Hans Herdlein Geschrieben am 24 Februar, 2014

Kolumne März 2014

Kulturmanagement – im visionären Vorausentwurf

buehnengenossenschaft_3_14Die heftigsten Attacken gegen das Stadt- und Staats­theatersystem kommen nicht aus den Reihen etwa amusischer Kulturpolitiker in Ländern und Kommunen, sie kommen nicht (mehr) von der alternativen freien Szene: „sie beginnen in den Seminarräumen und Projektsitzungen“ der Kulturvermittler. Sie sind es, die nach Prof. Dr. Hermann Voesgen von der Fachhochschule Potsdam, „die Verhältnisse zum Tanzen bringen“, „verkrustete Strukturen aufbrechen“ und „Normen in Frage stellen“. Gegenwehr ist gefordert! Zu lange hat man den kleinen Ableger der Betriebswirtschaftslehre – das Kulturmanagement – mit seinem übersteigerten gesellschaftspolitischen Anspruch unbeachtet gelassen. Zu sehr hat man auf die verfassungsrechtlich garantierte Kunstfreiheit vertraut. Es war nicht damit zu rechnen, dass aus dem benachbarten Freiheitsraum der Wissenschaft reformwütige Angriffe gegen das überkommene System der „Hoftheater“ geführt werden würden. Schon gar nicht deswegen, weil auch die Gründungstage der Universitäten noch viel weiter zurückreichen: Als erste Univer­sitäts­gründungen im Heiligen Römischen Reich gelten Prag (1348), Wien (1365), Erfurt (1379) und Heidelberg (1385). Die Attacken kamen umso überraschender, als sich eine jahrzehntelange Koexistenz zwischen der Theaterwissenschaft und der Theaterpraxis herausgebildet hat. Da ist es gewiss nicht zu weit hergeholt, wenn jetzt dem Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig der „Infarkttod“ droht, die ständige Denunzierung des Theatersystems durch Exponenten des Kulturmanagements mit in die Verantwortung zu nehmen. Das Leipziger Institut ist überdies das einzige theater­wissenschaftliche Institut in den neuen Bundesländern!

Auf eine vergleichbare Ausstrahlungswirkung kann auch die Krisensituation am Volkstheater Rostock zurückgeführt werden. Vor einer Öffentlichkeit, die keine blasse Ahnung über das komplexe Innenleben eines Theaters hat, werden die Tariferhöhungen verteufelt, die zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberbänden vereinbart wurden. Sie dienen den verantwortlichen Politikern als Ausflucht für den Verrat ihres kulturpolitischen Auftrags, ihr Theater zu erhalten und drohen ihm stattdessen die Schließung an! Da geht man nicht der wahren Ursache einer permanenten Kostenunterdeckung auf den Grund. Der erpresserische Druck wird vielmehr auf das schwächste Glied in der „Wertschöpfungskette“ umgelenkt: auf die nach zeitlich befristeten Verträgen beschäftigten Bühnenkünstler. Während die am gleichen Haus beschäftigten Angestellten der Verwaltung und Bühnentechnik als „öffentliche Pflichtaufgabe“ finanziert werden und die ausgehandelten Tariferhöhungen anstandslos ausbezahlt bekommen, sollen die künstlerischen Beschäftigtengruppen nur verminderte Tariferhöhungen erhalten oder gleich leer ausgehen. Das vertreten der Kaufmännische Geschäftsführer, Stefan Rosinski, und sein neu berufener Intendant, Sewan Latchinian. Sie fordern „subversive“ – also „umstürzlerische“ – Verhaltensweisen von ihren Künstlern, sich ohne tarifvertraglich gesicherte Gagen (Mindestgage derzeit 1.650,– Euro mtl.) zu verdingen. Um das zu erreichen, treten sie wütend aus dem Deutschen Bühnenverein aus – und beschimpfen den Arbeitgeberverband auch noch dafür, dass er seine Vertragspflichten erfüllt. Soll das der neue Weg sein, der aus den Notlagen der immer noch ungelösten Gemeindefinanzreform herausführen soll? Ein Rückfall in die Steinzeit des Theaters, mit ihrem „Künstlerelend“, das man moderner durch „kreatives Prekariat“ an Stelle des gewöhnlichen „Proletariats“ ersetzt? Auf solchem Boden gedeiht die längst überwunden geglaubte „Künstlerideologie“, die in Anbetracht der allgemeinen Finanznot wieder von Neuem hoch im Kurs steht.

