Hans Herdlein Geschrieben am 23 Januar, 2014

Kolumne Februar 2014

Konzeptbasierte Kulturpolitik – im Freiheitsraum der Kunst?

buehnengenossenschaft_2_14Die Ausbildungsgänge zum Kulturmanagement weisen erhebliche Regelungsdefizite auf. Das belegt die empirische Studie „Arbeitsmarkt – Studium – Kultur“ des Instituts für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft, die vom Juli 2008 bis Dezember 2011 durchgeführt wurde [1]. Sie fördert erstaunliche Erkenntnisse über den jungen Wissenschaftszweig „Kulturmanagement“ zutage. Einer Disziplin, die sich anschickt, eine „konzeptbasierte Kulturpolitik“ mit Hilfe von Kulturentwicklungsplänen strategisch zu gestalten und umzusetzen [2].

Nach dieser Erhebung ist das Angebot an Studienmöglichkeiten der Kulturvermittlung in Deutschland in den letzten Jahren stark gestiegen. Es gibt ein außerordentlich vielfältiges Angebot von über 360 Studiengängen, zu denen noch 13 Prozent Studiengänge speziell zum Kulturmanagement kommen [3]. Angestoßen wurde diese Ent­wicklung durch den „Bologna- Prozess“, eine Hochschulreform, die eine europaweite Harmonisierung von Studiengängen und -abschlüssen zum Ziel hat. Wesentliche Elemente dieses Konvergenzprozesses sind ein zweistufiges System berufs­qualifizierender Studienabschlüsse in der Form von Bachelor und Master und vor allem in Deutschland eine auf Beschäftigungsfähigkeit (Employability) am Arbeitsmarkt zielende Ausrichtung der Studiengänge. Neben der Bestandsaufname der Studienlandschaft erfolgte eine Analyse des Arbeitsmarktes der Kulturvermittlung. Diese führte zu einem für einen Zweig der Betriebswirtschaftslehre peinlichen Ergebnis: „dass weder bei Studieninteressierten, noch bei Hochschul- und Arbeitsmarktakteuren ein Überblick über die Vielfalt und Vielzahl der Studienangebote vorliegt“. Der daraus zu ziehende Schluss liegt nahe, dass es sich mit der Kenntnis der Inhalte dieser Lehrveranstaltungen genauso verhält.

Die begleitende Kritik an der mit dem Bologna-Prozess verbundenen Umstellung des Hochschulsystems ist sowohl auf die praktischen Auswirkungen für Hochschullehrer und Studierende gerichtet, als auch auf die Folgen einer zunehmenden Verschulung der Bildung zu Lasten der akademischen Freiheit. Dagegen begrüßen die Arbeitgeberverbände die Bologna-Reform und möchten sie zügig fortgesetzt sehen. Für sie ist von entscheidender Bedeutung, „dass die im Gesetz geforderte Beschäftigungsbefähigung tatsächlich gegeben ist. Hier müssen Hochschulen erheblich enger mit den Unternehmen und ihren Verbänden kooperieren als dies bislang der Fall ist“ [4].

Die Umsetzung der drei Hauptziele des Bologna-Prozesses – Förderung von Mobilität, von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit – stellt mit dem stärkeren Praxisbezug neue Anforderungen an die Studien­anbieter. Das erfordert eine entsprechende Orientierung am Arbeitsmarkt Kulturvermittlung. Nach den Erhebungen der Studie wird ein Hochschulabschluss „von 65 Prozent der ExpertInnen für eine Tätigkeit im Arbeitsfeld Kulturvermittlung in den nächsten zehn Jahren für sehr wichtig oder wichtig erachtet. 13 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass dieser nicht notwendig ist“. Dabei ist der Anteil derjenigen, „die der Auffassung sind, dass ein Hochschulabschluss nicht notwendig sei, bei den Befragten des privaten Sektors am höchsten“ [5].

