Kolumne Januar 2011

Geschrieben am 3.Januar 2011 von Hans Herdlein

Entsolidarisierung in Krisenzeiten

buehnengenossenschaft_01_11Wahrhaftig ein Grund zum Feiern: „20 Jahre Bundesverband Freier Theater“! Vom 9.-12. Dezember 2010 traten die Mitglieder des Bundesverbandes freier Theater im Theaterhaus Stuttgart zu ihrem 1. Bundeskongress zusammen. In einer Zeit der schwierigsten Lage aller Theater, der freien wie der von der öffentlichen Hand getragenen Stadt- und Staatstheater. Geht es den Theatern finanziell schlecht, wirkt sich das sowohl auf die künstlerische Produktion als auch auf das künstlerische und technische Personal aus. Die Problematik der haushaltsrechtlich als „freiwilliger Leistung“ ausgewiesenen Finanzierung des künstlerischen Bereichs ist nicht neu. In zyklischer Wiederkehr wiederholen sich die Angriffe auf die Theaterhaushalte. Neu aber sind dieses Mal die Reaktionen – wohl als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise – in Politik und Medien: Die Theater sehen sich geradezu feindseligen Attacken ausgesetzt, die ohne Beispiel sind. Während sich die Kulturpolitiker in besseren Zeiten ihrer Kultureinrichtungen rühmten, ergehen sie sich heute in Abbau- und Schließungsszenarien.

Neu ist allerdings auch, dass sich unter den Theaterschaffenden eine Haltung der Entsolidarisierung breit macht, die es vorher so nicht gegeben hat. Während man in Notzeiten solidarisch zusammenrückte, steht heute die individuelle Selbstbehauptung im Vordergrund. Die Ursache dafür dürfte in den sozialen Folgen der qualitativen Veränderungen der Arbeitsverhältnisse liegen, insbesondere in der wachsenden Prekarisierung, von der nicht nur die darstellenden Künstler, sondern immer weitere Teile der Arbeitswelt erfasst werden. Auch die Organisationsbereitschaft hat sich gegenläufig entwickelt. An den Ergebnissen gewerkschaftlicher Arbeit nimmt man teil, ohne Mitglied zu sein. Dass sich tarifvertragliche Regelungen nicht von selbst ergeben, wird ausgeblendet. So lange das mühsam genug erstrittene Tarifgebäude hält und sich Mitglieder finden, die sich dem Gedanken gewerkschaftlicher Solidarität verpflichtet fühlen, kann man sich mittragen lassen. Wer aber sorgt sich dann um die Schutzmechanismen der fragilen und verwundbaren Beschäftigungsverhältnisse der Kreativen, wenn die Entsolidarisierung weiter zunimmt? Soll dann dem Zuruf eines Kongressteilnehmers gefolgt werden: „Die Anarchie muss wieder rein“?

An der bedrohten Lage der Kulturschaffenden zeigt sich, wie die Wirtschaftskrise in die Lebensverhältnisse der Menschen eindringt, ihre Ängste bestimmt und soziale Mentalitäten infiziert. Der schwindende Zusammenhalt führt zur Polarisierung, wo gemeinsames Handeln geboten wäre. Die Krisenbedrohung verstärkt Gefühle der Benachteiligung gegenüber anderen Gruppen, wie hier der freien darstellenden Künstler gegenüber den an Stadt- und Staatstheatern tätigen Künstlern. Die extreme Finanznot der Kommunen zieht die gesamte kulturelle Infrastruktur in Mitleidenschaft. Es wäre ein verhängnisvoller Trugschluss, anzunehmen, das könnte zu einer Umgestaltung der Theaterlandschaft führen, und die durch Spartenabbau und Theaterschließung frei gewordenen Mittel würden den freien Theatern zugeführt. Mit der törichten Forderung, die Stadttheater zu schließen, arbeitet man nur den Sparkommissaren in den Finanzressorts zu, und – wie Thilo Sarrazin sagen würde – allen, denen ein „Theater-Gen“ fehlt!

In der heutigen, von betriebswirtschaftlichem Denken geleiteten Theaterverwaltung, geht es vorrangig um die Einsparung von Kostenstellen und nicht um die gewohnten Verteilungskämpfe. Die Verteilungskämpfe finden zwischen Bund, Bundesrat und den kommunalen Spitzenverbänden statt. Die jahrzehntelang unerledigt gebliebene Reform der Gemeindefinanzierung fordert ihren Tribut! Hier herrscht Reformresistenz bis tief hinein in den Bundesrat. Dort ist kein Raum für die abwegige Hoffnung, von der Krise der Stadttheater zu profitieren: „Da geht es um Kohle“!

