Hans Herdlein Geschrieben am 2 März, 2011

Kolumne März 2011

Vertragsumgehung beim Tanz – zurück zu den Anfängen?

Im Normalvertrag Bühne sind in einem allgemeinen Teil und in den Sonderregelungen (SR) Tanz die Vergütung und der Dienstablauf der Tanzgruppenmitglieder festgelegt. Danach bestimmen sich die einzelvertraglichen Vereinbarungen zwischen der Bühnenleitung auf der Arbeitgeberseite und dem Tanzgruppenmitglied auf der Arbeitnehmerseite. Ausschlaggebend für das Zustandekommen eines Engagements sind die Ballett- bzw. die Tanztheaterdirektionen. Bei ihnen liegt die Verantwortung über die Ausgestaltung der Arbeitsverträge der Tänzerinnen und Tänzer am Theater. Vom Vertragsrecht her wären also die Beschäftigungsverhältnisse klar geregelt. „Wären“ – wenn die Tanzgruppen nicht seitens der Rechtsträger der Theater unter einen extrem hohen Anforderungsdruck gestellt würden. Dieser erwächst aus den Einsparungsauflagen, die oft zuerst an dieser Kunstgattung angesetzt werden. Sie scheint vielen Theaterverantwortlichen in den Kulturausschüssen aber auch an den Bühnen am ehesten entbehrlich. Eingriffe in die Tanzensembles erfolgen trotz des hohen Aufmerksamkeitswertes, den die Kunstgattung Tanz in der Öffentlichkeit erfährt, nicht zuletzt auch durch die Förderung über die Kulturstiftung des Bundes.

Die Kürzungen im Personaletat einer „Tanzgruppe“, „Tanzkompanie“ oder eines „Tanztheaters“ wirken sich unmittelbar auf den Dienstbetrieb aus. Fallen Personalstellen weg, hat das Auswirkungen auf die Produktionsverhältnisse. Um einen hohen künstlerischen Standard zu halten – oder zu gewinnen –, ist die Versuchung groß, vom tarifvertraglich vorgezeichneten Weg der Tugend abzuweichen. Zur rechtlich unzulässigen Vertragsverletzung zu greifen, um den Stelleneinbruch mit einer Vertragsumgehung zu überbrücken. Das beginnt bereits mit einer begrifflichen Umwidmung: Die Tanzgruppe des Theaters wird zum „Tanztheater“ ernannt und das Tanztheater zur neuen Kunstgattung erhoben. Eine Entwicklungsrichtung, gegen die nichts einzuwenden wäre, würde sie nicht zur Umgehung des geltenden Vertragsrechts an den Bühnen missbraucht. Tanzgruppenmitglieder, die unter dem Stichwort „Tanztheater“ hochgradig gefordert werden, engagiert man nicht mehr nach dem NV Bühne SR Tanz, sondern nach dem NV Bühne SR Solo. Sicherheitshalber wird in die Solo-Verträge noch ein Zusatz aufgenommen, der zur Mitwirkung in der Gruppe verpflichtet.

Auf diese Weise entzieht man sich weitgehend den sozialen Verpflichtungen des NV Bühne SR Tanz und gewinnt zugleich eine umfassende Mitwirkungspflicht zu niedrigeren Gagen. An die Stelle von Tarifgagen von 2.136,- Euro in der untersten Tarifklasse und ab 2.841,- Euro in der obersten Tarifklasse nach § 89 SR Tanz, tritt die Mindestgage von 1.600,- Euro nach § 58 SR Solo. Außerdem fällt die Zulage Tanz nach § 91 weg, die von der Dauer der Beschäftigung bei Arbeitgebern abhängt, die dem Deutschen Bühnenverein angehören. Auf diese Weise werden die Sonderregelungen Tanz des NV Bühne umgangen. Diese Vertragsumgehung geht voll zu Lasten der Tänzerinnen und Tänzer. Ist doch gerade mit diesen Sonderregelungen eine Verbesserung der sozialen Lage der Tanzgruppenmitglieder verbunden. Die Gagen der Tanzgruppenmitglieder fallen so wieder zurück unter das Niveau der Chorgagen – zurück zu den Anfängen.

