Kolumne Juni/Juli 2011

Geschrieben am 27.Juni 2011 von Hans Herdlein

Praktizierte Solidarität

[1]Eine Organisationsgründung in schwieriger Zeit ist vor 140 Jahren gelungen:
Die Gründung der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger am 17. Juli 1871 in Weimar. Vorangegangen war schon die Gründung des Deutschen Bühnenvereins 1846. Damit waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, die Arbeitsrechtsbeziehungen der Bühnenangehörigen tarifvertraglich zu regeln und sozialen Mißständen abzuhelfen. 1919 wurde der erste Normalvertrag abgeschlossen, auf den 1924 eine überarbeitete Fassung folgte. Flankierende Tarifverträge kamen hinzu: Die Wanderbühnenordnung vom 19. Juni 1924 und am 19. November 1929 eine Wanderbühnenbetriebsordnung, die zwischen dem Deutschen Bühnenverein, der Vereinigung gemeinnütziger Wanderbühnen e.V. und der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger vereinbart wurde. Als Ergebnis des solidarischen Zusammenschlusses der Bühnenangehörigen erfolgte bereits im Jahr 1878 die Gründung einer Pensionsanstalt. Nach den Wirren des I. Weltkriegs wurde sie 1927 als „Pensionsanstalt für Bühne, Film und Funk“ wieder gegründet und nach dem II. Weltkrieg am 1. Januar 1962 in die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen übergeleitet. Die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen wurde 1937 mit einer Tarifordnung als Pflichtversicherung der Bühnenangehörigen eingeführt. Neben dem seit Gründung der GDBA entwickelten Tarifrecht sind beide Institutionen das Ergebnis im besten Sinn praktizierter Solidarität.

Vor diesem Hintergrund ist die geringere Organisationsbereitschaft in der heutigen Zeit der Umbrüche in allen Lebensbereichen nur schwer verständlich. Angefangen bei den Systemen der sozialen Sicherheit, im Bereich des Arbeitsrechts als wirtschaftlicher Grundlage der Beschäftigungsverhältnisse, bis hin zur Theaterfinanzierung, scheint es, als sei der Vorrat an Gemeinsamkeiten verbraucht. Wird denn ernsthaft geglaubt, in diesen „modernisierten“ Zeiten wäre der solidarische Zusammenschluss in gewerkschaftlicher Organisation überflüssig?

Gewerkschaftliche Organisation ist heute ebenso notwendig wie in der Vergangenheit. Das Eintreten für das über Jahrzehnte hinweg Erreichte entspringt keinem „Strukturkonservativismus“, keinem Festhalten an überkommenen „Besitzständen“, wie zu suggerieren versucht wird. Es geht vielmehr um die Erhaltung lebensnotwendiger Existenzgrundlagen. Eine Tatsache, die den Reformern in Politik und Wirtschaft wie auch in Teilen der freien Szene aus dem Blickfeld geraten zu sein scheint. Das gilt nicht nur für die betroffenen Arbeitnehmer, sondern auch für die Institution „Theater“ an der sie (auf zeitlich befristeten Vertrag) beschäftigt sind.

Mit gesetzlichen Neuregelungen und der Stärkung der Personalvertretungsrechte sind viele der Aufgaben, die früher die Lokalverbandsvorstände der GDBA wahrgenommen haben, an Betriebs- und Personalräte übergegangen. Wegen der Zeitvertragssituation der künstlerischen Bühnenangehörigen werden sie vom verschärften Kündigungsschutz der Betriebs- und Personalräte ausgenommen. Dennoch gehört es nach wie vor zu ihrem Aufgabenbereich, für die Anwendung der Tarifverträge und ihre Einhaltung zu sorgen. Die Gestaltung des Tarifrechts im Rahmen der Tarifautonomie liegt bei den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden. Warum will man die „negative Vereinsfreiheit“, das Recht einer Vereinigung fernzubleiben, höherrangig einstufen als das Koalitionsrecht – das Vereinigungsrecht der Sozialpartner? Der wesentliche Zweck der Koalitionen ist doch das Aushandeln von Tarifverträgen in denen das Arbeitsentgelt und die anderen materiellen Arbeitsbedingungen (Arbeitszeit, Urlaub) geregelt sind. Also Rechtsmaterien von denen man höchstpersönlich betroffen wird – da will man sich der Chance begeben, über seine Gewerkschaftszugehörigkeit mitgestaltend Einfluss zu nehmen?