Daran ändern auch die „15 Versuche für die Zukunft des Theaters – 15 Impulse Festivals“ von Matthias von Hartz und Tom Stromberg nichts. „Das Festival der Impulse oder Wer das freie Theater fördert, investiert in die Zukunft des Theaters“. In ihrem Statement folgern sie: „Theater jenseits der Stadttheater ist noch immer skandalös schlecht finanziert und medial unterrepräsentiert.“ Wenn das freie Theater „medial unterrepräsentiert“ ist, kann das mitnichten den Stadttheatern angelastet werden, dafür sind die Rundfunkanstalten und Zeitungsverlage die Ansprechpartner. In diesen Defiziten sehen sie „ein Systemproblem, das eine Konsequenz der deutschen Vorliebe ist, nicht Kunst und Künstler zu fördern, sondern Institutionen.“ „Die Leistungen und vor allem das Niveau des deutschsprachigen Stadttheaters sind weltweit unbestritten“, erkennen sie an. Gleichzeitig unterstellen sie einen „Mangel an Innovation im Stadttheatersystem“. „Mit zunehmender Dringlichkeit“ stellt sich ihnen die Frage, „warum das System in all seiner Fülle nur begrenzt in der Lage ist, interessanten Nachwuchs zu produzieren, aus sich selbst heraus ästhetische Impulse zu generieren, kurz: zur Zukunft des Mediums einen angemessenen Beitrag zu leisten.“ Weitere Zwischentitel wie „Eigensinn und widrige Produktionsverhältnisse“, die von prominenten Erfolgsgeschichten handeln, werden als Beleg angeführt. Abschließend wird dem Theater ein „Verlust an ästhetischer und gesellschaftlicher Relevanz“ attestiert. Ob aus alledem eine „Wiedergeburt des Theaters aus dem Geist der freien Szene“ hervorgeht, ist zu bezweifeln. Gewiss ist nur, dass solche „Impulse“ die Tendenz zum Abbau von Kunstgattungen oder der Schließung von „Institutionen“ verstärken.

Über mangelnde Medienresonanz braucht man sich jedenfalls nicht zu beklagen, wenn man, wie der Regisseur und Theaterproduzent, Frank Alva Buecheler, in einem Interview in 3sat, mit der reißerischen Forderung an die Öffentlichkeit tritt: „Schafft die Stadttheater ab!“ Er fordert, das Stadttheater müsse sein Angebot erweitern und attraktiver werden und widerspricht der Unterstellung, dass er gegen Subventionen sei: „Es soll dringend dabei bleiben. Das ist eine ganz coole Idee, Steuermillionen für Kunst zu investieren, und auch absolut ein Zukunftsmodell.“ Es geht ihm nur darum, wie subventioniert wird: „nämlich nicht in Apparate, sondern in Produktionen, in Projekte, und es geht darum, wie an den Theatern mit Geld umgegangen wird.“ In der globalisierten und digitalisierten Welt seien die Themen vielfältig und viel weiter als auf die Stadt bezogen. Die Themen müssten sich in den Spielplänen wieder finden. „Das können die Stadttheater in ihrer heutigen Form nicht mehr leisten. Mit einem festen Ensemble geht das nicht, da muss man Ensemble-Pools bilden.“

Man fragt sich schon, von welchem Theater der Mann spricht. Was sich alles an den Häusern vollzogen hat, mit immer weniger Mitteln anspruchsvolle künstlerische Standards zu halten, das Publikum an sich zu binden, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten, das scheint spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Dem Magazin NovoArgumente vom 9.12.2010 verrät er: „Wie das subventionierte deutsche Theater aus der Sparmaßnahmensackgasse finden kann“. Er stellt fest: „Im Würgegriff von Tarifvereinbarungen sowie Verordnungen aller Art und Unart bedeuten stagnierende Zuschüsse für die Kulturinstitutionen mehrprozentige Reduktionen und gehen voll zu Lasten der künstlerischen Etats“. Vom „Würgegriff der Tarifvereinbarungen“ sind vor allem die Theaterschaffenden in den neuen Bundesländern betroffen, deren Haustarifverträge noch unter den Mindestnormen des Normalvertrages Bühne liegen. Die Theatergewerkschaften haben sich darauf eingelassen, um die Spielfähigkeit der Theater aufrecht zu erhalten. Insoweit wird sogar die revolutionäre These des Creative Producers verifiziert: „Mehr Theater mit weniger Geld – das geht!“

Dann holt er zum Rundumschlag aus: „Über Jahrzehnte wurde versäumt, das subventionierte Theatersystem zu reformieren! Und das fußt schließlich noch im feudalen Hoftheater, wurde über 200 Jahre bürgerlichen Kulturverständnisses dann immer irgendwie fortgeschrieben und kann schlichtweg nicht mehr funktionieren im globalisierten 21. Jahrhundert.“ Nach einer längeren Epistel über „das deutsche Stadttheater in der Klemme zwischen Wollen, Sollen und Können“ dringt er zum Kern seines mehrgliedrigen Zukunftsmodelles vor, an dessen Ende das Bespielungstheater steht. Theaterproduktionsgesellschaften produzieren und verkaufen ihre Stücke an die Theater. Agenturen sorgen für Vermittlung und effiziente Distribution. „Bei den Produktionsgesellschaften läge die geballte künstlerische Kompetenz“ – und wir wären bei der Leiharbeit im Ensemble-Pool in der Rechtsform einer GmbH angelangt.

