Hans Herdlein Geschrieben am 8 März, 2013

Kolumne März 2013

Schlagwort „Solidarität“

buehnengenossenschaft_3_13Bei der Bestandsaufnahme der kommunalen Theater und Orchester in Sachsen-Anhalt wurde wieder einmal die fundamentale Erkenntnis zutage gefördert, dass der Theaterbetrieb erhebliche Teile der Kulturausgaben erfordert. In der Zusammenschau der Etatsummen – je nach dem Betrachtungswinkel des Kritikers – eine Unsumme oder eine der Einrichtung geschuldete Finanzierung zwecks Erfüllung ihres Kulturauftrages. Der Blick richtete sich in Sachsen-Anhalt auf die Förderung von Regionen, einschließlich der Metropolen. Ein Anflug des Sächsischen Kulturraumgesetzes mit seinen Kulturräumen schimmert auf, das leider keine Gegenliebe in anderen Bundesländern gefunden hat. Kultur als öffentliche Pflichtaufgabe an den Theatern auszuweisen? Das gilt nur für Verwaltung und Bühnentechnik, nicht aber für den künstlerischen Bereich, für den die gesamte Einrichtung Theater eigentlich da ist. Auch wenn man in früherer Zeit nicht mehr von freiwilligen Leistungen des Haushaltsrechts sprach, nicht mehr von Subventionierung, sondern von Finanzierung – im Grunde hat man sich nicht von der ‚freiwilligen‘ Haushaltsmasse gelöst, die im Bedarfsfall Löcher in anderen Haushaltstiteln stopfen half. Ausnahmen hat es dabei immer gegeben, und sie gibt es immer noch, wenn auch mit sinkender Tendenz.

In dieser Bestandsaufnahme der kommunalen Theater und Orchester überrascht das hohe Lob: „Das deutsche Theater- und Orchestersystem ist Teil einer über Jahrhunderte gewachsenen Tradition, die eine weltweit einzigartige Theater- und Orchesterlandschaft in besonderer Weise geprägt hat. Das flächendeckende Theater- und Orchestersystem Deutschlands ist etwas Einmaliges, das auch mittleren Städten und nicht nur den Metropolen den Zugang zur Kultur in ihrer ganzen Breite, von Klassik bis zur Avantgarde ermöglicht. Diese lebendige kulturelle Infrastruktur stärkt die Attraktivität der ländlichen Räume und Regionen. Ein Blick auf die Spielpläne der Theater und Orchester zeigt, dass die Institutionen ihren Auftrag erfüllen, gesellschaftlicher Diskussionsraum und Ort der Reflexion der Gegenwart zu sein, Werte und Orientierung zu vermitteln und gleichzeitig Unterhaltung zu bieten“. Man könnte über diese Beschreibung geradezu ins Schwärmen geraten.

Sie findet eine Parallele noch in Artikel 35 Kultur des Vertrages über die Herstellung der Einheit Deutschlands vom 31. August 1990: „In den Jahren der Teilung waren Kunst und Kultur – trotz unterschiedlicher Entwicklung der beiden Staaten in Deutschland – eine Grundlage der fortbestehenden Einheit der deutschen Nation. Sie leisten im Prozess der staatlichen Einheit der Deutschen auf dem Weg zur Europäischen Einigung einen eigenständigen und unverzichtbaren Beitrag“. Und noch weiter zurück: Bundespräsident Richard von Weizsäcker über Theater. Das Editorial, in: „Die Deutsche Bühne“ Nr. 7 Juli 1987, S. 8-13: „Nach Theodor Heuss und Walter Scheel ist Richard von Weizsäcker der dritte Bundespräsident, der anlässlich einer Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins zur Lage der Theater sprach. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern sah er sich am 1. Juni 1987 im Berliner Reichstagsgebäude jedoch Theatermachern und Politikern gegenüber, deren künstlerische und finanzielle Anstrengungen nicht mehr so ungebrochen auf Wachstum und die Zukunft setzen können“.

