Jörg Rowohlt Geschrieben am 23 Januar, 2017

Kolumne Januar 2017

Banause Bürgermeister?

buehnengenossenschaft_01_17Dass Theater und andere Kultureinrichtungen immer mal wieder Gegenstand von Sparplänen sind, ist seit Jahrzehnten nicht wirklich neu. Wenn es nicht bei bloßen Überlegungen blieb, kostete das immer wieder auch künstlerische Arbeitsplätze. Inzwischen scheint allerdings in manchen Rathäusern demonstrative Kulturferne programmatisch Einzug zu halten.

Wer die Leserkommentare unter beliebigen Online-Theatermeldungen liest, findet immer häufiger und lautstärker die Forderung, Theater so rasch wie möglich abzuschaffen (jedenfalls soweit sie von Land oder Kommune bezuschusst werden) und stattdessen Sport- oder wahlweise auch Parkplätze zu bauen. So unerfreulich ist das wahre Leben aber nicht: Pöbel-Kommentare im Internet stehen glücklicherweise nicht für eine Gesamtbevölkerung, die mehr oder weniger schweigt – und von der ein nicht kleiner Teil weiterhin ins Theater oder in die Oper geht.

Trotzdem bleiben auch manche Politikerstimmen beunruhigend: Wenn zum Beispiel in Hagen Politiker von den „Champagner-Etagen“ reden, die nun nicht mehr von Kürzungen ausgenommen werden dürften, dann ist das nicht bloß falsch, weil es solche Kürzungen schon früher gegeben hat: Mit solchen realitätsfernen Sprüchen wird der falsche Eindruck verfestigt, Theater und Opern seien bloße Kostenträger, deren wenige und elitäre Besucher mit Steuergeldern bezuschusst würden und deren Angestellte in Saus und Braus lebten. Angesichts niedriger Gagen gerade für künstlerisches Solopersonal reicht’s dann nicht mal für Champagner zum Discounter-Preis.

Vor allem nehmen Politiker bewusst einen Abbau von kultureller Bildung in Kauf. Gerade in diesen Zeiten ist das mehr als fahrlässig. Theater sollen dem Publikum ein allumfassendes Angebot machen und gegen populistische Anfechtungen Horizonte öffnen. Das kann mit immer weniger politischer Rückendeckung, mangelndem Geld und daraus resultierend weniger Vorstellungen nicht gelingen. Nur wenn die Voraussetzungen stimmen, kann Theater ein keineswegs elitäres Konzept bieten, das sich an alle richtet. Wohlfeile Sonntagsreden aus Politikermund sind dabei nicht hilfreich, wenn sie durch das wochentägliche Handeln ad absurdum geführt werden.

SONNTAGSREDEN SIND NICHT HILFREICH

Die Kommunen sind Hauptakteur der Theaterförderung. Folglich waren es schon immer vor allem kommunale Mandatsträger, die Kürzungen exekutieren mussten. Allerdings saßen ihnen dabei nur zu oft der Regierungspräsident oder die Landesregierung im Nacken. Inzwischen allerdings verfestigt sich der Eindruck, immer mehr kommunale Amtsträger würden dem Glauben anhängen, mit mehr Kulturfeindlichkeit die eigene Verbundenheit mit den „kleinen Leuten“ demonstrieren zu können. Wo vor zwanzig Jahren ein Bürgermeister noch mit stolz geschwellter Brust sein Theater präsentierte (und nolens volens auch mitfinanzierte), will sein aktueller Nachfolger durch Banausentum punkten.

Auf dieser Klaviatur wollte auch der ehemalige Bonner Bürgermeister Jürgen Nimptsch (SPD) mit seinem Vorschlag spielen, die Opernhäuser in Bonn und Köln zusammenzulegen. Dass eine Fusion von allem anderen abgesehen, auch betriebswirtschaftlich keinen Sinn gemacht hätte, spielte bei seinem Vorstoß keine Rolle. Am Ende war diese Schnapsidee sicher nicht der einzige Grund, weshalb Nimptsch 2015 abgewählt wurde. Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Irgendwann glauben auch wohlmeinende Bürgerinnen und Bürger, Theater oder Oper seien verzichtbarer Luxus.

