Jörg Rowohlt Geschrieben am 3 Januar, 2015

Kolumne Januar 2015

Der Kulturschaffende als Papagei

buehnengenossenschaft_1_15Vom sich wiederholenden Kampf gegen Kulturkürzungen

Seit Jahrzehnten tobt ein immer gleicher Kampf um die Finanzierung der deutschen Theaterlandschaft. Das Damoklesschwert von Etatkürzungen schwebt regelmäßig über den Häusern.

Kurz vor Weihnachten letzten Jahres hat die deutsche UNESCO-Kommission die deutschen Theater und Orchester als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Sie ist damit Forderungen von GDBA und Bühnenverein nachgekommen. Politikerinnen und Politiker rühmen diese Kultur-Landschaft gern in ihren Sonntagsreden, insbesondere dann, wenn die eigenen Haushalte von der Landschaftspflege nicht belastet werden. Selbst die in diesem Zusammenhang übel beleumdete Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern weist auf ihrer Internetseite auf das „vielfältige Programm der Theater und Orchester“ im Lande hin.
Gegen das Zusammenstreichen der Kulturetats gibt es ebenso ausrechenbar wie berechtigt immer wieder Proteste der betroffenen Häuser, der kultursinnigen Bürgerschaft einer Stadt, dessen Theater bedroht ist, der Interessenvertretungen, Gewerkschaften und des Bühnenvereins. Sogar Kulturpolitiker schließen sich manchmal an – aber nur, soweit sie einer jeweils anderen Partei angehören und/oder aus einem anderen Land stammen als der sparwütige Kultusminister oder -dezernent.
Stellt sich die Frage, ob diese Auseinandersetzungen jemals zu einem guten Ende kommen können im Sinne einer auskömmlichen Finanzierung und wie die Modalitäten einer solchen Lösung aussehen könnten.
Aktuelle Rotstift-Projekte (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) gibt es genug – an denen sich aber auch zeigen lässt, dass Proteste Erfolg haben können:
In Mecklenburg-Vorpommern wird noch immer zwischen Landesregierung und Kulturschaffenden über die Zukunft der großen Theater gestritten. Unter dem Deckmantel der Umstrukturierung soll die kulturelle Versorgung eingeschränkt werden.
In Sachsen-Anhalt hat die Landesregierung die Förderung für die Theater und Orchester im vergangenen Jahr um sieben Millionen Euro von derzeit 36 Millionen auf 29 Millionen Euro gekürzt.
In Wuppertal wurde 2013 das baufällige Schauspielhaus geschlossen und bei dieser Gelegenheit auch das restliche Ensemble verkleinert. In der Oper entließ der neue Intendant gleich sämtliche Solistinnen und Solisten und engagierte nur noch Gäste zu unsicheren Bedingungen. Inzwischen hat er seinen vorzeitigen Abgang angekündigt und hinterlässt nach Expertenmeinung ein künstlerisches Trümmerfeld.
In Trier konnte das Drei-Sparten-Theater nur nach Bürgerprotesten und politischen Auseinandersetzungen vorerst erhalten werden. Der Kulturdezernent hält den gefundenen Finanzierungskompromiss nicht für dauerhaft tragfähig. Jetzt wird über den fälligen Neubau gestritten.

Wie viel Kultur will sich diese Gesellschaft leisten?

Neu ist an dem Streit ums Geld für Kultur einerseits, dass das Medium Internet dabei eine Rolle spielt. Ansonsten fördert der Gang ins Archiv Beispiele aus der Vergangenheit zu Tage: Als dem Hamburger Schauspielhaus 1988 eine Kürzung von 2,3 Millionen Mark drohte, erklärte dessen Generalmanager Ulrich Schwab die Finanzexperten im Rathaus zur „Inkarnation hanseatischer Pfeffersäcke“. Intendant Zadek drohte mit der Absage von Aufführungen. Der seinerzeitige Essener Schauspieldirektor Hansgünther Heyme, der ebenfalls Kürzungen fürchtete, erkannte ein „operettös bestimmtes“ Kulturverständnis der Stadtväter. Gewerkschaften und Bühnenverein protestierten auch damals schon gegen die Kürzungen. Die streichwilligen Politiker und Politikerinnen glaubten und glauben offenbar in vielen Fällen, Volkes Stimme im Rücken zu haben. So wähnte sich die frühere Hamburger Kultursenatorin Helga Schuchardt im Schauspielhaus der Hansestadt „in einem Großbetrieb, der sich nebenbei den Luxus einer Bühne leistet“. Und nach wie vor ist an deutschen Stammtischen die Debatte beliebt, wie hoch die Subventionen des Steuerzahlers für jede einzelne Opern- oder Theaterkarte wirklich sind.
Neu ist andererseits die Idee von Politikerinnen und Politikern sowie Unternehmensberatern, die festen Ensembles als „Verursacher“ der hohen Personalkosten – bei weitem der größte Posten in den Etats – einzusparen und die Häuser zu reinen Bespieltheatern zu degradieren. Damit wäre dann die Vielfalt der deutschen Theaterszene wieder um ein Stück ärmer.
Dahinter steckt immer wieder aufs Neue die Frage, ob und wie viel Kultur sich diese Gesellschaft eigentlich leisten will – sollen die Menschen in ihr nichts weiter als eine Zusammenballung konsumorientierter Wachstumsfetischisten sein oder vielleicht doch lieber eigenverantwortliche kulturell handelnde Personen, die sich unabhängig von materiellen oder religiösen Zwängen frei entfalten können?
Denn über eines muss wohl Klarheit herrschen: Noch so viele Demonstrationen, Petitionen, und Protestaktionen werden niemals eine endgültige Lösung bringen. Dafür werden kürzungswillige Politiker und Politikerinnen sorgen, die noch den letzten Kultur-Euro als Sparbeitrag ansehen. Ein immer wieder gern genommenes Beispiel liefert der sachsen-anhaltische Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD), der die eigentliche Verantwortung für den drohenden Kulturinfarkt in seinem Land auf die „Haushälter“ und den Finanzminister abschieben wollte.
Letztlich bleibt aber richtig, was Hans Magnus Enzensberger schon 1988 im „Spiegel“ diagnostizierte: „Um eine sinnvolle Kulturpolitik zu entwerfen, müsste man wahrscheinlich eine Ahnung davon haben, was unter Kultur zu verstehen ist. Die Politiker wissen es nicht.“ Wobei Ausnahmen wahrscheinlich die Regel bestätigen.

