Kolumne April 2011

Geschrieben am 1.April 2011 von Hans Herdlein

Reform der Theaterstrukturen?

Im Mittelpunkt der gegenwärtigen Diskussion über die öffentlich finanzierten Theater stehen nicht ihre künstlerischen Leistungen, sondern die Kosten, die sie ihren Trägern verursachen. Wenn es auch um die exakten Daten der Ökonomie einigermaßen schlecht bestellt ist, eine Prognose kann mit Sicherheit gestellt werden: Wenn die Finanzlage der Kommunen daniederliegt, dann wird die Theaterfinanzierung in das Visier genommen. Die „Sinnfrage“ wird hochgespielt, der Anteil der Theater am Kulturetat kritisch hinterfragt. In zyklischer Wiederkehr haben sich diese Argumentationsmuster herausgebildet und Eingang in die Debatten gefunden. Waren diese zunächst nur betriebswirtschaftlich ausgerichtet, so dringen sie jetzt über das „Kulturmanagement“ immer mehr in die praktische Theaterarbeit vor. Die Krise der öffentlichen Haushalte soll mit Strukturdebatten über das Stadttheatersystem bekämpft werden.

Schon im Jahr 1989 veröffentlichte die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt) Köln das Gutachten einer Expertenkommission zur „Führung und Steuerung des Theaters“.[1] Im Vorwort des Gutachtens wird zutreffend ausgeführt: „Das vielschichtige Gebilde Theater im Spannungsfeld von Kunst und Ökonomie, Administration und Technik verträgt keine ‚Patentlösungen’. Der geniale Federstrich, der in der Haushaltskrise Millionen einspart und das Theater dennoch künstlerisch ungeschoren lässt, wird nie erfunden werden“. Das Gutachten zeigt Wege auf, „wie die technische, organisatorische und wirtschaftliche Produktivität und Flexibilität des Regiebetriebs Theater gesteigert werden können, ohne die künstlerischen Freiräume einzuschränken“.

Manche der Vorschläge sind in der Folge verwirklicht worden. Die Theater mussten eine Welle der Unternehmensberater über sich ergehen lassen. „Lean Management“ war damals in Mode, die Modernisierung der Verwaltung stand an, Änderungen der Rechtsform vom Regiebetrieb zur privatrechtlichen GmbH wurden angeregt – und umgesetzt. Kooperationen und Fusionen wurden vorgeschlagen: „Die Erfahrung zeigt, dass Kooperationen im Theater zu einer qualitativen und/oder quantitativen Verbesserung des Theaterangebotes bei gleich bleibendem Kostenaufwand führen können.“ Als Beispiele für Kooperationen mit anderen Theatern wurde der Austausch einzelner Ausstattungen bis zum gemeinsamen Betrieb einer Theaterwerkstatt befürwortet. Allerdings mit einem bedeutsamen Hinweis verbunden: „Die Kosteneinsparungen werden häufig überschätzt: Wegen des hohen Fixkostenanteils können nur die variablen, produktionsbezogenen Kosten eingespart werden. Diese sind im Rahmen einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung den zusätzlichen Aufwendungen für den Inszenierungsaustausch gegenüberzustellen.“

Wesentlich komplizierter kommt eine Fusion zustande: „Theaterfusion im Sinne des Gutachtens ist die Zusammenführung von zwei oder mehreren unabhängigen Theatern zu einem neuen Theater mit einer oder mehreren Spielstätten. Sie setzt eine kulturpolitische Entscheidung voraus. Wird das neue Theater in interkommunaler Zusammenarbeit oder in Zusammenarbeit mit sonstigen Trägern betrieben, ist es rechtlich zu verselbständigen. (…) Während eine Theaterkooperation im Rahmen vertraglicher Vereinbarungen veränderbar ist und aufgekündigt werden kann, ist eine Theaterfusion auf Dauer angelegt und hat erhebliche organisatorische, personal- und finanzwirtschaftliche, technische und Imagekonsequenzen“.

Das zeigte sich an der Empfehlung zur Schaffung eines „gemeinsamen Balletts“: „In Verdichtungsräumen beschließen die Theaterträger statt eines eigenen ein gemeinsames Ballett zu unterhalten, um einerseits das künstlerische Niveau zu heben und andererseits Kosten zu sparen“. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen in verschiedenen Städten wurde die Vorgabe mit dem „Staatsballett Berlin“ realisiert, in dem die vormals eigenständigen Ballette der Deutschen Oper Berlin, Deutschen Staatsoper Berlin und Komischen Oper Berlin fusioniert wurden. 92 Tänzerinnen und Tänzer wurden auf diese Weise wegrationalisiert und drei eigenständige Tanzkompanien aufgelöst. Womit die These bewiesen wäre: Hinter den Fusionsvorschlägen verbirgt sich nur ein Kürzungskonzept.

