Jörg Löwer Geschrieben am 28 Dezember, 2015

Kolumne Januar 2016

Schwarze Schwäne in Thüringen

buehnengenossenschaft_01_16Bei genauerer Betrachtung reihen sich die angeblich neuen Ideen für Thüringens Theater und Orchester, die Staatskanzlei-Chef Benjamin-Immanuel Hoff (Linke) jetzt präsentiert (Bühnengenossenschaft 10 und 12/15), ein in in die Riege des Kulturabbaus wie sie auch Mathias Brodkorb in Mecklenburg-Vorpommern und Stephan Dorgerloh (beide SPD) in Sachsen-Anhalt betreiben. Künstlerische Gewerkschaften können nur zum Protest gegen als Strukturreform verkleideten Raubbau an der Kultur aufrufen. Arbeitnehmerinteressen spielen eine immer geringere Rolle.

Die politische Kommunikation macht den Unterschied: Während Mathias Brodkrob in Schwerin als ebenso banaler wie brutaler Kulturschreck daherkommt, der gewachsene Strukturen zur Aufgabe zwingt und in den Theatern seines Landes keinen Stein auf dem anderen lässt, gibt sich Benjamin-Immanuel Hoff in Thüringen den Anschein, die Kultur und ihr Personal stärken zu wollen. Gar von einer Rückkehr zum Flächentarifvertrag war die Rede – ohne allzu laut zu erwähnen, dass das am Sankt-Nimmerleins-Tag geschehen und nur um den Preis vorherigen Personalabbaus zu haben sein würde. Bereits im August, als erste Punkte seiner Kür­zungspläne durchsickerten, sprach er davon, man müsse sich „auch schwarze Schwäne vorstellen“ und das Undenkbare denken, um es gegebenenfalls wieder zu verwerfen. Am Anfang des neuen Jahres sind die schwarzen Schwäne geblieben, verworfen wurde nichts. Die Thüringer Landeszeitung hatte seinerzeit kommentiert, die Landesregierung wolle nach obrigkeitsstaatlicher Art einen „kulturalen Einheitsbrei“ zusammenrühren und das „Theaterland Thüringen umkrempeln“.

Genauso wie der sachsen-anhaltische Kollege Stephan Dorgerloh nach der fulminanten Einsetzung eines ein Jahr tagenden Kulturkonvents schließlich das Gegen­teil von dessen Vorschlägen umsetzte, Gelder strich und ein unbotmäßiger Intendant gefeuert wurde: Trotz unterschiedlich guter PR-Berater ist allen gemein – immer, wenn die Rede auf „Theater-Strukturreform“ kommt, ist höchste Vorsicht geboten. Unter diesem Deckmantel, da können sich Theaterpraktiker mittlerweile so gut wie gewiss sein, verbergen sich Personalabbau, Einschränkung des künstlerischen Angebots und Verlust von Qualität.
Das muss gar nicht so weit gehen wie in Mecklenburg-Vorpommern, wo seit 1994 die Theatermittel bei circa 35 Millionen „gedeckelt“ sind, wie die Finanzpolitiker verklärend sagen und eingefroren meinen. Unter dem Strich kommt das nach 22 Jahren – Tarife steigen, Energie- und Materialkosten werden erhöht und mehr oder weniger Inflation gab es in dieser Zeit auch – einer Kürzung um die Hälfte gleich. Damit ist auch viel über Mathias Brodkorb und sein Amtsverständnis gesagt, der sich erkennbar und erklärtermaßen nicht um mehr Geld für seine Theater bemüht, sondern diese statt dessen mit immer neuen Streichvorgaben konfrontiert. Selbst absurde Possenspiele wie immer wieder in Rostock müssen Brodkorb zugerechnet werden.
Im Ergebnis waren die Unterschiede zu Sachsen-Anhalt bloß graduell, auch wenn dort mit Stephan Dorgerloh ein Minister zu Werke ging, der womöglich mit den besten Absichten startete und den Wunsch seines Kulturkonvents nach einer Aufstockung des Kulturetats um 15 Millionen Euro anfangs wohlwollend unterstützte – um dann von der Realität in Gestalt kürzungswütiger Finanzpolitiker eingeholt zu werden. Spätestens da fehlte Dorgerloh das Rückgrat, für seinen Amtsbereich zu kämpfen. In der Folge erschien auch dieser Minister als bloßer Erfüllungsgehilfe des Finanzministers.