So kann man das Sozialstaatsprinzip nach Art. 20 Grundgesetz auch verdrehen und föderale Kulturförderung in Kulturwegbeförderung umdeuten. Die Sozialstaatsklausel des Grundgesetzes kennzeichnet den Wandel vom liberalen zum sozialen Rechtsstaat. Sie ist ein Schutzprinzip für die wirtschaftlichen Schwachen und verpflichtet den Staat, auch diesen Freiheit von Not, ein menschenwürdiges Dasein und eine angemessene Beteiligung am allgemeinen Wohlstand zu gewähren (BVerfGE 10, 100).

In Art. 9 Absatz 3 Grundgesetz ist die Vereins- und Koalitionsfreiheit geregelt. Das „Vereinigungsrecht der Sozialpartner“, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, das Koalitionsrecht. Der wichtigste Teil der koalitionsmäßigen Betätigung ist das Aushandeln von Tarifverträgen mit dem sozialen Gegenspieler. Zur autonomen Regelungsbefugnis der Koalitionen gehören das Arbeitsentgelt und die Regelung anderer materieller Arbeitsbedingungen. „Die Tarifautonomie ist darauf angelegt, die strukturelle Unterlegenheit der einzelnen Arbeitnehmer beim Abschluss von Arbeitsverträgen durch kollektives Handeln auszugleichen und damit ein annähernd gleichgewichtiges Aushandeln der Löhne und Arbeitsbedingungen zu ermöglichen“ (BVerfGE 84, 212, 224).

Bezeichnend ist es, dass die Theatergewerkschaften, die jahrzehntelang für die soziale Besserstellung der Bühnenangehörigen kämpfen, in der öffentlichen Wahrnehmung nur wenig Unterstützung finden. Von einer Unterstützung seitens der Hochschulen – die in Theater-Fächern ausbilden – war nie etwas zu vernehmen. Im Gegenteil, sich mit „Gewerkschaften“ und „Tarifverträgen“ im künstlerischen Bereich abzugeben, gilt als nicht standesgemäß und wird allenfalls am Rand der Lehrpläne gestreift. Schließlich werden Eliten exzellent zur Unternehmensführung ausgebildet. Für das Arbeitsrecht und sonstigen sozialen ‚Klimbim‘ ist da kaum Raum, soweit es die atypischen Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse des künstlerischen Personals betrifft.

Beklagt wird hingegen eine „anhaltende Teilhabe-Ungerechtigkeit auf dem Feld von Kunst und Kultur“ von Prof. Dr. Birgit Mandel, Professorin für Kulturmanagement und Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim: „Öffentliche Meinung über Kulturpolitik wird maßgeblich von gebildeten Bürgern und dem (überregionalen) Feuilleton geprägt, die in der Regel eine konservative, Hochkultureinrichtungen bewahrende Kulturpolitik fordern. Die öffentliche Hand finanziert vor allem die kulturellen Bedürfnisse des gebildeten und sozial besser gestellten Teils der Bevölkerung“. Das soll sich ändern.

Am Hildesheimer Institut für Kulturpolitik, unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Schneider, hat man sich eine „Reform der Darstellenden Künste“ zum Ziel gesetzt.[1] Der Kulturmanager wird hier zum zentralen Akteur des betriebswirtschaftlichen und künstlerischen Geschehens. Dem visionären Vorausentwurf steht allerdings, nach Birgit Mandel, „aktuell noch ein eher eingeschränktes Bild vom Kulturmanager als Technokraten und rein ökonomisch handelnden ‚Rationalisierer‘ entgegen, das mit der Entstehungsgeschichte des Kulturmanagements in Deutschland Anfang der 1990er Jahre als einem Einsparinstrument zur Reformierung öffentlicher Kultureinrichtungen ge­prägt wurde“.[2] In einem komplexeren Rollenmodell (Jahrbuch für Kulturmanagement 2011) geht es zur Sache: Darin „sind Kulturmanager Bestandteil des arbeitsteiligen Prozesses kollektiver Kreativität, in dem sie nicht nur äußere Rahmenbedingungen organisieren, sondern auch kuratierende Funktionen innehaben. Dabei gestaltet sich der Grad der Einflussnahme auf die Produktion oder die Auswahl von Kunst sehr unterschiedlich je nach Kunstbereich und Sektor. (…) Kulturmanager in einem erweiterten Verständnis sind nicht nur für optimale Rahmenbedingungen der Kunstproduktion zuständig, sondern übernehmen auch Verantwortung für (potentielle) Kulturrezipienten, deren Bedürfnisse und Motivationen sie be­rücksichtigen und die Vermittlung von Kunst und Kultur“. Auf den Punkt gebracht: „Kulturmanagement wirkt in einem solchen Verständnis aktiv an der Gestaltung des gesellschaftlichen Kulturangebots mit; trägt dabei auch gesellschaftspolitische Verantwortung und hat weder eine rein dienende Funktion gegenüber der Kunst, noch eine rein ausführende Funktion gegenüber der staatlichen Kulturpolitik“.

