Jörg Löwer Geschrieben am 17 Juni, 2013

Kulturinfarkt des Grauens: Trier, Sachsen-Anhalt, Kairo, Griechenland

Ludwig BarnayNein, Professor Dieter Haselbach ist nicht an allem Schuld. Der Mit-Autor des Buches „Der Kulturinfarkt – Von allem zu viel und überall das Gleiche“ (wir berichteten u. a. in diversen Leitartikeln der bühnengenossenschaft) ist „nur“ als Gutachter vom Kulturdezernenten Thomas Egger beauftragt worden, ein Konzept vorzulegen, wie der Betriebskostenzuschuss für das Theater der Stadt Trier um eine Million Euro gekürzt werden kann. Herausgekommen sind fünf Szenarien mit unterschiedlich hohen Einsparpotentialen: alles wird optimiert, das Schauspiel-Ensemble wird durch Gastspiele ersetzt, Musiktheater/Tanz/Orchester werden durch Gastspiele ersetzt, Tanz + Musiktheater werden durch Gastspiele ersetzt oder das ganze Theater wird in ein Bespieltheater ohne eigenes Ensemble umgewandelt (nachzulesen auf volksfreund.de und auf 16vor.de in einem Interview mit dem Intendanten Gerhard Weber). Die Petition zum Erhalt des Theaters kann weiter gezeichnet werden (hier gehts zur Petition).

Nein, der Kulturkonvent in Sachsen-Anhalt ist nicht an allem Schuld. Der Kulturkonvent war nur schlicht überflüssig. Er war von der Landesregierung beauftragt worden, Empfehlungen zur künftigen Kulturentwicklung und Kulturförderung in Sachsen-Anhalt zu erarbeiten. Nach langem Arbeiten und vielen Sitzungen hat er die Erhöhung des Landeskulturetats von derzeit 85,2 Millionen Euro auf jährlich 100 Millionen plus Inflationsausgleich empfohlen. Diese Empfehlung mündet nun in einer Ankündigung der Landesregierung, die Förderung des Landes für die Theater und Orchester im Land bereits im kommenden Jahr um sieben Millionen Euro von derzeit 36 Millionen auf 29 Millionen Euro zu kürzen (nachzulesen auf mz-web.de).  In einem Bundesland wohlgemerkt, das sich auf seinen Internetseiten rühmt: „Sachsen-Anhalt besitzt ein außerordentlich reiches kulturelles Erbe. (…) Das Spektrum des Kulturlebens der Gegenwart reicht in Sachsen-Anhalt von interessanten Ausstellungen über literarische Veranstaltungen, Angebote der Breitenkultur bis hin zu sehenswerten Inszenierungen der Theater und eindrucksvollen Konzerten.“ Aha. In der Realität werden u. a. die Landesmittel für das Theater in Eisleben komplett gestrichen und in Dessau müssten nach Aussagen des Intendanten André Bücker kurzfristig das Orchester abgewickelt oder zwei Sparten geschlossen werden. Bei zahlreichen geltenden Haustarifverträgen im  Land wird allein die Zeitplanung der Landesregierung zur Makulatur.

Nein, deutsche PolitikerInnen sind nicht Schuld, wenn Kultur weltweit in Bedrängnis ist. In Kairo wurde Ines Abdel-Dayem, die Chefin der Kairoer Oper, vom neu ernannten Kulturminister der Muslimbrüder, Alaa Abdel-Aziz, gefeuert. Religiöse Hardliner fordern die Streichung von Ballettaufführungen aus dem Programm der Oper – die „Nacktheit“ darin sei unislamisch und die KünstlerInnen der Oper hätten lange nur die „freizügigsten und dekadentesten Künste“ aufgeführt (nachzulesen auf spiegel.de).

Und nein, deutsche PolitikerInnen sind auch nicht Schuld, wenn der griechische Staat aus vorgeschobenen Spargründen, die die eigenen Konzeptionslosigkeit kaschieren sollen, den staatlichen Hörfunk sowie das Fernsehen schließt. Zwar soll der Sendebetrieb nach einer Sanierung wieder aufgenommen werden, aber die jetzigen Musikensembles bleiben dabei wohl auf der Strecke (eine Petition gegen die Schließung des Senders kann hier gezeichnet werden, eine für den Erhalt der Musikensembles hier).

Was bleibt, ist hilflose Empörung. Wir beklagen durch Krieg, religiöse Fanatiker oder Staatsbankrott bedrohte Kultur in anderen Ländern und gleichzeitig wird eine einzigartige Theater- und Orchesterlandschaft in Deutschland in der Fläche zerstört, weil Minianteile im Etat eingespart werden können. Letztendlich sind die Gründe für Kulturkahlschlag aber egal. Wollen wir eine Gesellschaft funktionierender Kohlenstoffeinheiten sein oder mündige menschliche Wesen mit einer kulturellen Identität, die sich frei entfalten kann – unabhängig von Geld, religiöser Eiferei oder einem Leben in der Provinz?

Wieviele offensichtlich sinnlose Pressemitteilungen, Konvente und Kolloquien sollen denn gestartet werden? In unserer Demokratie hilft wohl nur noch ABWAHL.

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