„MAN WIRD JA WOHL NOCH DENKEN DÜRFEN“

Aktuell zeigt das Beispiel Düsseldorf, wie kulturferne Bürgermeister zuweilen zunächst mal einen Testballon starten lassen, um dann zurückzurudern, wenn der gewünschte Erfolg vorerst ausbleibt oder der Widerstand zu stark ist. Als sich die Sanierung des denkmalgeschützten Düsseldorfer Schauspielhauses immer länger hinzog und immer teurer wurde, brachte der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) die Idee ins Spiel, das Gebäude entweder abzureißen und genauso wieder aufzubauen oder es zum Kongresszentrum zu machen – wobei das Schauspielhaus dann ausgelagert würde. Es gehe darum, so Geisel, „welche Bedeutung dieses Gebäude der Hochkultur hat“. Es folgte heftige Empörung in allen Düsseldorfer Stadtratsfraktionen, auch in seiner eigenen. Überregional warnte die FAZ, „Düsseldorf würde sein Herz verlieren“. Intendant Wilfried Schulz dachte laut über einen Rücktritt nach. Mitte November ruderte der OB halbherzig zurück. In einer Podiumsdiskussion mochte er zwar das Wort „Abriss“ nicht mehr in den Mund nehmen, aber Denken sei ja wohl erlaubt.
Düsseldorf zeigt auch, dass die Kulturdezernenten der Linie ihrer Chefs nicht unbedingt folgen: Hans-Georg Lohe (CDU), Kulturdezernent in der NRW-Landeshauptstadt, stellte sich gegen seinen OB.

Das gleiche passierte auch in Lübeck, wo Oberbürgermeister Bernd Saxe dem Theater 800.000 Euro zugesagte Zuschüsse streichen wollte, um die vom Stadtparlament, der Bürgerschaft, abgelehnte Tourismusabgabe auszugleichen. Die parteilose Kultur­senatorin Kathrin Weiher protestierte. Und der gesamte Haushalt fand – wenn auch aus anderen Gründen – keine Mehrheit in der Bürgerschaft.

KRISEN DURCH FALSCHE PRIORITÄTEN UND UNVERMÖGEN

Theatermacher und -verantwortlichen mussten zu allen Zeiten nicht bloß ihre Häuser füllen, sondern ebenfalls Kontakt zu den politisch Verantwortlichen pflegen, auch um die Finanzierung ihrer Institutionen sicherzustellen. Mag sein, dass das heute mehr denn je gilt und zunehmend schwieriger wird als in früheren Zeiten. Trotzdem wird niemand den Rathausbewohnern pauschal Kulturfeindlichkeit unterstellen, auch nicht in all jenen Städten, die ihren Theatern die Zuschüsse kürzen oder streichen. Die Spanne reicht von Sachzwängen wie Haushaltsaufsicht in Verbindung mit falscher Prioritätensetzung wie in Hagen bis zu offensichtlichem Unvermögen wie in Trier.

In Hagen etwa wütete Oberbürgermeister Erik O. Schulz so lange gegen sein Traditionstheater, bis der Stadtrat eine existenzbedrohende 1,5 Millionen-Kürzung beschloss. Allerdings steht die Stadt unter Haushaltsaufsicht, helfen könnte bestenfalls ein stärkeres Engagement des Landes Nordrhein-Westfalen, das schon traditionell prozentual weniger für Theaterfinanzierung ausgibt als alle anderen Bundesländer. Nach den auf diese Weise unumstößlichen Sparverdikten kündigten Spartenleiter ihren Ausstieg an. Sämtliche Kandidaten für die Nachfolge des am Ende der Spielzeit ausscheidenden Intendanten Norbert Hilchenbach gaben auf, zuletzt die umstrittene Dominique Caron (Bühnengenossenschaft 12/16).

Für die hochverschuldeten Städte im Ruhrgebiet bedeutet die Theater-Abstinenz der Düsseldorfer Landesregierungen – egal welcher Coleur – unmittelbare finanzielle Bedrängnis.
In Wuppertal, ehemals Heimat von Pina Bausch, zum Beispiel sollen die verbliebenen neun Ensemblemitglieder des Schauspiels mehr spielen, dafür bekommen sie unter Umständen weniger Geld: Tarifsteigerungen werden von der Stadt künftig nicht mehr übernommen, sondern müssten vom Theater getragen werden. Auch hier hat die Intendantin den Dienst quittiert. Schon seit 2013 hatte es immer wieder Sparrunden gegeben. Sinnbild der von der Stadt zu verantwortenden Finanzkrise des Theaters ist die damalige Schließung des Schauspielhauses.