Auf dem Bundeskongress in Stuttgart vertrat auch der Direktor des Hildesheimer Instituts für Kulturpolitik, Prof. Wolfgang Schneider, die „Versäumnisthese“: „Die Stadttheater haben es versäumt, sich so zu verankern, dass sie nicht zur Disposition gestellt werden“. Bei dieser Feststellung handelt es sich eher um einen Meinungsbeitrag als einen empirisch belegten Befund. Wie sollte denn eine solche Verankerung des Theaters anders bewerkstelligt werden, als mit den Mitteln des Theaters? In Verbindung dazu mit der unerlässlich notwendigen Einwirkung auf die Politik.

Daran hat es gewiss nicht gefehlt. Erinnert sei an den Künstlerreport des Jahres 1975, an die Sachverständigenkommission „Staatszielbestimmungen/Gesetzgebungsaufträge“ des Jahres 1983, das „Bündnis für Theater – wir brauchen einen neuen Konsens“ vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau initiiert und am 14. November 2003 in Berlin mit einem Kongress abgeschlossen. Dort war man sich darin einig, die Kultur als öffentliche Pflichtaufgabe auszuweisen. Das „Sächsische Kulturraumgesetz“ regelt in Sachsen einzigartig die Finanzierung der nichtstaatlichen Kultureinrichtungen. Es wurde 1993 vom Sächsischen Landtag erlassen und trat im August 1994 in Kraft (aktuelle Fassung rechtsbereinigt mit Stand vom 1. August 2008). Es stellt ein wesentliches Ergebnis der so genannten Naumann-Kommission unter der Leitung von Prof. Dr. Matthias Theodor Vogt dar, einem 1992 gebildeten Gutachterteam, das die Analyse der sächsischen Theater- und Orchesterlandschaft zur Aufgabe hatte. Es könnte ein Musterbeispiel für die Verankerung der Kulturfinanzierung auch für die anderen Bundesländer sein. Dass es dazu nicht gekommen ist, ist nicht den Theatern als Versäumnis anzulasten.

Hierher gehört auch der Schlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Kultur in Deutschland“, der am 13. Dezember 2007 vorgelegt wurde. Dieser Kommission gehörte Professor Schneider als sachverständiges Mitglied an. In diesem Schlussbericht sind zahlreiche Handlungsempfehlungen auch für die freien Theater enthalten. Dieser Bericht gibt die Verankerung einer Kulturklausel in der Verfassung auf – wie auch schon 1983 vergeblich gefordert. Dieses Versäumnis geht eindeutig zu Lasten der Politik, genauso wie die ungelöste Problematik der Gemeindefinanzreform und der damit verbundenen Kulturfinanzierung.

Nunmehr legte der Fonds Darstellende Künste in Kooperation mit der Kulturpolitischen Gesellschaft ebenfalls einen umfassenden „Report Darstellende Künstler – Wirtschaftliche, soziale und arbeitsrechtliche Lage der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland“ vor. In einem vorangestellten Prolog – als kulturpolitische Polemik – betitelt, führt Wolfgang Schneider aus: „Aber das Klein-Klein täuscht nicht darüber hinweg, dass eine Chance vertan wurde: Mitten in der Wirtschaftskrise und vor den zu erwartenden dramatischen Folgen auf den Tisch zu hauen und Grundsätzliches zu propagieren. Keiner der Kombattanten sprach vom Umbau in der Theaterlandschaft, keiner rief zum Umsturz auf, keiner forderte die Umverteilung!“ Wenn dazu von einer „Theaterentwicklungsplanung“ das Heil kommen soll, erklärt das den fehlenden polemischen Faustschlag. Zuzustimmen ist in jedem Fall der Aufforderung, dass es kein Gegeneinander der betroffenen Kulturakteure geben darf. Wie eingangs festgestellt, finden gegenwärtig die Verteilungskämpfe zwischen dem Bundestag und dem Bundesrat sowie den kommunalen Spitzenverbänden statt. Von deren Ausgang hängt auch die Finanzierung der Kultureinrichtungen ab, und nicht zuletzt die Umsetzung der Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“.


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