sicherheit für die Kulturschaffenden und Flexibilität – Letztere würde durch Überregulierung verloren gehen und muss beständig definiert und austariert werden.

DAS ENSEMBLE SCHÜTZT

Ein aufgelöstes Ensemble oder eine geschlossene Sparte kehren in der Regel nicht zurück; das ist eine Binsenwahrheit, die aber aber gelegentlich in Vergessenheit zu geraten scheint, wenn nicht nur Politiker und Unternehmensberater die Vor­lage für die Attacke auf die Ensembles liefern, sondern auch Kulturjournalisten ins gleiche Horn stoßen.

Die Gemeinschaft von Schauspielerinnen und Schauspielern ist widerständig. Weil sie in „ihrer“ Stadt verankert ist, kann der Wegfall nicht heimlich, ohne Aufsehen geschehen. Das Publikum kennt „sein“ Ensemble.

Wie auch immer gewendet: Wer das Ensemble-Theater abschafft, nimmt zugleich reisende Künstlertruppen in Kauf, die Gastspielbühnen bedienen. Im Kern wäre das die Bankrott-Erklärung der bisher gelebten Kultur, die Übernahme einer bloß betriebswirtschaftlichen Rechnung, ein Kotau vor den Finanzpolitikern der Theaterträger und der Abschied von künstlerischem Qualität – eine Produktion müsste schließlich immer den kleinsten zu bespielenden Bühnen angepasst werden.

Wenn Politikern nahegelegt wird, die Aussagen der Theatermacher vom „alternativlosen“ Ensemble-Theater nicht so ernst zu nehmen, sondern vielmehr auf dessen Abschaffung zu drängen, ist das unsolidarisch, um es sehr vorsichtig zu formulieren. Von der geforderten „Dekonstruktion“ aller Strukturen zur „Deregu­lierung“ ist es dann nicht mehr weit. McKinsey, Actori & Konsorten werden sich freuen.

Elitenbashing ist gerade in – auch wenn die Getroffenen gar keine Elite darstellen. Ob nun ein Kulturmanager von espressotrinkenden Theaterbesuchern fabuliert, die im Stadttheater-Foyer ihre nächsten Geschäfte vernetzen oder ein populistischer Politiker von der Champagneretage spricht, die es trocken zu legen gelte: Am Ende geht es immer gegen das vermeintliche Establishment. Unterschiedlich sind nur die Getränkesorten.

In der Realität sind die ingesamt 35 Millionen Theater-Besucher im Jahr bestimmt keine Elite, ihre Zahl entspricht etwa dem Dreifachen des Stadion-Publikums der 1. Bundesliga. Deren Interesse würde aber rasch nachlassen, wenn das liebgewonnene Haus aus Kosten- oder sonstigen Gründen zum Bespieltheater degradiert wurde.

Gegen die bisherigen Strukturen ist ganz sicher kein taugliches Argument, dass das Ensemble-Theater über eine lange Tradition verfügt. Vielleicht doch eher im Gegenteil?

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