Hans Herdlein Geschrieben am 2 September, 2008

Kolumne August/September 2008

Vom Darsteller zum Zuschauer

buehnengenossenschaft_89_08Das Ensemble- und Repertoiretheater kämpft um sein Überleben. Die Ensembles sind den Rechtsträgergremien zu teuer. Deshalb geht man im darstellerischen Bereich immer weniger längerfristige Bindungen ein. Mit kurzzeitig engagierten Gästen füllt man die Lücken in den Schrumpfensembles. Am Beständigsten sind noch die Kollektive Orchester und Chor. Die Tanzgruppen beförderte man dagegen zu Tanzkompanien, die nur noch aus Solomitgliedern „mit Gruppenverpflichtung“ bestehen. Das hat den wirtschaftlichen Nutzeffekt, keine Tarifgagen zahlen zu müssen, sondern nur niedrigere Sologagen. Man sollte glauben, dass diese drastischen Veränderungen der Arbeitswelt der Bühne dazu führen würden, wieder enger zusammenzurücken, um gemeinsam die mühsam genug errungenen sozialen Standards zu halten. Aber weit gefehlt! Die voranschreitende Individualisierung der Gesellschaft ist auch in den Bühnenbereich vorgedrungen. Mit ihr wieder die dahingegangen geglaubte „Künstler-Ideologie“, nach der ein wirklicher Künstler keinen tarifvertraglichen Schutz braucht. Schließlich ist sich jeder selbst der Nächste. Was an gewerkschaftlichen Leistungen anfällt, daran nimmt man sowieso teil ohne Mitglied zu sein. Warum sich also der lästigen Beitragspflicht unterziehen? Warum in eine Organisation eintreten bei ständig steigenden Lebenshaltungskosten und sich mindernden Rentenanwartschaften? Ganz einfach, weil ohne die gewerkschaftliche Organisation nichts von selbst geschieht. Die liberale Kunstfigur, nach der sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichberechtigt gegenüberstehen sollen, hat mit dem wirklichen Berufsleben nichts gemein. Deshalb ist das Arbeitsrecht als Schutzrecht für Arbeitnehmer ausgebildet.

Keine Frage, mit der veränderten Arbeitswelt der Bühnen ist auch die kontinuierliche gewerkschaftliche Vertretung in den Lokalverbänden zurückgegangen. Es dominieren die Gastverträge. Diese werden von zahlreichen Haustarifverträgen, insbesondere in den neuen Bundesländern, noch übertroffen. Die Gastverträge drängt man überdies in die Selbständigkeit ab, um sich der arbeits- und sozialrechtlichen Schutzvorschriften des Arbeitsvertrags zu entledigen. Beschwichtigend verweist man auf die Möglichkeiten der Versicherung in der für die (Schein-) Selbständigen geschaffene Künstlersozialkasse – und spricht nicht davon, dass im gleichen Zug die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen geschwächt wird.

Mit der fortschreitenden Ausdünnung des künstlerischen Personals, bleibt der Ensemblegedanke auf der Strecke. Ebenso die Anwendung der Regelungen des Normalvertrages Bühne. In gleitender Weise wird der künstlerische Bereich aus den kollektiven Schutzregelungen des Arbeits- und Sozialrechts herausgelöst. In der Sorge von den Lohnrunden des öffentlichen Dienstes abgekoppelt zu werden, wurzelt die gegenwärtige Konfliktsituation der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) mit dem Deutschen Bühnenverein. Und in nicht allzu ferner Zeit ergibt sich daraus auch eine Konfliktsituation für die Theatergewerkschaften GDBA und VdO, wenn der Tarifausschuss des Deutschen Bühnenvereins nicht endlich einlenkt. Einen Arbeitskampf der Orchester halten die Bühnen bei ihrer prekären Finanzlage mit Sicherheit nicht aus. Davon werden alle am Theater in Mitleidenschaft gezogen – auch die Bühnenleitungen.

