Kolumne März 2016

Geschrieben am 24.Februar 2016 von Hans Herdlein

Turbulenzen an den Finanzmärkten

buehnengenossenschaft_3_16 [1]Ob Zinsen, Aktien oder Anleihen: 2015 ging es an den Kapitalmärkten turbulent zu. 2016 wird sich dieser Trend fortsetzen. Wie die Astronomen mit Lichtjahren rechnen, so rechnet der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, mit Billionen von Euro. Im Sommer 2012 versprach er, die EZB „werde alles tun, was immer auch nötig ist“, um den Euro zu retten – und dazu notfalls Wertpapiere in großem Stil aufkaufen.
Im gleichen Tempo geht es weiter: „Wir werden das tun, was wir machen müssen, um die Inflation zu erhöhen“. Für den normalen Menschen ist dieses hochaktuelle Thema von einem Schleier des Nebulösen umhüllt. Eine niedrige Inflationsrate macht sich doch positiv in seiner höchstpersönlichen Geldpolitik bemerkbar. Geht es hier um einen Wettstreit der Ökonomen? War da nicht von einer „unsichtbaren Hand des Marktes“, frei nach Adam Smith, die Rede? „Angeregt durch den Eigennutz kann sich das Wirtschaftsgeschehen am Markt wie durch eine ‚unsichtbare Hand’ geführt ins Gleichgewicht bringen“. Jüngste Urteile des Bundesverfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs vertiefen die Problematik des OMT- Programms – Outright Monetary Transactions (OMTs) [1] – von dessen Auswirkungen alle Bundesbürgerinnen und -bürger betroffen sind. Diese speziellen Begrifflichkeiten gehen ohne größeren Widerhall in der Öffentlichkeit unter, weil sie im Allgemeinbewusstsein nicht mehr eingeordnet werden können.

Grenzen des Wachstums

Die EZB pumpt seither Billionen Euro in den Bankensektor. „Die EZB wird bis März 2017 für rund 1,5 Billionen Euro Anleihen aufkaufen. Knapp 500 Milliarden Euro davon sind schon in das System geflossen. Die Notenbank hat zudem attraktive Kreditprogramme für Banken aufgelegt und den Leitzins auf 0,05 Prozent gesenkt“ [2]. Die Risiken dieses Kurses trägt am Ende der Steuerzahler. Dennoch: Die Wirtschaft lahmt. Wachstum will sich nicht einstellen. Das gemahnt an das Jahr 1972, als der Club of Rome seinen Bericht zur Lage der Menschheit unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ [3] vorlegte. Darauf folgte 1988 ein weiterer Bericht „Jenseits der Grenzen des Wachstums“ [4], der zu diesen Aussagen führte: „Wenn der Wachstumsbegriff auf das undifferenzierte quantitative Wachstum der Wirtschaft eingeengt würde, deren Erfolg dann lediglich mit dem prozentualen Jahreszuwachs des Bruttosozialprodukts (BPS) zu bewerten wäre, dann kann kein Zweifel darüber bestehen, dass der Wachstumsprozess – wie alle quantitativen Wachstumsprozesse – schließlich ein Ende finden muss“ (S. 55). „Die wirtschaftlichen Wachstumsraten seit Ende des Zweiten Weltkriegs bis etwa 1970 besaßen Ausnahmecharakter, wenn man bedenkt, dass die Durchnittsraten des Wirtschaftswachstums während der gesamten Ära der industriellen Revolution nie größer als zwei bis drei Prozent waren. Derartige Prozentsätze werden heute aber als zu niedrig erachtet, um durch Wachstum unsere sozialen und wirtschaftlichen Probleme lösen zu können“ (S. 57).