In Trier hingegen, mit einem grundsätzlich auskömmlich ausgestatteten Theater, entstanden finanzielle Schwierigkeiten durch die Wurstigkeit von Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD), der einem wirtschaftlich unerfahrenen Intendanten eine Generalvollmacht inklusive fünfjährigem Anstellungsvertrag verschaffte. Ergebnis: 3,6 Millionen Euro Defizit nebst 300.000 Euro Abfindung für den schließlich geschassten Karl Sibelius. Immerhin steigt der Landeszuschuss für das Theater Trier 2017 auf 6,1 Millionen Euro und der Stadtrat will am Dreisparten-Theater festhalten. Auf der anderen Seite will der Steuerzahlerbund das Theater abwickeln und verweist auf den Shuttle-Bus nach Luxemburg, wo ja auch ein Kulturangebot existiere.

Mancher Kommunalpolitiker mag sich denken, dass sich neu geschaffene Angebote an eine vermeintlich breite Öffentlichkeit besser „verkaufen“ lassen als die kontinuierliche und unspektakuläre Bezuschussung des städtischen Theaters, bei dem es nichts einzuweihen und keine roten Bänder zu durchschneiden gibt. Es scheint, als hätten viele Politiker ihre Abwehrkräfte gegen eine virtuelle Kulturfeindlichkeit verloren. Der Gedanke an die eigene Karriere mag bei dem einen oder anderen noch dazu kommen: Mathias Brodkorb (SPD), der als Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Jahren die Theaterlandschaft seines Bundeslandes gründlich zertrümmerte, schielte dabei immer nur auf die Finanzen. Helfershelfer hatte er in manchen Rathäusern. Niemand hat je ein inhaltliches Argument aus Brodkorbs Munde gehört. Nach der Landtagswahl im September wurde er Finanzminister.

MEHR KULTUR AUF KOSTEN DER KÜNSTLER?

Der Stammtisch scheint mancherorts im Rathaus zu stehen. Rationale Argumente wie etwa das der Umwegrentabilität können dort erfahrungsgemäß wenig ausrichten. Seit Jahren belegen Studien immer wieder, dass Kommunen zusätzliche Einnahmen verbuchen, wenn attraktive Theater am Ort zahlungskräftiges Publikum von auswärts anlocken.

Im sächsischen Chemnitz scheint das verstanden worden zu sein. Bürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) will rund um den Theaterplatz ein Kulturquartier schaffen, die Stadt soll dafür deutlich mehr Geld in die Hand nehmen. Der Haken dabei: Die Theaterbeschäftigten sollen auch weiterhin auf einen Teil ihrer Gehälter verzichten, auch über 2018 hinaus, wenn der geltende Haustarifvertrag ausläuft. Weshalb das Chemnitzer Kulturkonzept zu Lasten der Künstlerinnen und Künstler gehen soll, hat noch niemand erklärt.

SOLIDARITÄT NICHT ERST UNTER DRUCK

Augsburg liegt in Bayerisch-Schwaben. Daran allein kann es aber nicht liegen, dass die dortigen Einwohner in ihrer Mehrheit ein Bürgerbegehren nicht unterstützt haben, das vordergründig die anstehende Sanierung des Theaters ablehnte und letztlich wohl die Existenz des Hauses in Frage gestellt hätte. Auch Bürgermeister Kurt Gribl (CSU) und die Stadtratsmehrheit hatten sich schon 2015 für die Erneuerung des Theaters ausgesprochen. Außerdem hatte sich die Staatsregierung in München großzügig gezeigt und den Großteil der Kosten übernommen.

An diesem Beispiel lässt sich ablesen, was gegen – regierende oder nicht-regierende – Kulturbanausen getan werden kann: Dass Kultur nicht zur Disposition gestellt werden darf, muss die Bürgerschaft einer Kommune und müssen auch die Bürger immer wieder laut – auch lautstark – deutlich machen. Auch wenn es nicht in der Verfassung steht, existiert ein Grundrecht auf Kultur. Die Solidarität mit dem Theater darf nicht erst einsetzen, wenn irgendwo eine Drucksituation entsteht.

Schließlich darf es kein Gegeneinander von Kultur und Sozialem geben. Bühnen und Bäder dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden – beides ist für die Stadtgesellschaft essentiell. Wer es dennoch zulässt, begibt sich auf die Argumentationsebene von Populisten. Es kommt auf die gerechte Verteilung der Finanzmittel an – vor allem die kommunalen Haushalte dürfen nicht weiter ausbluten.

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