Eine andere Sicht auf diese Problematik vertritt Patrick S. Föhl, freier Kulturberater, in einem Beitrag im Jahrbuch für Kulturpolitik 2010: „Kooperationen und Fusionen von öffentlichen Theatern – Entwicklung oder Abwicklung kultureller Infrastruktur?“[2] Er greift darin die Vorschläge zu Kooperationen und Fusionen von Theaterbetrieben erneut auf. „Das Kombinieren und Teilen von Wissen, Fähigkeiten und Ressourcen nimmt auch im Kulturbereich einen wachsenden Stellenwert ein. Gegenwärtig kommt kaum noch ein Beitrag zum Kulturmanagement oder zur Kulturpolitik ohne die Begriffe Kooperation und Governance – sowie mitunter auch der Fusion – aus“. Ein Ergebnis steht jedenfalls durch eine Umfrage erhärtet fest: „Fusionen werden nur durchgeführt, wenn keine andere Maßnahme mehr greift“. Zu den wichtigsten Strategien zählen danach „zweifelsohne verstärkte Kooperationen der Theater“. Selbst wenn mit Fusionen primär Einsparungen verfolgt werden, „so kommt durch Fusionen vieles in Bewegung und es bieten sich Möglichkeiten an, auch künstlerisch neue Wege zu gehen oder andere, lang vernachlässigte Baustellen anzugehen“. Immerhin wird zugestanden: „Das öffentliche Theater steht – wie dargestellt – vor einem Paradigmenwechsel, der ohne jeden Zweifel neue und große Herausforderungen an die Theaterschaffenden stellt“. Diese Kooperationen „bieten auch die Möglichkeit, wieder näher an die Gesamtgesellschaft heranzurücken. Hier sei zum Beispiel an die Zusammenarbeit mit Schulen ebenso gedacht, wie an verstärkte Kooperationen mit der freien Szene“.

Eine Zusammenarbeit mit den Schulen findet vielfach über die Theaterpädagogen statt. Dabei handelt es sich primär um Dispositionsfragen auf Seiten des Theaters und der Teilnahmebereitschaft auf Seiten der Schulleitungen. Anders aber ist die Lage, wenn eigenständige freie Gruppen in die festen Häuser integriert und mitfinanziert werden sollen. Am Mehrspartentheater liegen die Spielpläne in langfristigen Planungen fest. Hier, wie an den Sprechtheatern sind die Probenzeiten und –räume, ebenso die Vorstellungszeiten auf der Bühne ausdisponiert. Wie sollen solche Kooperationen rein organisatorisch in der täglichen Theaterarbeit bewerkstelligt werden? Hier geht es – ganz professionell – um den „Verlust von Identität und Autonomie“ auf beiden Seiten der Ensembles. Am Ende dieser Strukturdebatte über das Stadttheatersystem steht dann das „Bespielungstheater“.

An dieser Stelle treffen die Interessensphären der unterschiedlichen Diskurs-Parteien aufeinander. Die kulturelle Infrastruktur wird zum Paukboden, auf dem die Verteilungskämpfe ausgefochten werden. Was gerade vermieden werden sollte, die verschiedenen Kulturakteure gegeneinander auszuspielen, tritt jetzt ein. Den Staatstheatern und den Stadttheatern lastet man ihre historische Herkunft an, gleichgültig, welche Veränderungen sie durchgemacht haben – und welche „Herausforderungen“ noch auf sie zukommen. Sie werden dafür verantwortlich gemacht, dass den freien Gruppen immer weniger Mittel zur Verfügung gestellt werden. In Erwiderung dafür sollen sich die Häuser, die sie zuvor in begeistertem Freiheitswillen verlassen haben, wieder für sie öffnen. Die Parole lautet jetzt: „Wir brauchen Häuser, mit denen man kooperieren kann“.[3] Damit setzt sich die Bewegung fort, die sich bereits auf dem Bundeskongress freier Theater im Dezember 2010 in Stuttgart artikuliert hat.[4] Der in der Abwertung der „alten“ Theaterstrukturen mit Hilfe der „neuen“ Theoreme des Kulturmanagements der Boden bereitet werden soll.

Auch das 56. Loccumer Kulturpolitische Kolloquium, das die Evangelische Akademie in Zusammenarbeit mit der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. Bonn vom 25. bis 27. Februar 2011 veranstaltete, hatte „Die Zukunft der kulturellen Infrastruktur“ zum Thema.[5] Einem Gast aus der Schweiz, dem Direktor der Stiftung „Pro Helvetia“, Pius Knüsel, war es vorbehalten, den Befund des KGSt-Gutachtens von 1989 zu widerlegen, dass „der geniale Federstrich, der in der Haushaltskrise Millionen einspart nie erfunden“ werde: „Weniger ist mehr!“. Zitat: „Was wäre gefährdet, wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände?“. Bei der Einrichtung, die Herr Knüsel vertritt, ist „Kulturvermittlung Programm“! Unter Kulturvermittlung versteht die Stiftung Aktivitäten, die den Zugang zur Kultur erleichtern und Raum für die Auseinandersetzung zwischen Publikum und Kunst schaffen. Mit seinem Beitrag hat er zumindest Raum für Auseinandersetzungen zwischen den Kunstakteuren geschaffen. Hier wäre in der Tat „weniger“ mehr gewesen.