Selbst dabei bleibt es nicht. Um hochgespannte künstlerische Visionen zu verwirklichen, die die gegebenen Möglichkeiten bei weitem überschreiten, werden zur Verstärkung kleinerer Tanzgruppen auch noch Eleven und Praktikanten hinzuengagiert. Auch dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn es sich um eine theatereigene Bühnentanzschule handelt, die ihre Zöglinge auf die künftige Bühnenarbeit hin ausbildet. Auch Praktikanten können so beruflich gefördert und mit der Bühnenpraxis vertraut gemacht werden. Wenn es dabei aber um voll ausgebildete Tänzerinnen und Tänzer geht, die sich aus reiner Beschäftigungsnot auf solche dubiosen Umgehungskonstruktionen einlassen, hört jegliches Verständnis auf. Solche Auswüchse sind eine fatale Begleiterscheinung im Gefolge der Reduzierung oder Vernichtung von Planstellen in den Tanzgruppen!

Mit diesen Umgehungskonstruktionen wird das Rad der Zeit wieder zurückgedreht. Ein Rückblick auf die Neuordnung der Rechts- und Gagenverhältnisse der Tanzgruppenmitglieder verdeutlicht das: Am 28. Juni 1968 wurde der bis dahin gültige Normalvertrag Chor und Tanz des Jahres 1924 durch einen eigenen, berufsspezifischen „Normalvertrag Tanz“ abgelöst. Die aus einer historischen Entwicklung entstandene Verbindung arbeitsrechtlicher Regelungen der Chormitglieder mit den dieser beruflichen Sparte fern stehenden Tanzgruppenmitgliedern wurde damit beendet. Parallel dazu verlief damals schon eine Aufwärtsbewegung der Kunstgattung Tanz, die immer stärkere Beachtung fand.

Einen ebenso beachtlichen Verlauf nahm die Entwicklung der Tanzgruppengagen. Am 1. April 1960 wurde zwischen der GDBA und dem Deutschen Bühnenverein ein Anpassungstarifvertrag für die Tanzgruppengagen abgeschlossen. Mit diesem Vertrag wurde eine entscheidende Wende eingeleitet: Erstmalig wurden die Tanzgruppengagen generell tarifvertraglich erfasst und auf die einheitliche Höhe von mindestens 85 v. H. der jeweiligen Chorgagen angehoben. Zugleich wurde die bis dahin geltende Änfängerzeit von drei Jahren auf zwei Jahre verkürzt und auch die Anfänger in die tarifvertraglichen Regelungen einbezogen. Von dieser Ausgangsbasis her konnte die nächste Stufe der Erhöhung der Tanzgruppengagen eingeleitet werden. Sie wurde mit einem Tanzgruppengagentarifvertrag vom 28. Juni 1968 positiv abgeschlossen. Danach wurden die Gagen der Tanzgruppen generell von 85 v. H. auf 90 v. H. der jeweiligen Chorgagen angehoben. In einer weiteren Stufe wurden ab 1. Januar 1970 nach dem Familienstand gestaffelte Ortszuschläge eingeführt. Hinzu kamen Zulagen entsprechend der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Es dauerte noch bis zum Beginn der Spielzeit 1975/76, bis die Angleichung der Tanzgruppengagen an die Chorgagen auf 100 v. H. durchgesetzt war. Mit dem Normalvertrag Tanz vom 28. Juni 1968 wurde gleichzeitig eine Reihe von grundlegenden Verbesserungen eingeführt, u. a. die Regelung der freien Tage, Einführung einer festen Ruhezeit zwischen zwei Proben sowie verlängerte Bezugsfristen im Krankheitsfall. Damit war die Beteiligung der Tanzgruppenmitglieder an den allgemeinen tarifvertraglichen Entwicklungen auch für die Zukunft gesichert.

