Hans Herdlein Geschrieben am 27 März, 2014

Kolumne April 2014

Kooperativer Kulturföderalismus

buehnengenossenschaft_4_14Im Koalitionsvertrag ist im Kapitel „Kultur“ bestimmt: „Kunst- und Kulturförderung ist eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen, die diese in ihrer jeweils eigenen Zuständigkeit wahrnehmen. Den Kulturhaushalt des Bundes wird die Koalition auf hohem Niveau weiterentwickeln. Kultur ist keine Subvention, sondern eine Investition in unsere Zukunft“[1]. Mit diesen Sätzen ist ein klares Bekenntnis zu einer Kulturpolitik beschrieben, die von den bestehenden Einrichtungen ausgeht und in die Zukunft weist. Sie steht in voller Übereinstimmung mit dem fortgeltenden Gebot des Einigungsvertrages, nach dem „die Erfüllung der kulturellen Aufgaben einschließlich ihrer Finanzierung zu sichern ist, wobei Schutz und Förderung von Kultur und Kunst den neuen Ländern und Kommunen entsprechend der Zuständigkeitsverteilung des Grundgesetzes obliegen“. Das Grundgesetz verbürgt in Artikel 5 Absatz 3: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“. Die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft bilden die Grundlage der Kulturstaatlichkeit.

Beide Bereiche, Kunst und Wissenschaft, verwirklichten ihre Aufträge in den ihnen verfassungsrechtlich zugestandenen Freiräumen ohne Zwist und Kontroversen. Was das Staats- und Stadttheatersystem betrifft, war man kooperativ mit der Theaterwissenschaft verbunden. Zweck dieser Verbindung war es, Theaterforschung und -praxis einander näher zu bringen. Die wechselseitigen Beziehungen dauerten an, bis etwa Mitte der 1990er Jahre. Schon Ende der 1980er Jahre wurden in Deutschland die ersten Diplomstudiengänge für Kulturmanagement eingerichtet [2]. Das war zu einer Zeit, in der die „Ökonomisierung“ der Theaterbetriebe bereits voll im Gange war. Mit dem Aufkommen des Kulturmanagements war zunächst die Erwartung verbunden, zu einer Professionalisierung kommunaler Kulturarbeit zu gelangen. Eine neue Generation von Vermittlern würde die immer wieder aufbrechenden Gegensätze zwischen kreativer Arbeit und metrischem Verwaltungshandeln überbrücken helfen. Unter dem auch damals schon bestehenden Einsparungsdruck der öffentlichen Haushalte konzentrierte sich das Kulturmanagement alsbald auf die Vermittlungsproblematik zwischen Kunst und Politik. Es war auch die Zeit der Verwaltungsmodernisierung: „Landauf, landab wird die öffentliche Verwaltung auf den Prüfstand der ökonomischen Vernunft gelegt. Die Resultate sind überall ähnlich. Was ansteht, ist eine tiefgreifende Verwaltungsmodernisierung. Nicht selten wird sie begleitet von weitreichenden Prozessen der Privatisierung von Aufgaben, die bislang in öffentlicher Regie erledigt wurden“[3].

Darauf folgte eine hohe Zeit der Unternehmensberater, mit einer „Gutachteritis“, bei der konsequent an der janusköpfigen Finanzstruktur der Theater vorbei argumentiert wurde, nach der Verwaltung und Bühnentechnik als öffentliche Pflichtaufgabe ausge­wiesen sind, das künstlerische Personal aber haushaltsrechtlich als „freiwillige Leistung“ finanziert wird – also genau der Bereich, für den die ganze Institution da ist. Interessanterweise hat sich über dieses anachronistische Finanzierungsmodell aus der Frühzeit des Theaters außer den Betroffenen niemand aus der Unternehmensberatung oder dem Kulturmanagement erregt. Erregt hat man sich über das „überkommene System der Stadt- und Staatstheater“, mit seinen (damals) sieben Tarifverträgen! Diese Tarifverträge sind am 1. Januar 2003 grundlegend überarbeitet in den Normalvertrag Bühne eingegangen, der in einen allgemeinen Teil und in Sonderregelungen für die einzelnen Kunstsparten gegliedert ist. Eine einschneidende Modernisierung und Reformierung des Bühnenrechts, mit der auch die Wander­bühnenordnungen der Jahre 1924 und 1929 aufgehoben wurden.