Wer aber stemmt sich gegen diese Entwicklungen? Doch nur diejenigen, für die gewerkschaftliche Solidarität nicht nur eine Worthülse ist, die Solidarität durch Mitgliedschaft in der GDBA oder in der VdO praktizieren! Gewiss hat die Stärkung der Rechte der Personalvertretung innerbetrieblich Entlastung für die Lokalverbandsvorstände gebracht. Aber die Vertretung der Interessen des künstlerischen Bereichs ist dadurch nicht überflüssig .geworden. Allzu schnell geht man darüber hinweg, dass das Tarifrecht, das die Theatergewerkschaften geschaffen haben, nicht von selbst entstanden ist. Es bildet die Grundlage auf der sich der gewohnte Alltag der Theaterarbeit abspielt. Das nimmt man als gegeben hin. Was aber dann, wenn diese vermeintlich selbstverständlichen Rechte in Frage gestellt werden? Wenn Länder und Kommunen andere kulturpolitische Schwerpunkte setzen und plötzlich nichts mehr ist wie es vorher war? Die nicht endenden Haustarifvertrags-verhandlungen an den Bühnen der neuen Bundesländer sollten für jeden Einzelnen genügen, daraus die Lehre zu ziehen, sich zu organisieren. Es reicht einfach nicht aus, sich auf die Rolle der teilnehmenden Beobachtung zurückzuziehen, wenn gestaltende Einflussnahme gefordert ist. Man kann sich nicht auf Dauer durchlavieren und die eigene Verantwortung auf andere abschieben, die Beiträge für eine Sache zahlen, der anzugehören – aus welchen Gründen auch immer – man selber nicht für nötig hält. Wenn schon der „Rückbau“ eines Theaterhaushaltes erforderlich ist, dann – so sollte man meinen – kann man nicht abseits stehen bleiben und tatenlos mit ansehen, was die sonst gemiedenen Gewerkschaften aus dem Debakel machen. Es geht schließlich um die ureigensten Belange einer Belegschaft, jeder ist als Person davon betroffen.

In der komplizierter gewordenen Arbeitswelt kann man sich als Einzelner kaum noch zurechtfinden. Die Folgen der „Agenda 2010“ – von den einen (die sie gemacht haben) hochgelobt, von den anderen (die unter ihren Regelungen leiden) verflucht – erreichen einen spätestens dann, wenn es mit dem Anschlussengagement nicht geklappt hat. Gerade die freischaffend tätigen Bühnenkünstler haben die Härten der neuen Sozialgesetzgebung als Erste zuspüren bekommen. Verkürzte Rahmenfrist zum Bezug des Arbeitslosengeldes I bei gleicher Wartezeit, mit der Folge, trotz Beitragszahlung keine Leistungen zu erhalten. Statt dessen Absinken in das Arbeitslosengeld II = Hartz IV. Das Einzige, das in diesem Zusammenhang noch ansteigt, ist die Zahl der Verfahren vor den Sozialgerichten, die Hartz-IV-Empfänger gegen Leistungsbescheide der Bundesagentur für Arbeit anstrengen. An dieser Stelle greift der gewerkschaftliche Rechtsschutz wieder helfend ein. Das ist im Streitfall praktizierte Solidarität.

Die allgemeinen Tariferhöhungen, die es dank des konjunkturellen Aufschwungs wieder gegeben hat, setzen ebenfalls gewerkschaftlichen Einsatz voraus. Es ist schon eigenartig, von Nichtmitgliedern angerufen zu werden, dafür zu sorgen, dass endlich das Geld überkommt. Das scheint die These zu bestätigen, dass in der heutigen Arbeitswelt jeder nur noch für sich kämpft und kaum mehr einer für den anderen einsteht. Alle Gewerkschaften leiden unter Mitgliederschwund, genauso wie die großen Parteien und die Kirchen. Das aber ist kein Grund zu resignieren und in dem Bestreben nachzulassen, Mitglieder zu halten und neue für die gewerkschaftliche Organisation zu gewinnen. Auch wenn sich derzeit verschiedenste Gruppierungen bilden, die von der Bundeskulturstiftung gefördert werden, ist doch zu bedenken, dass diese Förderung nur auf Zeit und nicht auf Dauer gilt. Es fehlt vor allem die Tariffähigkeit der gewerkschaftlichen Organisation. Diese wiederum setzt eine vom Wechsel der Mitglieder unabhängige und auf Dauer angelegte Organisation voraus. Also auch keine verlässliche Lösung, der Beitragszahlung zu entrinnen. Die Durchsetzung eigener Tarifverträge erfordert handlungsfähige Organisationen mit einem hohen Organisationsgrad. Berufsverbände verstehen sich dagegen nicht als Gewerkschaft. Sie verzichten auf tarifpolitische Auseinandersetzungen und beschränken sich auf Beratungs- und Lobbyarbeit.