Wenn auf solche Weise die Theaterstrukturen reformiert werden sollen, um „Veränderungen“ und „Innovationen“ zu ermöglichen, dann fehlt es an grundlegendem Verständnis der praktischen Theaterarbeit. Der künstlerische Theaterbetrieb ist der Kernbereich der vielbeschworenen „Visionen“. Er muss nicht restrukturiert werden um Innovationen zu ermöglichen. Bei jeder Produktion handelt es sich schließlich um eine Neuschöpfung. Die kreativen Leistungen beruhen nicht auf „verkrusteten Strukturen“. Die an den Menschen gebundenen Kunstformen gehorchen eigenen Gesetzen. Die menschliche Stimme, die körperlichen Extremitäten, sie können nicht durch technische Mittel und Rationalisierungsmaßnahmen ersetzt, allenfalls verstärkt werden. Das sind die entscheidenden Charakteristiken, die den überzeitlichen Wert des Theaters ausmachen. Wenn schon Strukturreformen gefordert werden, dann muss die Kulturarbeit wieder aus der Schieflage befreit werden, in die sie durch fortdauernde Einsparungsmaßnahmen geraten ist.

Die kulturelle Infrastruktur ist nicht zum ersten Mal in eine bedrohliche Schieflage geraten. Sie ist abhängig von der Finanzlage der kommunalen und staatlichen Rechtsträger. Wenn der Deutsche Städtetag aus den aktuellen Finanzdaten einen „Neuen finanziellen Tiefpunkt für die Kommunen 2011“ abliest,[6] hat das zwangsläufig Rückwirkungen auf die kulturellen Institutionen. Die drakonischen Umwälzungen auf den Gebieten der Sozialpolitik und der Arbeitsmarktpolitik haben das Ihre dazu beigetragen, dass die Gemeindefinanzen aus dem Lot geraten sind. Die Kommission des Finanzministeriums zur Reform der Gemeindefinanzen tagt und tagt – ohne konkrete Ergebnisse vorzulegen. Endlich bewegt sich der Bund und entlastet die Kommunen im Sozialbereich künftig bei der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Ein „Lichtblick“ für die kommunalen Spitzenverbände zeichnet sich auch bei der Gewerbesteuer ab. Sie bildet nach wie vor die wichtigste Einnahmequelle der Städte und Gemeinden. Sie müssen wieder in die Lage versetzt werden, im Zusammenwirken mit den Ländern die kulturelle Infrastruktur zu stabilisieren, um auf diese Weise das fehlende Staatsziel „Kultur“ in der Verfassung zu konkretisieren.

Quellen:

[1] Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt): Gutachten Führung und Steuerung des Theaters, Köln 1989.

[2] Patric S. Föhl: Kooperationen und Fusionen von öffentlichen Theatern – Entwicklung oder Abwicklung kultureller Infrastruktur?, in: Jahrbuch für Kulturpolitik 2010, Bd. 10, Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., Essen 2010, (291-298).

[3] Veranstaltung von Radialsystem und Fonds Darstellende Künste am 13. März 2011 in Berlin: Bei Lichte besehen – Report darstellende Künste, Debatte zur Lage der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland. [1]

[4] Vgl. Hans Herdlein, Entsolidarisierung in Krisenzeiten [2], in: bühnengenossenschaft 1/2011, S. 6 f.

[5] Jörg Löwer: Konferenz-Bericht [3], S. 6 f.

[6] Deutscher Städtetag legt aktuelle Finanzdaten vor [4], Berlin, 14. Februar 2011.


Diese Inhalte sind der Website Buehnengenossenschaft: https://www.buehnengenossenschaft.de entnommen

URLs in diesem Beitrag:

[1] Bei Lichte besehen – Report darstellende Künste, Debatte zur Lage der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland.: http://www.radialsystem.de/rebrush/rs-programme-monatsuebersicht_neu.php?id_event_cluster=708916&language=de_DE

[2] Entsolidarisierung in Krisenzeiten: http://buehnengenossenschaft.de/leitartikel-januar-2011

[3] Konferenz-Bericht: http://buehnengenossenschaft.de/konferenzbericht-das-56-kulturpolitische-kolloquium-in-loccum-diskutierte-die-zukunft-der-kulturellen-infrastruktur

[4] Deutscher Städtetag legt aktuelle Finanzdaten vor: http://www.staedtetag.de/10/presseecke/pressedienst/artikel/2011/02/14/00767/index.html

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