Die Forderung nach einem verstärkten Praxisbezug löste eine lebhafte Debatte über die Orientierung der Studiengänge am Arbeitsmarkt aus. Es wurde befürchtet, dass dadurch das Selbstverständnis universitärer Forschung und Lehre berührt würde. Sie machte aber auch den aktuellen Konflikt sichtbar, der durch eine aggressive Expansionspolitik des Kulturmanagements in den grundrechtlich geschützten Freiheitsraum der Kunst heraufbeschworen wird. Im Namen der Wissenschaftsfreiheit wird das Stadt- und Staatstheatersystem angegriffen, heruntergemacht und unter Legitimationsdruck gesetzt. Den Tiefpunkt dieser Strategie markiert die unsachliche Polemik des Autorenquartetts Haselbach, Klein, Knüsel, Opitz in: „Der Kulturinfarkt – von allem zu viel und überall das Gleiche“ [6]. Ein Credo, dem so manche Epigonen dieses Fachs zwar immer noch nachhängen, der revolutionäre Umsturz aber erstickte an sich selbst.

Die umfassend und vorbehaltlos garantierte Kunstfreiheit nach Art. 5 Absatz 3 Satz 1 GG enthält ein Freiheitsrecht für alle Kunstschaffenden, das sie vor Eingriffen in den künstlerischen Bereich schützt. Als objektive Wertentscheidung stellt die Verfassung dem modernen Staat zugleich die Aufgabe, ein freiheitliches Kunstleben zu erhalten und zu fördern (BVerfGE 36,331). Wird jedoch bei einer Gesamtbetrachtung des Kunstwerks offensichtlich, dass die „Kunstform missbraucht wurde, um bestimmte Personen zu beleidigen, zu verleumden oder verächtlich herabzuwürdigen, dann ist dies nicht mehr von der Kunstfreiheit gedeckt“ – und auch nicht von der Wissenschaftsfreiheit, sei ergänzend angemerkt. Im Verhältnis von Wissenschaft und Politik endet der von Absatz 3 geschützte Freiraum dort, wo die wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse zu Bestimmungsgründen politischen Handelns gemacht werden (BVerfGE 5, 146).

Vor diesem Hintergrund braucht es nicht zu verwundern, wenn „das Berufsbild des Kulturmanagers in den Institutionen der Hochkultur immer noch auf Zurückhaltung bis Skepsis stößt“ [7]. „In einem Arbeitsmarkt, in dem es immer mehr befristete Kurzzeit-Arbeitsverhältnisse sowie verstärkte Tendenzen zur selbständigen Erwerbstätigkeit gibt, ist der Qualifizierungsbedarf in den gesamten Kompetenzbereichen besonders groß“ [8].

Wie aber soll diesem Erfordernis in Anbetracht der offenkundigen Mängel der Kulturmanagement-Ausbildung entsprochen werden? „Abiturienten haben als ‚Einsteiger‘ mit einer hohen Unübersichtlichkeit der Angebote zu kämpfen“. Ein ganzes Kapitel der Studie ist einem gravierenden Mangel gewidmet, das in der Forderung mündet: „Lehre und Praxis des Kulturmanagements brauchen klare Berufsbilder! [9] Es bedarf einer klareren Ausdifferenzierung der Studiengänge durch nachvollziehbare Schwerpunktsetzungen und Profilbildungen“. Daraus werden zehn Handlungsempfehlungen in Thesenform abgeleitet, in denen die Schwächen der Studienangebote augenfällig werden: „These 1: Jeder Studienleiter hat zu bedenken, welches Resultat er seinen (erfolgreichen) Absolventen verspricht, die letztlich einen Berufswunsch verfolgen“. (…) „These 4: Kulturbetriebe und Studienangebote sollten Berufsbilder definieren“. (…) „These 8: Das Thema Personal muss in Kulturbetrieben einen höheren Stellenwert gewinnen.  – Erforderlich sind indes umfassende Personalmanagementkonzepte“.