Zinswende in den USA

Erstmals seit 2006 hebt die US-Notenbank ihren Leitzins an. Nach fast einem Jahrzehnt rückt die US-Notenbank FED von ihrer Politik des billigen Geldes ab. Die FED-Chefin Janet Yellen leitete am 16.12.2015 die Wende ein. Die FED-Führung erhöhte die so genannte Zielspanne um einen viertel Punkt auf 0,25 bis 0,5 Prozent. Gleichzeitig aber warnte sie davor, den Schritt überzubewerten. Trotz dieses Beschlusses werde das Zinsniveau noch für längere Zeit niedrig bleiben, um die Konjunktur zu stützen. Niedrige Zinsen fördern gewöhnlich das Wachstum, können aber eine Inflation heraufbeschwören. Höhere Zinsen dämpfen dagegen die Teuerung, ziehen aber die Konjunktur in Mitleidenschaft. Die EZB wird deshalb aller Voraussicht nach ihre Nullzinspolitik weiterbetreiben: Das Wachstum stellt sich nicht ein, die Inflation ist zu niedrig – Normalisierung des Leitzinses: Adieu! Das ist schlecht für Sparer und Versicherer, weil vermeintlich sichere Anlagen kaum noch Rendite bringen.

Kritik am Kurs von Draghi

Nach einer dpa-Meldung vom 28.12.2015 wächst in der Union die Kritik am Kurs von EZB-Präsident Mario Draghi. Die Europäische Zentralbank (EZB) dringe immer tiefer in die direkte Staatsfinanzierung vor und flute die Märkte weiter mit Geld, sagte der Generalsekretär des Wirtschaftsrates der CDU, Wolfgang Steiger, der dpa. „Mario Draghis Munition ist nicht zielgenau und unwirksam.“ Der bisherige Kurs sei überhaupt nur gerechtfertigt gewesen, um der Politik Zeit für Reformen zu kaufen. Während die US-Notenbank FED längst umgesteuert habe, halte die EZB an ihrem „zuletzt erfolglosen Kurs“ fest.

Negativzinsen

Um die Gefahr einer Deflation durch sinkende Preise zu bannen, die zu einer dauerhaften Stagnation der Wirtschaft führen könnte, hat die EZB den Strafzins auf Einlagen der Geschäftsbanken erhöht: Statt 0,2 Prozent müssen die Institute jetzt 0,3 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Die EZB-Entscheidung erhöht den finanziellen Druck auf die Geschäftsbanken. Sie holen sich die höheren Kosten über Gebühren und teurere Kredite wieder herein. Zweck des Negativzinses ist, die Banken dazu anzuhalten, das Geld als Kredite an Unternehmen und Privatleute weiterzuleiten, anstatt es bei ihr zu bunkern. Die Notenbank stellt so viel billiges Geld bereit wie nie zuvor, aber es gelangt nicht in den Wirtschaftskreislauf und deshalb springt die Konjunktur in Europa nicht an.

Gefahr aus Fernost

Crash in China: „Rabenschwarzer Auftakt für das Börsenjahr 2016“. Schwache Industriedaten haben am ersten Handelstag 2016 Anleger weltweit geschockt. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde steckt in Schwierigkeiten. Die Entwicklung bedroht die Weltkonjunktur. Schlechte Umfragedaten zur chinesischen Industrie ließen die Kurse abstürzen, dazu kam die Schwäche der Landeswährung Yuan, die eine Talfahrt der Aktien auslöste. China ist für die deutsche exportorientierte Industrie heute genauso wichtig wie die USA. Besonders die Automobilhersteller, Maschinenbauer und Chemiekonzerne profitierten vom Boom in China.

Lebensversicherer – sinkende Renditen

Die Lebensversicherungen werden ihren Kunden weniger Rendite gewähren. Durch die niedrigen Zinsen müssen sie sich auf geringere Auszahlungen gefasst machen. Der Niedrigzins am Kapitalmarkt dringt weiter in die Verträge ein. Schreibt man die jüngsten Entwicklungen fort, dürfte der Referenzzins in diesem Jahr auf 2,58 Prozent sinken. Zudem steht den deutschen Lebensversicherern die Einführung der neuen Aufsichts- und Kapitalanlageregeln Solvency II bevor, die erhebliche Veränderungen mit sich bringen werden.