In die 1990er Jahre fiel auch ein Termin mit weitreichenden Folgen für das Hochschulsystem: der „Bologna-Prozess“. Am 16.06.1999 unterzeichneten die Bildungsminister aus 29 europäischen Staaten in Bologna eine „Gemeinsame Erklärung“ unter dem Titel: „Der europäische Hochschulraum“. Mit dem Ziel einer Harmonisierung des tertiären Bildungsbereiches auf der Basis freiwilliger Koordination, insbesondere durch die Einführung europaweit vergleichbarer Abschlüsse [4]. Verbunden damit verspricht man sich eine Steigerung der Mobilität wie auch der Berufsaussichten (Employability) der Studierenden im europäischen Raum, eine engere Zusammenarbeit der europäischen Forschungszentren und damit eine Stärkung des Wirtschaftsraumes Europa. Ferner wurde eine neue Ausbil­dungsstruktur eingeführt, die aus zwei Hauptzyklen besteht: Berufsbefähigender Bachelor- und weiterführender Masterabschluss; des Weiteren sind die Qualitätssicherung durch Evaluation und eines Leistungspunktesystems Inhalt der Erklärung.

Mehr als zehn Jahre nach Abschluss der Bologna-Erklärung ist die Reform des Hochschulwesens noch lange nicht abgeschlossen. Die zentrale Rolle hinsichtlich der konkreten Ausgestaltung und damit letztlich auch der strategischen Ausrichtung im föderalen Bildungswettbewerb kommt den Ländern zu. Von den Auswirkungen dieser Reformen werden naturgemäß auch die Hochschulen erfasst, die Studiengänge in Kulturmanagement anbieten: „Aus Befragungsergebnissen zum ‚Studium Kultur‘ ging deutlich hervor, dass die Arbeitsmarktorientierung ein wichtiges Ziel bei fast allen Studiengängen ist, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass ‚Employability‘ als ein übergreifendes Kriterium im Zuge der Bologna-Reform von sämtlichen Studiengängen verlangt wird. In der Studie wird kritisch angemerkt, dass viele der Studiengangsverantwortlichen offensichtlich zu wenig Kenntnis vom Arbeitsmarkt Kultur haben, das Thema also noch zu wenig als ein eigenständiges, auch wissenschaftlich zu erforschendes Sujet begriffen wird“ [5]. In dieser Feststellung dürfte die Erklärung dafür liegen, dass Exponenten des Kulturmanagements ohne jegliche akademische Distanz gegen das Stadt- und Staatstheatersystem agitieren. Um Aufmerksamkeit zu erregen, werden die Einrichtungen der „etablierten Hochkultur“ attackiert. Mit professoralem Gestus wird einer Öffentlichkeit weis­gemacht, die Stadt- und Staatstheater erfüllten ihre Funktionen nicht mehr, für die sie den Großteil der schwindenden Mittel zur Kulturfinanzierung erhalten. Einen Tiefpunkt dieses entwürdigenden Disputs markiert die Streitschrift „Der Kulturinfarkt – von allem zu viel und überall das gleiche“, der Autoren Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz, die ihre „Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention“ 2012 vorlegten.

Die Veränderungen der inneren Verhältnisse an den Theatern in arbeitsrechtlicher und in künstlerischer Hinsicht nimmt man einfach nicht zur Kenntnis. Ebenso wenig die Folgen für die dort auf zeitlich befristeten Vertrag tätigen Menschen, das sind ja nur Kostenstellen. Genau darauf zielt die destruktive Strategie. Sie wendet sich an die Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker, die sich dem Kulturauftrag noch verpflichtet fühlen. Sie werden unter Legitimationsdruck gesetzt. Zur Verstärkung hat man noch die Freie Szene einbezogen. Die Praktiker haben jedoch schnell erkannt, dass sich ihre Lage im gleichen Tempo verschlechtert, wie die Strukturkampagne politisch an Boden gewinnt.