Es gelten schließlich auch für Studienanbieter im Hochschulbereich Rechtsgrundsätze, wie sie im Berufsbildungsgesetz geregelt sind: „Die Berufsausbildung hat die für die Ausübung einer qualifizierten beruflichen Tätigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt notwendigen beruflichen Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten (berufliche Handlungsfähigkeit) in einem geordneten Ausbildungsgang zu vermitteln. Sie hat ferner den Erwerb der erforderlichen Berufserfahrungen zu ermöglichen“. Hier schließt sich der Kreis wieder mit den Zielen des Bologna-Prozesses.

Die etablierten Studienanbieter sind heute auf mehrfache Weise unter Druck geraten: Sie stehen unter dem Handlungsdruck der Hochschulreform, die bei einem zersplitterten Studienangebot Transparenz und Vergleichbarkeit der Ab­schlüsse fordert. Sie stehen zudem unter dem selbst geschaffenen Druck, auf dem begrenzten Arbeitsmarkt-Kulturvermittlung eine Überzahl von Absolventen unterzubringen. Auf einem Arbeitsmarkt, in dem es immer mehr kurzeitig befristete Arbeitsverhältnisse und eine wachsende Tendenz zur selbstständigen Tätigkeit gibt. Unter diesen negativen Voraussetzungen ist es nicht mehr nachzuvollziehen, dass ausgerechnet die staatlich geförderten Studieneinrichtungen mit aller Macht darauf hinarbeiten, das Stadt- und Staatstheatersystem „schöpferisch zu zerstören“, um auf den Ruinen ihre Theoriegebäude einer konzeptbasieren Kulturpolitik mit Hilfe von Kulturentwicklungsplänen zu errichten. Solches Denken in Strukturreformen würde die Theater im Erfolgsfall tatsächlich in den Infarkttod führen. Dass das zu einer weiteren Verengung des Arbeitsmarkts für die Absolventen des Kulturmanagements führen würde, wird billigend in Kauf genommen. Eine derartige „Dekonstruktion“ benötigt allenfalls noch einen „Kulturabwicklungsplan“, bei dem es im Kern um die Mittelverteilung zwischen traditionellen und neuen Kultureinrichtungen geht. Eine zu große Aufgabe für ein zu kleines Fach.

  1. Blumenreich, Ulrike (Hrsg.), (2012): Studium – Arbeitsmarkt – Kultur, Ergebnisse des Forschungsprojekts, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Kulturpolitische Gesellschaft, Bonn.
  2. Sievers, Norbert: Kommt die konzeptbasierte Bundeskulturpolitik? – Zum Kulturteil des Koalitionsvertrages, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr.143 (IV/2013), S. 4 f
  3. Scheytt, Oliver: Lehre und Praxis des Kulturmanagements brauchen klare Be­rufsbilder, in: Blumenreich, S. 269 – 274.
  4. Bologna-Prozess, aus: Wikipedia, der freien Enzyklopädie.
  5. Blumenreich, Strittmatter, Iber-Rehentisch unter Mitarbeit von Quante: Arbeitsmarkt Kultur(vermittlung): Ergebnisse der Interviews mit 45 ExpertInnen, in: Blumenreich, S. 120.
  6. Haselbach, Dieter; Knüsel, Pius; Klein, Armin; Opitz, Stephan (2012): Der Kulturinfarkt – Von allem zu viel und überall das Gleiche – Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubventionen, München.
  7. Höhne, Steffen: Universitäre Fundierung oder Arbeitsmarktrelevanz? – Ein Kommentar zum „Projekt – Studium – Arbeitsmarkt – Kultur“ aus der Perspektive der akademischen Kulturmanagement-Ausbildung, in: Blumenreich, S. 241.
  8. Schütz, Dirk: Bausteine für die Zukunft – warum Studienangebote ohne Anschluss an die Berufspraxis kaum Zukunft haben werden, Kommentar aus der Sicht eines Arbeitsmarktakteurs, in: Blumenreich, S. 251.
  9. Scheytt, Oliver, in: Blumenreich, S. 269 ff.
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