Die rückblickende Betrachtung der Rechtsverhältnisse der Tanzgruppenmitglieder zeigt den mühevollen und langwierigen Weg auf, ehe sich durchgreifende Änderungen in der Arbeitswelt der Bühne vollziehen. Reformen entstehen nicht von selbst. Es bedurfte erst des einigenden Zusammenschlusses der Tanzgruppenmitglieder in der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, um den erforderlichen Reformprozess einzuleiten. Wenn die Ergebnisse dieser Reformen heute immer öfter umgangen werden, liegt das nicht zuletzt an den veränderten Arbeitsverhältnissen und der Entsolidarisierung der Mitglieder der Tanzgruppen gegenüber gewerkschaftlicher Organisation. Hinzu kommt die Multinationalität, die sich aus der nicht an das Wort gebundenen Kunstform Tanz von selbst ergibt. Nicht aber von selbst ergeben sich die Erhaltung des Tarifrechts und seine Weiterentwicklung. Gewiss, was man als selbstverständliche Regelung vorfindet, braucht nicht mehr erstritten zu werden. Dass aber auch die Erhaltung des Bestandes einen beständigen Einsatz erfordert, wird nicht zur Kenntnis genommen – jedenfalls nicht in den Tanzgruppen, -kompanien, -ensembles.

Künstlerische Arbeit und Tarifrecht seien nicht vereinbar, ist eine immer wieder anzutreffende Ansicht. Das Vertragsrecht stünde in Widerspruch zur alltäglichen Praxis in den Ballettsälen und auf der Bühne. Dabei gerät völlig aus dem Blick, dass es sich bei den tarifvertraglichen Regelungen um keinen Selbstzweck, sondern um arbeitsrechtliche Schutzregelungen handelt. Hierher gehören auch Regelungen über die Arbeitszeit, Pausen und Ruhezeiten. Wenn solche Regelungen behindernd empfunden werden, dann sollte man sie benennen, um Abhilfe zu schaffen oder noch mehr Flexibilität zu erreichen – nicht aber das geltende Recht brechen. Das gilt sowohl für die Arbeitnehmerseite als auch für die Leitungsebene.

Wenn sorgsame und hochqualifizierte Ausbildung gefordert wird, dann ist es selbstverständliche Pflicht, den Absolventen solcher Ausbildungsgänge entsprechende Arbeits- und Gagenbedingungen anzubieten. Man kann nicht öffentlich über prekäre Arbeitsverhältnisse klagen, für die nicht nur der Gesetzgeber, sondern auch die Bühnenleitungen verantwortlich sind, wenn sie sich nicht um die Einhaltung tariflicher und sozialer Mindeststandards kümmern. Dass Tanzgruppen sich nicht nur zur Abwicklung eignen, um möglichst rasch Löcher in kommunalen oder staatlichen Haushalten zu schließen, beweisen erfolgreiche Theaterleitungen mit ihren Ballett- und Tanztheaterdirektoren – der „Verein zur Förderung der Tanzkunst in Deutschland e.V.“ hat hier in Zusammenarbeit mit dem „Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik e.V.“ mit seinem „Anerkennungspreis 2011“ ein Zeichen gesetzt!

Es gibt zahlreiche Initiativen für den Tanz: Angefangen bei der Förderung durch die „Kulturstiftung des Bundes“ mit ihren neuen Förderstufen, die Errichtung einer „Stiftung Tanz – Transition Zentrum Deutschland“, um Tänzerinnen und Tänzer beim Übergang in einen neuen Beruf helfend und beratend zur Seite zu stehen, bis zur „Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz“. Wie kann es unter diesen Voraussetzungen dazu kommen, dass im Innenverhältnis der Theater die Arbeitsbedingungen der aktiven Tänzerinnen und Tänzer mit Umgehungskonstruktionen rechtswidrig unterlaufen werden?

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