In einer bemerkenswerten Rede führte der damalige Bundespräsident aus: „Warum sprechen wir im Fall des Theaters von Subventionen? Manchmal heißt es, Theater sei Luxus. Dann ist Regierung eben auch ein Luxus. Zuweilen fragt sich, auf welchen Luxus man eher verzichten könnte. Ich bin natürlich nicht gegen Regierungen, sondern ich bin für Luxus. Undenkbar ist es nicht, dass ein Stück Theater Gewinn erwirtschaftet. Im Grundsatz aber ist es nicht darauf ausgerichtet. Ertragskraft und Rentabilität sind keine entscheidenden Kriterien von Kunst. Natürlich ist jedes Theater auch ein Wirtschaftsfaktor. Der jährliche Etat unserer großen Bühnen entspricht dem Umsatz eines größeren Betriebes. Aber ebenso wenig, wie sich die Notwendigkeit des Theaters allein aus seiner wirtschaftlichen Bedeutung herleiten lässt, wäre es unsinnig, die Berechtigung des Theaters mit dem Argument zu bestreiten, es sei nicht kostendeckend. Theater ist eine notwendige und unersetzliche Dimension unseres Lebens, unseres Zusammenlebens, unserer Kultur. Es ist unser ureigenstes Interesse, Theater möglich zu machen und abzusichern. Die von Bundesland zu Bundesland stark unterschiedlichen Formen der Förderung billigen dem Theater keine gesicherte Rechtsposition zu. Es ist höchst befremdlich, dass in unserer Gesellschaft Leistungen, die jedes Jahr annähernd zwei Milliarden DM umfassen, von denen der Lebensunterhalt von 27.000 oder mehr Menschen abhängt und auf deren Leistungen viele Millionen Menschen von Saison zu Saison warten, in einem gleichsam rechtsfreien Raum erfolgen. Über die Diskussionen um ihre Finanzierung geraten die Theater in einen ständigen Rechtfertigungsdruck. Immer wieder müssen sie nicht nur ihre sachliche Arbeit und ihre Kosten, sondern auch ihre Existenz schlechthin aufs Neue legitimieren“.

Der permanente Rechtfertigungszwang der Theaterfinanzierung zieht sich durch die Zeiten. Nur die Tonart ist heute frostiger geworden. Der „Alarmismus“ von prominenten Kulturmanagern entfacht, die jenseits wissenschaftlicher Gradlinigkeit Strukturkampagnen gegen das nach ihrer Ansicht erstarrte und verkrustete Stadt- und Staatstheatersystem anheizen, zeugt von einem Infarkt der guten Sitten. Hierzu die passenden Worte aus Richard von Weizsäckers Rede über das Theater: „Ein offener, durch gegenseitigen Respekt geprägter Dialog zwischen dem Theater und seinen Trägern liegt im allseitigen Interesse. Dazu gehören natürlich auch Finanzierungsfragen. Es geht zwar um Kunst. Das ändert aber nichts daran, dass nicht mehr ausgegeben werden kann, als vorhanden ist. (…) Theater ist Arbeit einer großen Mannschaft. Es steht und fällt mit seinen Regisseuren und Schauspielern. Dahinter agiert aber ein ganzes Heer von Technikern, Beleuchtern, Kostümschneidern, Bühnen- und Maskenbildnern, Verwaltungsleuten – sie alle sind zum Bühnenerfolg so notwendig wie die, die im Rampenlicht stehen. Erst die vertrauensvolle und absolut zuverlässige Zusammenarbeit von ihnen allen macht gutes Theater aus. Mehr als jede andere Kunstform ist Theater Arbeit, Teamarbeit völlig unterschiedlicher Aufgaben und Fähigkeiten“.

Diese Passage passt besonders gut zu den begleitenden Kommentaren anlässlich der Vorlage des Abschlussberichts zum Kulturkonvent Sachsen-Anhalt. Der ehrenamtlich tätige Moderator des Kulturkonvents, Olaf Zimmermann, im Hauptberuf Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, sieht in der Tatsache, dass der größte Einzelposten in der Kulturfinanzierung – nicht nur in Sachsen-Anhalt – in die Theaterfinanzierung fließt, die Theater „auch in der Pflicht mit anderen Kultursparten solidarisch zu sein. Das bedeutet zum Beispiel:

  • Die Preise der freien Theater bei Veranstaltungen im Kinder- und Jugendtheater nicht zu unterbieten und damit deren Geschäftsmodell zu torpedieren,
  • Aufträge an freie Künstler vor Ort zu vergeben, wenn es sich anbietet,
  • Solidarisch zu sein, wenn andere Kultureinrichtungen von Einsparungen betroffen sind“.

Seines „Erachtens wären viele andere Möglichkeiten der Solidarität der künstlerischen Sparten untereinander denkbar. Besonders müssen sich die Theater mehr der freiberuflichen im Land arbeitenden Künstlerinnen und Künstler öffnen und sie zur Mitarbeit einladen“. Ganz besonders wichtig ist ihm, „dass der Kulturbereich geschlossen als ganzer auftritt und sich die einzelnen Sparten nicht auseinanderdividieren lassen“. Das wäre die Solidarität, die er sich wünschen würde und „die für eine künftige Kulturentwicklung unverzichtbar ist“. Auch der Kulturausschuss des Deutschen Bundestages debattierte am 08.11.2012 über öffentliche Kulturförderung auch am Beispiel Sachsen-Anhalts. Große Übereinstimmung herrschte zwischen den Experten und den Abgeordneten darüber, dass Deutschland über eine sehr große kulturelle Vielfalt verfügt, die es zu schützen und weiterzuentwickeln gilt. „Ebenso übereinstimmend wurde erklärt, dass neben der Förderung der bestehenden Kulturinstitutionen und tradierten Kulturförderung die zeitgenössische Kunst und hier besonders die freie Szene besondere Aufmerksamkeit verdient“. Darauf folgt ein gewaltiger Satz: „Die zeitgenössische Kunst steht für die Weiterentwicklung der Kultur“. Ganz auf der Linie der künstlerischen Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers, die die Kulturstiftung als Initiatorin für Experimente und der Erprobung neuer Formen der Zusammenarbeit sieht. Norbert Sievers, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft, bemängelte, dass sich die Kulturförderung zu einseitig auf die Bewahrung des kulturellen Erbes beschränke. Die kulturelle Bildung hingegen werde vernachlässigt. Und in seinem Ehrenamt als Moderator setzt Olaf Zimmermann nach: Er sehe auch eine „Bringschuld“ bei Kultureinrichtungen, sich der freien Szene zu widmen.

