Jörg Löwer Geschrieben am 3 August, 2012

Kulturstädteranking 2012: Stuttgart, Dresden, München TOP – Wuppertal, Duisburg, Gelsenkirchen FLOP

Nach einer Studie des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) ist Stuttgart Kulturmetropole Nummer eins in Deutschland. In der Studie wurde im Auftrag der Berenberg Bank das Kulturleben der 30 größten deutschen Städte untersucht. Dresden, München und Berlin folgen auf den Plätzen zwei, drei und vier. Hamburg landete auf Platz neun, während die früheren Industrie-Städte Gelsenkirchen, Duisburg und Wuppertal das Schlusslicht bilden.

Die Studie sieht kulturelle Attraktivität für Städte als einen wichtigen Wirtschaftsfaktor an, da Städte- und Kulturtourismus sich auf Wachstumskurs befindet. 20 % der deutschen Städtetouristen seien Kultururlauber –  mit zunehmender Tendenz.

Deutliche Unterschiede gibt es beim Anteil der Beschäftigten der Kulturwirtschaft an den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten insgesamt: In Stuttgart arbeiten 6,3 % aller Beschäftigten in der
Kulturwirtschaft, in Wuppertal sind es nur 1,6 %. Dies ist – aus gewerkschaftlicher Sicht – vor allem deshalb interessant, weil ein hoher Anteil sozialversicherungspflichtig beschäftigter Kulturschaffender tendenziell darauf schliessen lässt, dass in diesen Städten die existentielle Absicherung vergleichsweise gut ist und die Gefahr von Altersarmut vergleichsweise gering. Für Theaterschaffende bedeutet ein hoher Grad an Selbständigen (z. B.  „Künstlerdichte“ in Berlin mit 9,6 % Versicherten in der KSK pro 1.000 Einwohner im Vergleich zu 4,6 % in Stuttgart) in der Regel auch eine mangelhafte Existenzabsicherung und Altersvorsorge. In manchen Städten sind beide Werte sehr niedrig (Wuppertal: 1,6 % Beschäftigte der Kulturwirtschaft gemessen an der Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und 2,4 % KSK-Versicherte pro 1.000 Einwohner), was auf ein generell schlechteres Klima für Kulturschaffende schliessen lässt.

Interessant auch, dass man laut Studie in vielen kleineren und mittelgroßen Städten Deutschlands beispielsweise im Hinblick auf Kino- und Theaterplätze auf ein reichhaltiges Kulturangebot trifft. Deutschland ist also nicht nur ein Land der Metropolenkultur, sondern auch breit in der Fläche aufgestellt. Ein Umstand, der es verdient hat, bewahrt zu werden.

In der Präsentation des Instituts zur Studie heisst es:

Die Attraktivität und Vielfalt der Kulturlandschaft sind wichtige Aspekte der Lebensqualität. Gerade hochqualifizierte und kreative Menschen leben mit Vorliebe dort, wo es ein ansprechendes kulturelles Umfeld gibt. Auch für Touristen aus dem In- und Ausland ist das kulturelle Angebot in Städten ein wichtiges Kriterium für die Wahl eines Reiseziels. „Kulturelle Vielseitigkeit bestimmt nicht nur die Attraktivität einer Stadt, sie ist auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, denn Städte- und Kulturtourismus befinden sich auf Wachstumskurs“, sagt Dr. Hans-Walter Peters, Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Berenberg Bank. Darüber hinaus ist die Kulturwirtschaft ein expandierender Wirtschaftszweig und wichtiger Arbeitgeber in deutschen Städten. So nutzen einige Kommunen Investitionen in die Kulturinfrastruktur gezielt, um einem Strukturwandel anzustoßen.

Das Ranking
Das HWWI/Berenberg Kulturstädteranking greift die vielseitige Bedeutung des kulturellen Klimas für die Stadtentwicklung auf und vergleicht zahlreiche Aspekte der Kulturproduktion und -rezeption. Dabei bezieht sich die Kulturproduktion auf Elemente und Grundlagen, die für die Entstehung von Kunst und Kultur notwendig sind, wie etwa die kulturelle Infrastruktur mit Opernhäusern und Theatern, die kulturelle Bildung an Musik- und Kunsthochschulen oder die Anzahl der Beschäftigten in der Kulturwirtschaft. Die Kulturrezeption umfasst die Aufnahme des kulturellen Angebots durch die Bewohner und Besucher der Städte. Sie zeigt sich beispielsweise in den verkauften Theater- und Museumskarten. Dabei können den Auswertungen nur quantitative Aussagen entnommen werden. Über die qualitative Ausstattung beispielsweise von Theaterstätten oder die Bedeutung der Kunstsammlung eines Museums werden keine Aussagen getroffen. Für die Kulturproduktion und -rezeption wurden Indikatoren identifiziert, die als Standardabweichung in das Ranking einfließen und nicht weiter gewichtet werden.

Das Ergebnis
Der Städtevergleich zeigt deutliche Unterschiede bezüglich der Kulturlandschaft in den deutschen Städten. „Die meisten gut platzierten Städte weisen sowohl gute Bedingungen für die Kulturproduktion als auch für die Kulturrezeption auf. Hier hat die Kulturwirtschaft bereits eine hohe Bedeutung als Arbeitgeber gewonnen. Die kulturell attraktiven Städte weisen außerdem die höchsten Bevölkerungszuwächse auf, was ihre Potenziale für die Kulturproduktion und -rezeption weiter stärkt“, erklärt Dr. Silvia Stiller, Forschungsdirektorin beim HWWI.

„Stuttgart glänzt mit einer großen Zahl von Theaterplätzen, Investitionen in die Kultur- und Bibliothekslandschaft sowie mit Top-Platzierungen im Hinblick auf Theater- und Museumsbesucher“, begründet Stiller das gute Abschneiden der Schwabenmetropole. Kulturell vielseitige Städte ziehen Künstler an, das zeigt sich in der Hauptstadt Berlin, die mit 50.000 Beschäftigten in der Kulturwirtschaft und mehr als 33.000 Künstlern die höchste Künstlerdichte aufweist. Die zweitplatzierte Stadt Dresden punktet als „Museumsstadt“, weist viele Theaterbesucher auf und verfügt über eine große Anzahl an Beschäftigten in der Kulturwirtschaft. München erreicht sehr hohe Umsätze in der Kulturwirtschaft und schneidet auch bei der Anziehungskraft der Bibliotheken und Museen sehr gut ab. Mehr als 40.000 Menschen sind hier im kulturellen Bereich tätig, das sind 5,7 Prozent aller Beschäftigten in der bayerischen Hauptstadt.

Der Städtevergleich zeigt, dass nicht nur die größten deutschen Städte mit ihrem kulturellen Angebot glänzen und so attraktiv für ihre Bewohner sind. Auch mittelgroße Beamten- und Universitätsstädte wie Bonn (Rang 5), Münster (Rang 7) und Leipzig (Rang 12) sind hier gut platziert, was positiv im Hinblick auf ihre zukünftigen Entwicklungspotenziale zu bewerten ist. Vor allem beim Bevölkerungsanteil der Musikschüler und der Studierenden bei Musik- und Kunsthochschulen nimmt Münster den ersten Platz ein. „Generell ist die Kulturrezeption in den deutschen Städten dort am höchsten, wo die Arbeitskräfte ein überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau haben“, so Stiller.


Die Studie zum Download ist unter www.berenberg.de/publikationen erhältlich.

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