Der Kürzungsdruck kehrt immer wieder

Gerade die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen: Die Proteste gegen drohende Schließungen oder Fusionen von Bühnen oder Sparten sind kurzfristig oft erfolgreich. Für ein langfristiges Engagement ist aber mehr notwendig – zum Beispiel ein anderes Kulturverständnis von Politikerinnen und Politikern.
Dabei zeigt sich der Kürzungsdruck auf die Theater entlang wirtschaftlicher Zyklen. In den Boomjahren der westdeutschen Bundesrepublik war Kulturför­derung kein ernsthaftes Thema sondern selbstverständlich. In der Wirtschaftskrise der 1930-er Jahre dagegen lag dem Deutschen Bühnen-Jahrbuch eine Karte der reichsweit von Kürzungen bedrohten Häuser bei. Und nicht zufällig berichtet die Bühnengenossenschaft seit Jahrzehnten über Kulturabbau.
Früher oder später werden immer wieder erneut Streichungspläne präsentiert, denn schließlich stellt der Kulturetat eine freiwillige Leistung dar, die im Gegensatz zu Kitaausbau oder Straßenunterhalt nach Belieben gekürzt werden kann. Weil dem so ist – Kultur als von Politikern vielfach so verstandenes Sahnehäubchen -, bleiben Forderungen wohlfeil, Theater nach dem Vorbild von Banken unter staatliche Rettungsschirme zu rücken.
Da hilft es auf Dauer auch nicht, wenn Theaterschaffende auf Gagenanteile verzichten. Dass Haustarifverträge an den meisten ostdeutschen Theatern inzwischen die Regel sind, ist skandalös – an der Misere ändert das aber nichts. Alle Versprechungen, dass Haustarifverträge nur kurzfristige Notlagen überbrücken helfen sollten, haben sich als leer erwiesen. Vielmehr bleibt die Rückkehr zum Flächentarifvertrag – trotz jahrelang laufender derartiger „Überbrückungshilfen“ durch die Beschäftigten – aus und neue Forderungen seitens der Rechtsträger nach höherem Verzicht und/oder Spartenschließungen schließen sich an.
Trotz alledem gibt es keinen Grund zur Resignation, auch wenn es am Ende es immer nur darum gehen kann, in der jeweils aktuellen Situation existenzbedrohende Kürzungen zu verhindern und obwohl Petitionen und Pressemitteilungen, Konvente und Kolloquien irgendwann ermüden. Positiv gewendet bleibt vielmehr immer aufs Neue die Notwendigkeit, die Kultur in ihrer Breite möglichst weitgehend vor vordergründig „alternativlosen“ ökonomischen Zwängen zu schützen und die gemeinschaftsbildenden Faktoren mit ihren positiven Auswirkungen auf eine Gesellschaft mündiger Bürgerinnen und Bürger in den Vordergrund zu rücken. Als das Land Berlin 1993 das Schiller-Theater schloss, hat der Tagesspiegel ausgerechnet, reichten die gewonnenen Mittel für gut drei Tage Schuldenabbau.
Kulturschaffende mögen sich unter diesen Umständen manchmal wie Papageien fühlen, die in schöner Regelmäßigkeit die immer gleichen Töne produzieren. In der Tat ist es aber sinnvoll, wenn Protestaktionen Kontinuität zeigen. Und damit die Belange der Betroffenen gehört werden, braucht es starke Organisationen – allein schon, damit Politikerinnen und Politiker sich nicht dem Irrglauben hingeben, Kultur habe keine Lobby. Und der nächste Wahltag kommt bestimmt.

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