Lobbyarbeit und die Umsetzung von tarifpolitischen Vorhaben bis in die Kulturpolitik hinein, erfordern einen langen Atem auf gefestigter wirtschaftlicher Grundlage. Am Beispiel der Zuarbeit für die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Kultur in Deutschland“ zeigt sich das deutlich. Zuerst galt es, die theaterpolitischen Problemstellungen einzubringen und diese dann in Anhörungen zu vertreten. Die verdienstvolle Arbeit der Enquete-Kommission mündete in umfangreichen Handlungsempfehlungen aus. Wer aber tritt für deren Umsetzung gegenüber Bund, Ländern und Kommunen ein? Der Deutsche Kulturrat und die Kulturpolitische Gesellschaft – in denen die GDBA Mitglied ist – setzen sich mit Nachdruck dafür ein. Aber ohne die beständige Begleitung der Umsetzungsprozesse werden die Handlungsempfehlungen der Studie nicht realisiert. Man kann auch hier nicht erwarten, dass irgendeine Institution sich dieser Aufgabe annimmt, Geld und Zeit investiert, und sie für einen erledigt. Dass das Patentrezept, die eigene Arbeit auf andere abzuschieben, nicht funktionieren kann, hat schon der Genossenschaftstag der GDBA des Jahres 1987 in Augsburg erkannt, der aufgab, sich kulturpolitisch zu engagieren. Wer wollte leugnen, dass dieses Engagement in dieser Zeit des Umbruchs nötiger denn je ist!

Die GDBA hat heute auf den verschiedensten Ebenen präsent zu sein, sei es im Lokalverband, im Tarifausschuss oder im Verwaltungsrat der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen. Hier sind die Bühnenangehörigen im Rahmen der Selbstverwaltung unmittelbar an der Gestaltung des Leistungs- und Beitragsrechts beteiligt. Warum nimmt man auch dieses Geschehen nur als mehr oder weniger interessierter Beobachter zur Kenntnis oder ringt sich allenfalls eine kritische oder anerkennende Stellungnahme in der Garderobe ab? Auch dieses Versorgungswerk hat nicht Fürstenmilde gnädig gespendet. Es ist den Altvorderen der GDBA zu verdanken, dass es zustandekam, und denen, die sich nach dem Krieg dafür einsetzten, dass es bis heute besteht.

Die Lokalverbände bilden die Grundlage für die gewerkschaftliche Betätigung – so bestimmt es die Satzung. Wenn auch die Personalstärke der Ensembles abgenommen hat, so kann das kein Anlass dafür sein, die Waffen zu strecken und sich von der Interessenvertretung zu verabschieden. Noch weniger rechtfertigt es sich, die Mitgliedschaft aufzukündigen und unbeteiligt im Abseits zu bleiben. Einrichtungen wie die Bühnenversorgung oder die Bühnenschiedsgerichtsbarkeit erfordern die aktive Beteiligung der Bühnenangehörigen. Wer sonst sollte sie darin vertreten? Die Bühnenschiedsgerichte tragen und finanzieren die GDBA zusammen mit dem Deutschen Bühnenverein. Beide Verbände berufen die Richter und stellen dort die Beisitzer. Eine fachkundige Rechtsprechung ist dadurch gewährleistet.

Aber alle diese Einrichtungen sind nicht selbsttragend. Sie müssen von den Mitgliedern der Organisationen getragen und finanziert werden. Das geht nicht ohne Opfer an Freizeit und Beitragszahlung ab. Auch wenn das in der heutigen vom Nutzendenken beherrschten Zeit wie ein Ruf in der Wüste klingt, wenn wir uns die Möglichkeit der gestaltenden Einflussnahme im Rahmen der Tarifautonomie entgleiten lassen, wird mehr verloren als zu geben verlangt wird. Wenn Einzelinteressen gebündelt oder in politisches Handeln umgesetzt werden sollen, braucht man größere Organisationen, dann braucht man Gewerkschaften. Als darstellender Künstler kann man nicht einfach von der Bühne gewerkschaftlicher Aufgaben abgehen, um als Zuschauer von den Rängen oder im Parkett das Geschehen im tarifpolitischen Raum des Theaters kritisch zu begleiten. Wenn die Stabilität des Tarifsystems weiterhin gewährleistet bleiben soll, führt kein Weg daran vorbei, dass sich die Bühnenangehörigen – trotz aller Vereinzelung – wieder auf die Grundlage der gemeinsamen Organisation zurückzubesinnen, auf die Solidarität in des Wortes bester Bedeutung.

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