„Solidarität“ als wechselseitige Verpflichtung auf Gegenseitigkeit ist eine Grundlage gewerkschaftlichen Zusammenhalts. Ein vielgebrauchter Begriff, der im vorliegenden Fall zu einem Schlagwort zweifacher Bedeutung wird. Einmal geht es hier um die Interessen-Solidarität, die durch Interessengleichheit in einer bestimmten Situation wirksam ist und nach dem Erreichen des gemeinsamen Ziels endet. Ihr ist der Appell zuzuordnen: „solidarisch zu sein, wenn andere Kultureinrichtungen von Einsparungen betroffen sind“. Eine gänzlich andere Bedeutung aber gewinnt die verpflichtende Aufforderung: Es bestehe eine „Bringschuld“ der Kultureinrichtungen, sich der freien Szene zu widmen. Hier kommt ein historischer Aspekt des römischen Rechts ins Spiel, in dem Solidarität nicht die Zusammengehörigkeit der Beteiligten bezeichnet, sondern eine besondere Form der Haftung bedeutet, bei der man heute von „Gesamtschuld“ spricht.

Das Solidaritätsprinzip ist aber keine Einbahnstraße. Die Breitseiten, die von der freien Szene und ihren Exponenten auf das Stadt- und Staatstheatersystem abgefeuert werden, begleitet von den literarischen Gefechten aus den Reihen des Kulturmanagements, sind kein Ausdruck einer von Solidarität gekennzeichneten Gesellschaft. Die „festen“ Häuser werden törichterweise als Trutzburgen dargestellt, in denen sich offenbar nichts Künstlerisches mehr ereignet, es sei denn, die freie Szene befruchtet sie mit noch nie dagewesenen Innovationen. Das ist keine Diskussion zwischen Partnern auf Augenhöhe mehr, sondern eine laienhafte Überhebung fern der Realität. Den (noch) etablierten Theatern erweist man mit dieser Art Diskussion einen Bärendienst. Den Abbau-Strategen wird der Weg bereitet, sie wirtschaftlich immer weiter auszuzehren. Einer Einrichtung, der man ihren Sinn streitig macht, wird auf Dauer keine Trägerkommune folgen. Sie braucht dann auch keine innovative freie Szene mehr und auch kein exzellentes Kulturmanagement, günstigstenfalls noch ein Bespielungstheater. Das ist dann aber kein Theater im Umbruch mehr, sondern ein Theater auf Abbruch.

Wie ist es also um die Vorschläge bestellt, mit denen der freien Szene die Theater geöffnet werden sollen? Einen wesentlichen Schritt dazu hat die Bundeskulturstiftung mit ihren Programmen Wanderlust, Heimspiel und zuletzt Doppelpass getan. Offen dabei ist, wie das Programm Doppelpass umgesetzt wird und zu welchen Ergebnissen das führt. Wird die neue Truppe ein eigenes Projekt entwickeln? Wird sie das in Zusammenarbeit mit dem Ensemble oder einzelnen Mitgliedern davon tun? Unklar ist die arbeitsrechtliche Eingliederung der Mitglieder der freien Szene in den Betrieb des Theaters. Es treffen dort verschiedene Organisationssysteme aufeinander: Freie Gruppen als Gesellschaft bürgerlichen Rechts verfasst, Normalvertrag Bühne im künstlerischen Bereich, für Bühnentechnik und Verwaltung die Tarifverträge des öffentlichen Dienstes (TVöD/TV-L). Wie die Zusammenarbeit organisiert wird, wie eine Eingliederung in die laufende Spielplandisposition erfolgt und zu welchen Bedingungen, darüber ist nichts bekannt.

Wie Theaterbetriebe die freie Szene zur Mitarbeit einladen können, bei Arbeitszeiten für Proben und Vorstellungen, die über Monate und Spielzeiten hinweg ausdisponiert sind, kann nur im Einzelfall geregelt werden. Den Bühnenverwaltungen sind von den Gremien ihrer Rechtsträger Planvorgaben auferlegt – auch bezüglich der Eintrittspreise -, die sie zu überwachen und einzuhalten haben. Die Haushaltslage ist an allen Theatern angespannt. Bei strengster Haushaltsdisziplin gibt es keine freie Dispositionsmasse mehr, um fehlende Mittel solidarisch zu ersetzen.

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