Dieser neuen Lesart eines ‚erweiterten‘ Verständnisses von Kulturmanagement fühlt sich auch Prof. Dr. Hermann Voesgen verpflichtet: „Will sich Kulturmanagement nicht auf Anwendungsnischen zurückziehen, muss es sich als eine kritische Gesellschaftswissenschaft positionieren. Allerdings nicht mit der akademischen Distanz einer Kultur­wissenschaft. Vielmehr bleibt Kulturmanagement wesentlich selbst handelnd und gestaltend in kulturellen Prozessen“.[3] Und nicht minder deutlich, wenn auch verhaltener, Prof. Dr. Oliver Scheytt: „Wie die ‚Wissenschaftsfreiheit‘ ist auch die ‚Kunstfreiheit‘ verfassungsrechtlich garantiert. Gleichwohl ist es erlaubt, ja sogar geboten, dass Kulturmanager bei der Führung und Steuerung eines der Kunstproduktion gewidmeten Kulturbetriebes dessen Effektivität und Effizienz analysieren und steuernd eingreifen, wenn die Resultate nicht stimmen. Dem steht die Kunstfreiheit grundsätzlich nicht entgegen. Dieses Credo durchzieht im Übrigen die gesamte Kulturmanagement-Literatur“.[4]

Grundsätzlich gilt dieses Credo, aber nicht schrankenlos: „Auch eine nach der grundgesetzlichen Gewährleistung in Art. 5 Abs. 3 GG freie Forschung unterliegt rechtlichen Bindungen und ist damit Schranken oder zumindest einer Konkretisierung durch den Gesetzgeber ausgesetzt. Diese rechtlichen Aspekte betreffen zum einen die Veröffentlichungspflicht und die – damit eng verbundenen Fragen des Urheberrechts. Daneben sind Regelungen betreffend die Sicherung wissenschaftlicher Redlichkeit relevant“.[5]

In einem Rückblick auf die 8. Jahrestagung des Fachverbandes Kulturmanagement [6], die vom 16. bis 18. Januar 2014 an der Fachhochschule Kufstein stattgefunden hat, wird berichtet: „Insgesamt war die Jahrestagung des Fachverbandes Kulturmanagement (…) stark von Prämissen und Systematisierungsversuchen geprägt, während es gerade in Bezug auf die zugrunde gelegten Methoden und Theorien noch Defizite gibt. Die wissenschaftliche Methodendiskussion, so machte Martin Tröndle, Professor für Kulturbetriebslehre an der Zeppelin-Universität, deutlich, bedarf sowohl mehr Tiefenschärfe als auch einen erweiterten Blick auf die Methoden und Theorien anderer Disziplinen. Nach ihm befindet sich das Fach Kulturmanagement nur an der ‚Grenze zur Wissenschaft‘“.

  1. Schneider, Wolfgang, Hrsg. (2012): Theater entwickeln und planen – Kulturpolitische Konzeptionen zur Reform der Darstellenden Künste, Bielefeld.
  2. Mandel, Birgit: Kulturmanagement: zentraler Akteur einer konzeptbasierten Kulturpolitik – Zum Verhältnisvon Kulturmanagement und Kulturpolitik, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr. 143, IV/2013, S. 31. .
  3. Voesgen, Hermann: Kulturmanagement – Worum es geht – worum geht es?, in: Kulturpolitische Mitteilungen Nr. 140, 1/2013, S. 47 – 49.
  4. Scheytt, Oliver: Lehre und Praxis des Kulturmanagements brauchen klare Berufsbilder! – Die Freiheit der Wissenschaft und die Anforderungen des Berufs ‚Kulturmanager‘, in: Ulrike Blumenreich (Hrsg.), (2012): Studium – Arbeitsmarkt – Kultur, Ergebnisse eines Forschungsprojekts, Bonn, S. 269 – 274.
  5. Pautsch, Arne; Dillenburger, Anja (2011): Kompendium zum Hochschul- und Wissenschaftsrecht, C. Forschung, IV. Weitere rechtliche Aspekte der Forschung, S. 144, Rn. 33, Berlin/New York
  6. http://www.kulturnet.de/beitraege/prm/39/v_d/ni_2730/stp_5/index.html – Download vom 02.02.2014.
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