Man vergegenwärtige sich die Theaterlage in den neuen Bundesländern. Im Einigungsvertrag (Art. 35) wurde aufgegeben, die kulturelle Substanz nicht zu beschädigen. Trotz dieses fortgeltenden Gebots (Art. 45 Abs. 2 EVertr) sind bis auf wenige Theater alle mit Haustarifverträgen überzogen worden, mit denen die Mindestnormen des NV Bühne unterschritten werden. Die Theatergewerkschaften sorgen dafür, dass der Abschluss dieser Notlagenverträge in rechtlich geordneten Bahnen verläuft.

Es geht dabei nicht nur um tarifpolitische Auseinandersetzungen. Die Theater haben sich heute vielfachen „Herausforderungen“ auf mehreren Ebenen zu stellen. Ausgerechnet unsere nächsten Nachbarn von der freien Szene fangen an, gegen das ihrer Ansicht nach überholte Stadt- und Staatstheatersystem zu streiten. Entsprechende „Impulse“ sendet wieder Matthias von Hartz aus. Mit koketter Ironie nennt er auf nachtkritik.de [2] „die Strategie“ seiner Analyse „polemische Zuspitzung, simple Pauschalierung („das Stadttheater“) und unzulässige Verallgemeinerung von persönlichen Erfahrungen im Betrieb“. Mit genau diesen Vokabeln holt er zu einem Rundumschlag aus, mit dem er vorgibt, sich für die Zukunft des Stadttheaters einzusetzen, dem er gleichzeitig attestiert, nur an seinem „Überleben als Institution“ interessiert zu sein. Seine persönliche Standortbestimmung leitet er mit der These ein: „dass in den letzten Jahren die wichtigsten ästhetischen Impulse im Theater fast alle von außerhalb des Stadttheaters gekommen sind. Außerhalb heißt: von Künstlern oder Arbeitsweisen außerhalb des Systems oder aus dem Ausland“.

Zur hellen Freude abbauwilliger Kulturpolitiker und Kämmerer postuliert er beiläufig: „Wir investieren gut 90 Prozent der öffentlichen Gelder für die Darstellenden Künste in das Stadt- und Staatstheatersystem. Die Innovationen im Theater kommen aber nicht zu 90 Prozent, sondern eher zu 10 Prozent aus dem Stadttheater“. Ferner beklagt er, „dass nur ein Bruchteil der vielen für Theaterarbeit vorgesehenen Gelder in Deutschland in internationale oder unabhängige Arbeiten investiert wird, diese aber die wichtigsten Impulse geben, ist im Effekt für das Theater als Ganzes autodestruktiv, weil zukunftsfeindlich“. Der „Internationalität“ widmet er ein weiteres Kapitel: „Die wenigsten Häuser in Deutschland sind in der Lage, an internationalen Koproduktionen teilzunehmen oder zu touren“. Die Antwort liefert er aus eigener betrieblicher Erfahrung nach: „Lange Abwesenheiten von Ensemblemitgliedern während Proben oder Tourphasen sind im laufenden Betrieb einfach schwer zu leisten“. Das aber bedeutet: „auch aus dem Ausland kommen kaum Impulse ins deutsche Stadttheatersystem“. Zur Rettung des Theaters bietet er „drei ganz praktische Vorschläge für Zwangsmaßnahmen zur Erweiterung des Möglichkeitsraumes am Theater“ an – auszugsweise:

„Erstens: ein Reisezwang für Kulturpolitiker und Theaterleiter in ein europäisches Land pro Jahr, (…)

Zweitens: ein Kooperationszwang mit Projekten in der Stadt und internationalen Künstlern. Einmal im Jahr muss ein zentrales (!) Spielplanprojekt in Kooperation mit dem ‚Außen’ entstehen.