Jetzt wird das Verhältnis von Kulturpolitik und Kulturmanagement angesteuert: „Das Kulturangebot einer Gesellschaft entwickelt sich in Aushandlungsprozessen, an denen unterschiedliche Akteure des öffentlichen, gemeinnützigen und privaten Sektors mit jeweils spezifischen Interessen beteiligt sind. Neben den Kulturpolitkern und den Führungskräften in der Kulturverwaltung sind dies insbesondere die Leiter/Intendanten von Kultureinrichtungen, die Lobbyisten der verschiedenen kulturellen und künstlerischen Interessenverbände, die großen Kulturstiftungen sowie das Feuilleton. Einflüsse gehen auch von einem meinungsstarken Stamm-Kulturpublikum aus“. Das ist der Befund von Frau Prof. Dr. Birgit Mandel, Professorin für Kulturmanagement und Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim. Sie fragt weiter: „Wie kann es im Zusammenspiel von Kulturpolitik und Kulturmanagement gelingen, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und mehr Menschen – repräsentativer für die Gesamtbevölkerung – an Entscheidungen über das öffentlich geförderte Kulturleben zu beteiligen?“ Und weiter: „Das Kulturmanagement schafft Transparenz in einem Feld, das bislang stark mystifiziert wurde und damit strategischer Entscheidungsfindung entzogen war und es trägt zur systematischen Begründung und Umsetzung kulturpolitischer Entscheidungen bei“. Es lässt sich nicht verleugnen, dass das Kulturmanagement ein Ableger der Betriebswirtschaftslehre ist. Das „mystifizierte“ Feld erinnert an Adam Smith Satz: „Angeregt durch den Eigennutz des Einzelnen kann sich das Wirtschaftsgeschehen am Markt wie durch eine ‚unsichtbare Hand‘ geführt ins Gleichgewicht bringen“ [6]. Das künstlerische Geschehen lässt sich aber weder durch Magie noch ein betriebswirtschaftliches Studium in die inhaltliche und geistige Nähe eines industriellen Fertigungsprozesses zwingen. In dem lauten Aufstand etlicher Initiatoren des Kulturmanagements kommt nur ein Umstand nicht vor: Die Betroffenenpartizipation – über deren Grundrechtsschutz hinweg bedenkenlos der Freiheitsraum der Kunst beschädigt wird.

  1. Deutschlands Zukunft gestalten, Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 18. Legislaturperiode, 4.3 Kultur, S. 128.
  2. Herdlein, Hans (2001): Theater im Arbeitslicht – Kulturpolitische Kommentare zur Realität an deutschen Bühnen 1980 – 2000, Bd. 1, S. 22 ff.
  3. Blanke, Thomas (1998): Verwaltungsmodernisierung, Direktionsrecht des Arbeitgebers, Mitwirkungsrechte des Personalrats und Tarifautonomie; Rechtsgutachten im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung, Baden-Baden, S. 5.
  4. Miechielsen, Angela (2013): Hochschulorganisation und Wissenschaftsfreiheit, Die aktuelle Entwicklung des Hochschulrechts im Lichte des Art. 5 Abs. 3 S. 1 GG, 1. Aufl. Göttingen, zugl. München (LMU) Univ., Diss., 2013, S.196 ff., vgl. zu den Zielen des Bologna-Prozesses im Einzelnen die Webseite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung http://www.bmbf.de/de/3336.php
  5. Mandel, Birgit (2012): Wildwuchs und Überangebot versus Professionalisierung und Profilierung – Ein Kommentar aus Sicht des Hildesheimer Studiengangs, in: Blumenreich, Ulrike (Hrsg.) Studium – Arbeitsmarkt – Kultur, Ergebnisse des Forschungsprojekts, Kulturpolitische Gesellschaft e.V., Bonn, S. 224 f.
  6. Smith, Adam (Erstausgabe, London 1776); Der Wohlstand der Nationen, dtv 2003.
Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken