Hans Herdlein Geschrieben am 12 März, 2012

Kolumne März 2012

Strukturkampagne

Die Kampagne gegen das Staats- und Stadttheatersystem hält unvermindert an. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied, dass die Attacken nicht mehr unwidersprochen hingenommen werden – gleich, von welcher Seite sie kommen. Man hätte sich gewünscht, dass die in erster Linie betroffene Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins das Ensembletheater an vorderster Stelle verteidigt. Hat doch die Jahreshauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins 2009 ein einstimmiges Votum für den Fortbestand des Ensemble- und Repertoiretheaters abgegeben. Es wurde auf die Gefahren hingewiesen, die „in dem dauerhaften Abbau von Arbeitsplätzen und der zunehmenden Anzahl von Gastverträgen liegen“. In den letzten 15 Jahren gingen 7.000 Arbeitsplätze bei den Theatern und Orchestern verloren. Gleichzeitig ist die Anzahl der Gastverträge von 8.000 auf 18.000 Verträge gestiegen! Die Leitsätze der Jahreshauptversammlung 2009 lauteten: „Ensemble und Repertoire stehen für eine kontinuierliche künstlerische Arbeit, diese kontinuierliche Arbeit erlaubt die notwendige Reflexion der gesellschaftlichen Realität, diese Reflexion ist gerade in Krisenzeiten unentbehrlich, um der ökonomischen Ideologie des ewigen Wachstums ästhetische Werte entgegenzusetzen“. Sätze, die auch heute gültig sind![1]

Vor diesem Hintergrund ist es schwer verständlich, dass die aufgeregte Kampagne gegen die angeblich „verkrusteten“ und „starren“ Strukturen der Theaterbetriebe nicht mit gleicher Bestimmtheit zurückgewiesen wird. Sei es in Internetauftritten, wie in nachtkritik.de oder im Arbeitsbuch 2011 von Theater der Zeit, „Heart of the City – Recherchen zum Stadttheater der Zukunft“, in denen der „Beginn des Zusammenbruchs des Stadttheatersystems“ von Carena Schlewitt diagnostiziert wird [2]. Bei dieser Kampagne geht es in der Tat um „strukturelle Maßnahmen in Bezug auf beide Theatersysteme, das Stadttheater und das freie Theater“. In einer Besprechung dieser Beiträge bloggt Ulf Schmidt unter postdramatiker.de „Warum es für Theater um Leben und Tod geht“. Wenn solche Aussagen unwidersprochen bleiben, braucht man sich nicht darüber zu wundern, wenn die Angriffe immer heftiger werden und weitere Kreise ziehen.

Das Stadttheatersystem ist kein erratischer Block, der unverändert durch die Zeiten in die Gegend ragt. Es ist den gleichen Gesetzen des Wandels unterworfen wie andere Institutionen. Hätte es darauf nicht reagiert, gäbe es keinen Streit mehr um seine Finanzierung. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat es seine Existenzberechtigung behauptet. Daran ändert auch die Polemik der verschiedensten Seiten gegen die „Hochkultur“ nichts! Jedenfalls mehren sich die Anzeichen, dass die Tragweite dieser Attacken nicht länger unterschätzt, sondern ernst genommen wird. Die Verteidigung der bestehenden Strukturen bedeutet nicht, dass „Gräben“ gezogen und „Feindbilder“ aufgebaut werden. Es geht darum, eine überbordende und außer Kontrolle geratene Zukunftskampagne in die Gegenwart zurückzuholen.

Thomas Laue, Chefdramaturg am Schauspielhaus Bochum, führte in der Deutschen Bühne 4/11, S. 22 ff. zutreffend aus: „Die Zukunft hat längst begonnen“: „Das Stadttheater war schon immer besser als sein Ruf, den ihm seine Verächter gern anhängen wollten. Gerade ist es dabei, sich wieder neu zu erfinden: offener, innovativer, gesellschaftlich engagierter und flexibler denn je“. Zur „Debatte um die Zukunft des Stadttheaters“ wurde der Vorsitzende der Intendantengruppe, Prof. Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters in Berlin, am 18. Oktober 2011 von nachtkritik.de interviewt. Auf die Frage nach der Funktion des Stadttheaters, „das lange der Repräsentation und der Vermittlung des bürgerlichen Selbstverständnisses diente – ob das noch gilt?“ lautet die Antwort (auszugsweise): „Das Theater war immer ambivalent: Das Bürgertum hat sich in seinen Theatern selber gefeiert und hat gleichzeitig mit Autoren wie Gerhart Hauptmann, Henrik Ibsen bis hin zu Bertolt Brecht über den Kreis des Bürgerlichen hinausgewiesen. Das Theater war nie eine thematisch schmale Institution, die nur zur Bestätigung seiner Besucher diente. (…) Wo wird denn verhandelt, was uns in der Stadt wichtig ist? Die Stadt ist ja nach wie vor der Quell für exemplarische Konflikte, wie man sie derzeit in Nordafrika oder auch in Stuttgart und London sehen kann. In den Städten werden Konflikte sichtbar, da findet der Kampf statt“. (…) Frage: „Matthias von Hartz vertritt in einem Beitrag zur Stadttheaterdebatte auf nachtkritik.de die These, dass 90 Prozent der Innovationen im Theater aus der freien Szene und nicht aus dem Stadttheaterbereich stammen?“ Khuon: „Die Übergänge sind längst fließend. Man kann nicht angeben, ob sich neue Formen in den Institutionen, in der Lehre oder außerhalb entwickelt haben. Aber die Stadttheater haben eine schützende Struktur, in der man Dinge entwickeln kann“.

„Ein Dank, der es in sich hat“ – Die Deutsche Bühne 12/11, S. 16, veröffentlichte die Dankesrede von Stephan Kimmig anlässlich der Verleihung des FAUST-Preises 2011 für die beste Regieleistung: „Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung! Wir, das sind die Schauspieler, das Team und das Theater. Seit diesem Sommer versucht man mal wieder das deutsche Stadttheater anzugreifen – es bekomme 90 Prozent des Geldes im Vergleich zur freien Szene, bringt aber nur 10 Prozent der Innovationsleistung … Und dann wird auch wieder die Abschaffung von Ensemble und Repertoire propagiert. Man findet das alles einen alten Zopf; das Stadttheater müsse befreit werden von seinen scheinbar verkrusteten Strukturen, die ja auch gar kein künstlerisches Arbeiten ermöglichen, also Innovation verhindern etc. Dazu ein paar Sätze: Auf dem Gebiet der emotionalen Verortung von Text und Sprache und dem, was dazwischen liegt, das Rauschen und die Stille, leistet der Schauspieler heute an vielen Stadttheatern einen permanenten Innovationsbeitrag innerhalb dieses großen Raumes: Sprache – Emotion – Denken.“

Dass Kunst und Wissenschaft nicht nur in Artikel 5 Absatz 3 Grundgesetz einander in Freiheit verbunden sind, zeigt sich auch in der Praxis der Verleihung des FAUST-Preises des Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Prof. Klaus Zehelein, an die Theaterwissenschaftlerin Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte. In seiner Laudatio hob er hervor, dass sie in Frankfurt am Main, „etwa am Theater am Turm, entscheidende Anregungen für ihre klugen und die Wissenschaft wie das Theater prägenden Erkenntnisse über ‚Die Semiotik des Theaters‘ (1983) und die ‚Ästhetik des Performativen‘ (2004) gewonnen habe. Er würdigte sie als „engagierte Wissenschaftlerin, die Begeisterung mit kluger Analyse verbindet und durch ihre Beobachtung und ihr reflexives Vermögen jenseits ideologisch vorgeprägter Systeme eine wahrhaftige Auffassung von ‚Theorie‘ pflegt“ [3].

Im Gegensatz zur Theaterwissenschaft kündigt das Kulturmanagement die gegenseitige Respektierung von Kunst und Wissenschaft auf und schlägt sich auf die Seite der Strukturkritik an den Theatern: „Kulturmanager werden gebraucht, um die Aufmischung verkrusteter Strukturen im Kulturbereich professionell abzusichern“, schallt es aus Potsdam. „Die Annahme weiteren Wachstums ist notwendig, für die Legitimation des hohen Ausstoßes an ausgebildeten Kulturvermittlern und –managern und einer weiteren Zunahme an entsprechenden Studiengängen“. So generiert man „Wachstum durch immer neue Formate, Produkte, Projekte, Positionen, Inszenierungen“ [4]. Dumm nur, dass man die „Verhältnisse erst zum Tanzen bringen“ muss, um nach der schöpferischen Zerstörung neues Leben aus den Ruinen erblühen zu lassen. Ein schwieriges Unterfangen angesichts der begrenzten Zahl an Leitungsfunktionen in den Theaterbetrieben. Die hier für Kulturmanager/innen in Frage kommenden Positionen in der Intendanz oder in der Verwaltungsdirektion sind in der Regel nicht vakant. Wohin also mit den zahlreichen Studienabgängern bei schrumpfender Aufnahmekapazität des Arbeitsmarkts in diesen Berufsfeldern? In diesem Dilemma dürfte mit ein Motiv für die Attacken auf das Intendantenregime zu finden sein.

Für diese Annahme sprechen die „Thesen zur Zukunft des Theaters“ der „Wuppertaler Debatte“, veranstaltet vom NRW KULTURsekretariat, am 28. Juni 2011:

  • An die Stelle des Denkens in überkommenen Prinzipien muss das Denkmodell der Veränderung treten!
  • An die Stelle einer herkömmlichen Führungsstruktur, sofern sie die absolute Herrschaft des Intendanten meint, muss stärker die Einbeziehung der Vielfalt von Kompetenzen treten, auch mit Blick auf Verwaltung und Technik.

Schon im März 2009 hat das NRW KULTURsekretariat gemeinsam mit dem Theater Oberhausen zu einer Diskussion zum Thema drohender Theaterschließungen eingeladen. „Es ist ganz offensichtlich: Die Probleme werden weiter wachsen, die Strangulierung der Kommunen durch die Schuldenlast ist äußerst bedrohlich, und die Kulturferne vieler politischer Akteure in den Städten und der immer stärker durchregierenden Kommunalaufsicht trägt wesentlich dazu bei. Es hilft jedoch wenig festzustellen, dass sich nichts zu bewegen scheint, außer in Richtung einer Verschärfung der Situation. Es müssen auch die Strukturen in den Blick genommen, Veränderungen diskutiert werden. Aus dieser Gemengelage darf keinesfalls die Paralyse derjenigen Handelnden werden, denen es um den Erhalt der kulturellen Substanz geht, die durch das Theater in der Stadt wesentlich geprägt ist“.

Dazu aber hätte es nicht der Berufung auf „Lampedusa“ bedurft: „Wenn es so bleiben soll, wie es ist, muss man es ändern“. Dieses merkwürdige Zitat erscheint zum ersten Mal in einem „Strukturgutachten Theater und Orchester“ für die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ von Raue/Meinel/Hegemann, Berlin, im Dezember 2004 [5]. Dort zitiert wie folgt: „Wo ein Gemeinwesen ein Theater oder Orchester verliert, verliert es selbst Bindungskraft, geht Erinnerung und Zukunft verloren. Freilich: Lampedusas Fürst Salina hat Recht: Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt wie es ist“. Um den rätselhaften Satz aufzuklären, genügt ein Blick in das Werk des italienischen Schriftstellers Guiseppe Tomasi di Lampedusa: „Der Leopard“ [6]. Der Satz stammt aus einem Gespräch des Fürsten Salina mit seinem Neffen Tancredi: „Sind nicht auch wir dabei, so denken sich die Kerle noch die Republik aus. Wenn wir wollen, dass alles so bleibt wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?“ Die rhetorische Frage wird einige Seiten weiter vom Fürst beantwortet: „Ich habe sehr gut verstanden: vernichten wollt ihr uns, eure ‚Väter‘, nicht; ihr wollt nur unseren Platz einnehmen. (…) Damit alles bleibt, wie es ist‘. Wie es ist, im Grunde: nur dass, kaum merklich, ein Stand an die Stelle des andern tritt“.

In der Zusammenschau der unterschiedlichen Interessensphären wird ersichtlich, dass es sich bei dieser Strukturkampagne nicht um kleinliches Gezänk über künstlerische Werturteile handelt, ob die freien Gruppen oder die befristet angestellten Ensembles innovativer sind. Das Staats- und Stadttheatersystem ist vielmehr einem politischen Transformationsprozess ausgesetzt, dessen Ausgang sich nicht zuletzt in der Förderprogrammatik [7] der Kulturstiftung des Bundes abzuzeichnen beginnt.

[1] Pressemeldung des Deutschen Bühnenvereins vom 06.06.2009.
[2] Carena Schlewitt, Das Theater schwärmt aus, in: Theater der Zeit, Arbeitsbuch 2011, S. 56.
[3] Die Deutsche Bühne, Faust in Frankfurt, 12/2011, S. 12.
[4] Hermann Voesgen, Wir müssen unsere Praxis ändern, in: kulturpolitische Mitteilungen 135, IV/2011, S. 41 ff.
[5] EK-Kultur, K-Drs. 15/285, Strukturgutachten Theater und Orchester, Band 1, S. 2, Prof. Dr. Peter Raue, Dr. Gernod Meinel, Prof. Dr. Jan Hegemann – Hogan & Hartson Raue LL.P., Berlin, Dezember 2004.
[6] Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Der Leopard, Roman aus dem Italienischen von Charlotte Birnbaum, Piper, München Zürich, 26. Aufl., Juni 2011, S. 33 – 42.
[7] Kulturstiftung des Bundes: Doppelpass, Fonds für Kooperationen im Theater – Kooperation von freien Gruppen und festen Tanz- und Theaterhäusern; Kulturen des Bruchs ? Eine Veranstaltung zur Kultur des Erinnerns und Bewahrens: Wie lassen sich „Kulturen des Bruchs“ denken? Nur als Verlustgeschichte oder auch als Möglichkeitsspielraum? Können und müssen wir auf etwas verzichten, um Raum für Neues zu ermöglichen?

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