Drittens: Wir brauchen ein Modellhaus in Deutschland, das anders als die gängigen Theater in Deutschland funktioniert. Kein Stadttheater mit einer Nebenspielstätte für das Besondere, keine weitere freie Spielstätte mit zu wenig Geld – sondern ein starkes Haus irgendwo zwischen Antwerpen und Lausanne, das das Potenzial hat, in der ersten Liga national und international zu produzieren.“

Darauf folgt das autodestruktive Angebot: „Ich würde mich gerne bereit erklären, meinen Teil zur Zukunft des Theaters beizutragen, in dem ich die Reisen aus der ganzen Republik in dieses Theater organisiere“. Es geht also weniger um die Zukunft des Theaters, sondern ganz im Sinne von Hartz III (SGB) um eine Maßnahme zur Arbeitsförderung. Als vorbereitende Maßnahme wäre dazu die Lektüre eines Artikels von Thomas Laue, Chefdramaturg am Schauspielhaus Bochum zu empfehlen: „Die Zukunft hat längst begonnen – Das Stadttheater war schon immer besser als der Ruf, den ihm seine Verächter gern anhängen wollten. Gerade ist es dabei, sich wieder neu zu erfinden: offener, innovativer, gesellschaftlich engagierter und flexibler denn je“ (in: Die Deutsche Bühne 4 /2011, S.22).

Zur Umsetzung des „Kooperationszwanges“ (v. Hartz) bietet sich eine jüngst veröffentliche Studie des freien Kulturberaters Dr. Patrick S. Föhl an, der eine ebenso gewichtige wie akribische Studie „Kooperationen und Fusionen von öffentlichen Theatern – Theoretische Grundlagen, empirische Untersuchungen und Gestaltungsempfehlungen“ verfasst hat. In der Einführung des Herausgebers, Prof. Dr. Armin Klein, werden „strategische Neuorientierungen“ gefordert, „die sich mit einem simplen ‚Theater muss sein’ nicht finden lassen“. Der geneigte Leser wird belehrt: „Zu diesen notwendigen Neuorientierungen zählen – neben einer sehr viel stärkeren Entfaltung des Betriebscharakters der Theater, einer größeren Besucherorientierung, einer Diversifizierung der Finanzierung – zweifelsohne stärkere Kooperationen der Theater untereinander, aber vor allem auch mit den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen. Dabei sollte auch der jahrzehntelang verpönte Gedanke der Fusion nicht ausgespart bleiben“. Die Studie des Kulturmanagers Föhl liefert dazu die praktische Anleitung.

Die Forderung nach stärkerer Entfaltung des Betriebscharakters des Theaters war schon im Vorwort des Gutachtens der Kölner Kommunalen Gemeinschaftsstelle 1989 enthalten. Das Gutachten ist seinerzeit auf große Aufmerksamkeit in den Bühnenverwaltungen gestoßen. Es spricht für seine Qualität, dass es auch heute noch Beachtung findet. Ein Satz in der Einführung des Herausgebers lässt jedoch aufhorchen: „Wie die Arbeit von Patrick S. Föhl zeigt, können Fusionen dann gelingen, wenn sie von den Theaterschaffenden selbst initiiert und gewollt werden, auch künstlerisch-ästhetische Zielstellungen verfolgen und langfristig-strategisch ausgerichtet sind. Problematisch waren und sind sie vor allem dann, wenn sie bloß der schieren Not gehorchend von einer sich in Sparzwängen befindlichen Politik verordnet werden“. Gerade dieser Satz gibt Aufschluss darüber, warum der Fusionsgedanke am Theater jahrzehntelang verpönt war und immer noch ist. Über die Verfassung der Theaterbetriebe bestimmen die Rechtsträger, nicht aber die Theaterschaffenden selbst; dem steht schon der Tendenzschutz entgegen. Kooperationen oder Fusionen werden nicht wegen der imaginären Chancen die sie eröffnen sollen verordnet, sondern ganz real um Stellen und dadurch Kosten einzusparen. Das ist die simple Erklärung dafür, „dass vor allem Fusionen in der Öffentlichkeit und häufig auch bei den Theaterschaffenden ein eher schlechtes Image genießen“.