Auswirkungen der Nullzinspolitik

Die Nullzinspolitik der EZB wirkt sich auf die Altersicherung der Versicherten und Rentner in gleicher Weise negativ aus. „Viele Rentner haben finanzielle Engpässe. Lediglich 27 Prozent der Rentner und Pensionäre in Deutschland sagen, sie hätten in ihrem Ruhestand noch keine Engpässe erlebt. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der AxA Versicherung. Rentner, die schon einmal Engpässe erlebt haben, reagierten darauf sehr unterschiedlich. Etwa die Hälfte reduzierte ihre Ausgaben. Jeder Vierte reduzierte sein Vermögen und fast ebenso viele liehen sich bei Familienmitgliedern oder Freunden Geld. Allerdings sei es den meisten Ruheständlern unangenehm, wenn Freunde oder Bekannte von ihrem finanziellen Engpass erfahren, heißt es in der Untersuchung“.

„Als Gründe für die finanziellen Nöte werden von Rentnern unter anderem schwere Krankheiten und Pflegebedürftigkeit genannt. Dementsprechend kommt es bei vielen Menschen erst in einer sehr späten Lebensphase zu einem höheren und oft stark schwankenden Finanzbedarf. Dieses Thema werde von vielen Menschen, die noch im Berufsleben stehen und sich Gedenken über das Alter machen, unterschätzt“ [5].

Bayerische Versorgungskammer (BVK)

Als größte öffentlich-rechtliche Versorgungsgruppe Deutschlands ist die Bayerische Versorgungskammer ein Dienstleistungs- und Kompetenzzentrum für berufsständische und kommunale Altersversorgung. Sie führt die Geschäfte von zwölf rechtlich selbständigen berufsständischen und kommunalen Altersversorgungseinrichtungen mit insgesamt ca. 2 Mio. Versicherten und Versorgungsempfängern, ca. 4 Mrd. € jährlichen Beitrags- und Um­lageeinnahmen und ca. 2,8 Mrd. € jährlichen Rentenzahlungen. In diesen starken Verbund sind die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen (VddB) und die Versorgungsanstalt der deutschen Kulturorchester (VddKO) eingebunden. Die Theatergewerkschaften Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA), die Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO) und die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) sind im Rahmen der Selbstverwaltung in den Organen ihrer Versorgungswerke vertreten.

Die Bayerische Versorgungskammer beschäftigt 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist seit März 2010 Unterzeichner der Charta der Vielfalt und seit 2011 Unterzeichner der von den Vereinten Nationen unterstützen „Prinzipien für verantwortungsbewusstes Investment“ (PRI). In Bestätigung dieser Nach­haltigkeitsstrategie wurde die Bayerische Versorgungskammer am 19.05.2015 in Kopenhagen mit dem IP Real Estate Global Award in der Kategorie „Debt Strategy“ und dem Institutional Investor Award in der Kategorie „Optimale Nutzung von Immobilien“ ausgezeichnet. Die Bayerische Versorgungskammer kooperiert mit der GEWOFAG Wohnen GmbH für mehr bezahlbaren Wohnraum in München. Darüber hinaus ist die Bayerische Versorgungskammer im Bereich Infrastruktur- und Immobilienfinanzierungen aktiv. Geschäftsfelder die künftig weiter ausgebaut werden. Die BVK wird ihren Nachhaltigkeitsansatz stetig optimieren, um in Anlagen zu investieren, die langfristig stabile Renditen erwirtschaften, ohne Risiken in den Bereichen Soziales, Ökologie oder Governance einzugehen. Beste Voraussetzungen, um den Turbulenzen der Finanzmärkte Stand zu halten.

[1] Die Zielsetzung von OMTs besteht nach Aussage der EZB insbesondere darin, die ordnungsgemäße geldpolitische Transmission und die Einheitlichkeit der Geldpolitik sicherzustellen.
[2] Süddeutsche Zeitung, 28.12.2015, Markus Zydra: Draghis Vermächtnis, S. 17.
[3] Meadows, Dennis: Die Grenzen des Wachstums, Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart,1973.
[4] Pestel, Eduard: Jenseits der Grenzen des Wachstums – Bericht an den Club of Rome, Stuttgart, 1988.
[5] FAZ v. 27.11.2015, S. 25.


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