Und nun Thüringen, wieder nur mit marginalen Unterschieden: Eigentlich ist es nicht neu, was Staatskanzlei-Chef Benjamin-Immanuel Hoff – auch zuständig für Kultur – im November in einem Strategie-Papier namens „Perspektive 2025“ vorstellte. Und weil die neue rot-rot-grüne Regierung lobenswerterweise alles transparent machen will, enthält das Papier nicht einfach nur regierungsamtliche Vorgaben, die unumstößlich wären. Sie sollen von allen Beteiligten vielmehr diskutiert werden – allerdings in der gebotenen Geschwindigkeit bis Mitte Januar. Spätestens im Herbst müssen Kabinett und Landtag endgültig entscheiden.
Ein mögliches Kernprojekt des ministeriellen Papiers ist die Fusion des Deutschen Nationaltheaters Weimar mit dem Theater Erfurt zu einem Thüringer Staatstheater. Das war vor zwanzig Jahren auch schon die Lieblingsidee des CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel und Empfehlung der sogenannten Everding-Kommission. Wegen des wütenden Widerstands aus Weimar, das 2000 als Kulturhauptstadt unberührbar war, wurden die Pläne letztendlich zwar begraben, aber auch schon damals sah man die Lösung vermeintlicher Probleme in Fusion und Personalreduzierung: Rund 230 der 830 Beschäftigten sollten damals abgebaut werden. Inzwischen sind es ‚nur‘ noch 100 Stellen, die wegfallen sollen. Angeblich solle es dabei keine betriebsbedingten Nichtverlängerungen geben – ohnedies ein Nullum, denn künstlerische Nichtverlängerungen sollen möglich sein.
Der Minister der Linkspartei holt nun wieder hervor, was damals nicht durchsetzbar war, und in der Tat findet sich in seinem Strukturpapier der bemerkenswerte Satz: „Dabei sollen die bestehenden produzierenden Theater- und Orchesterstandorte sowie das künstlerische Angebot hinsichtlich Vielfalt und Qualität erhalten bleiben.“ Fusionen, Personalabbau und Verlegung der MitarbeiterInnen auf die Straße führen aber immer zu überlasteten KollegInnen an der Burnout-Grenze und einer Nivellierung sowie Reduzierung des künstlerischen Angebots für die BürgerInnen.
Auf der anderen Seite sollte allen Beteiligten klar sein, dass Erfurt und Weimar grundverschiedene Häuser sind. An letzterem Standort kulminiert die Weimarer Klassik. Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass der dortige Betriebsrat jedwede Fusion „in eine Bespielholding oder in andere Rechtskonstrukte“ ablehnt. Das gelte auch für die Staatskapelle. Schon die Diskussion in den 90er-Jahren habe gezeigt, dass sich mit einer Fusion keineswegs die Hoffnung auf Personal- und Kosteneinsparungen erfüllen würde: „Aus rein inzesnierungstechnologischen Abläufen müssten Werkstätten in beiden Häusern verbleiben, die Transportlogistik benötigte zusätzliches Personal und Technik, die Ensembles würden auch nicht kleiner, da zwei große Häuser gleichzeitig bespielt werden müssten.“
Um die zahlreichen Zweifler eventuell doch zu ködern, wird im ministeriellen Papier angedeutet, dass durch das wegfallende Personal am neuen Thüringer Staats­theater womöglich auch wieder eine kleine Ballettsparte entstehen könnte. Manche würden so etwas Bestechung nennen.

Das in Erfurt erdachte Thüringer Staatstheater Erfurt-Weimar ist aber nicht das einzige Vorhaben: Verschiedene Modelle sehen Sparten- oder Orchesterfusionen, „vertiefte“ Kooperationen und andere Maßnahmen vor – ohne Rücksichten auf künstlerische Ausprägungen der Ensembles oder der Konsequenz des Künstlers als wieder fahrendes Volk wie zu Zeiten der Neuberin.
Auch diese Maßnahmen würden bei einer Realisierung nichts anderes bedeuten als Nivellierung des künstlerischen Angebots im Gegenzug zu einer weitgehend nebulösen und unklaren Rückkehr zur Fläche, die damit einhergehen soll.
Obwohl im Strategiepapier des Ministers noch gelobt („politische und gesellschaftliche Fragestellungen zunehmend im Fokus der Inszenierungen, die auch überregionale Beachtung finden“) berichtet die Thüringer Allgemeine vom 3. Dezember, dass das Theaters Altenburg-Gera als einziges 5-Sparten-Haus des Freistaats künftig nur über einen Stellenabbau finanzierbar sein werde. Darüber seien sich Minister Hoff, die Theater- und Betriebsratschefs sowie Oberbürgermeister und Landräte der Trägerkörperschaften einig gewesen. Einbußen bei Qualität und Quantität könnten mittels eine Kooperation mit der Jenaer Philharmonie aufgefangen werden. Quintessenz: Wir sollten froh sein, dass bei den aktuellen Finanzierungsverhandlungen keine Sparten zur Disposition stehen. „Fast herzlich“ sei die diesbezügliche Einigkeit gewesen.
Über den vorläufigen Verzicht auf solch unmittelbaren Eingriffe sollten wir uns nicht freuen.

Insgesamt ist in Thüringen die konsequente Ignoranz selbst gegenüber ökonomischen Fakten bemerkenswert – womit es wiederum ein Parallele nicht nur zu Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt gibt:
Der Freistaat Thüringen erwirtschaftet Überschüsse, die Theater- und Orchesterfinanzierung macht etwa 0,7 Prozent im Verhältnis zum Gesamthaushalt des Freistaats aus, alle Experten sind sich, durch zahllose Studien belegt, darüber einig, dass durch die Bühnen zusätzlicher Umsatz in den Städten generiert wird.
Und welche Wege werden – als Strukturreform verbrämt – eingeschlagen? Nichts als Abbauszenarien, die sich in unschöner Regelmäßigkeit wiederholen. In der Flüchtlingskrise ist immer wieder von kultureller Selbstvergewisserung die Rede, um dann kulturelle Traditionen verschwinden zu lassen. In Sonntagsreden gegen rechtsradikale Strömungen wird Bildung und Kultur aufs Schild gehoben, um im Montagshandeln in die Bedeutungslosigkeit geworfen zu werden. Sind das Visionen?
Gefordert ist vielmehr eine konstruktive Kulturpolitik. Wo bleiben die weißen Schwäne des Ministers? Wo bleiben die Visionen von den bunten Schwänen?

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