Die spezifischen Handschriften der Theater- und Orchesterleiter, die den Ensembles ihr künstlerisches Gepräge geben, lassen sich auch nicht „mit strategischem und exzellenten Kulturmanagement“ verschmelzen. Auf den unterschiedlichen künstlerischen Gestaltungsweisen beruht doch gerade unser ausdifferenziertes Stadt- und Staatstheatersystem. Selbst in der Praxis des nichtkünstlerischen Bereichs verfängt die Theorie nicht, wie ein im Auftrag des NRW Kultursekretariats von Culture Concepts erstelltes Gutachten vom 19. Mai 2011 [3] beweist. Es wurden die „Kooperationsmöglichkeiten im nichtkünstlerischen Bereich zwischen den Stadttheatern in Bochum, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Hagen und Oberhausen untersucht. Dabei wurde auch die Übertragbarkeit von Kooperationsmöglichkeiten aus den Modellen Bundestheater-Holding GmbH Wien und Stiftung Oper Berlin untersucht. Die Untersuchung an den Theatern zeigt die Grenzen der Kooperation auf. Es wurde festgestellt, dass die Unterschiede in den rechtlichen, infrastrukturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen der Theater erheblich sind, die Spielräume und die Bereitschaft zu Kooperation in den untersuchten Bereichen begrenzt sind, Nachteile und Hindernisse den Nutzen einer organisatorischen Zusammenfassung von Personal in den meisten Fällen überwiegen bzw. eine gemeinsame Lösung keine Vorteile bringt, der Stellenanteil in den untersuchten Bereichen vergleichsweise gering ist. Die zu erwartenden Synergieeffekte können nur kleine Beiträge zur Erfüllung der Sparauflagen der Träger leisten.“

Das öffentliche Theater steht in der Tat vor einem Paradigmenwechsel, „der ohne jeden Zweifel neue und große Herausforderungen an die Theaterschaffenden stellt“ (Föhl). Erstmals tritt die neu in das Grundgesetz aufgenommene Schuldenregelung für Bund und Länder ab dem Haushaltsjahr 2011 in Kraft. Sie gibt Bund und Ländern auf, künftig ihre Haushalte ohne Einnahmen aus Krediten auszugleichen. Zur Absicherung der Schuldenregelung wurde ein Stabilitätsrat zur Vermeidung von Haushaltsnotlagen eingesetzt, dem aufgegeben ist, rechtzeitig geeignete Gegenmaßnahmen einzuleiten. Zu diesem Zweck legen der Bund und die Länder jährliche Stabilitätsberichte vor. Am 23. Mai 2011 ist der Stabilitätsrat zu seiner Sitzung zusammengetreten und hat festgestellt, dass in den Ländern Berlin, Bremen, Saarland und Schleswig-Holstein eine Haushaltsnotlage droht. Mit den betroffenen Ländern werden in der nächsten Sitzung im November 2011 Sanierungsprogramme vereinbart, die sich über fünf Jahre erstrecken. Welche Auswirkungen diese Sanierungsprogramme auf die Kulturfinanzierung und damit auf die Theaterhaushalte haben werden, kann man sich vorstellen. Vor diesem düsteren Szenario ist es mehr als ein Lichtblick, dass die Gewerbesteuer als wichtigste eigene Einnahmequelle der Kommunen, in vollem Umfang erhalten bleibt. Der Bund wird überdies den Kommunen von 2012 an die Hartz-IV-Leistungen an Rentner schrittweise ersetzen. Wer angesichts dieses wachsenden Herausforderungsdrucks noch glaubt, keine Gewerkschaft mehr zu brauchen und sich selbst vertreten zu können, hängt einer realitätsfernen Illusion an. So banal das klingt: Gewerkschaftliche Organisation ist praktizierte Solidarität und heute genauso notwendig wie vor 140 Jahren.


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[2] nachtkritik.de: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5805:krise-des-stadttheaters&catid=101:debatte&Itemid=84

[3] Gutachten vom 19. Mai 2011: http://www.nrw-kultur.de/fileadmin/dokumente/NRW_KULTUR/Theatergutachten/110519_KOOP_THEA_NRW_Kurzfassung.pdf

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