Jörg Löwer Geschrieben am 21 Oktober, 2010

Krisenticker: Protest gegen die Schließung des Thalia Theaters Halle

Ludwig BarnayDie Protestwelle gegen die Schließung des Thalia Theaters Halle rollt. In einem Offenen Brief hat sich das Leipziger Centraltheater an die Oberbürgermeisterin der Stadt Halle/Saale, den Geschäftsführer sowie den Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle gewandt.

Der Text im Wortlaut:

Leipzig, 18. Oktober 2010

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Szabados,
sehr geehrter Herr Stiska,
sehr geehrte Aufsichtsratsmitglieder der TOO GmbH Halle,

das Thalia Theater Halle gehört zu den renommierten deutschen Kinder- und Jugendtheatern. Unter der Intendanz von Annegret Hahn hat sich das Haus einen Namen als innovative Spielstatt erworben, die auch abseits konventioneller Stadttheaterpfade nach künstlerischen und kommunikativen Mitteln sucht, jüngste und junge Zuschauer an die Bühne heran zu führen und das Interesse an Theater als zeitgemäßer und relevanter Ausdrucksform zu stärken.

Angesichts der grassierenden Kulturspardebatten, die gegenwärtig vor allem Hamburg, auch Leipzig erreicht haben, droht die Schließung des Thalia zu einer Art Kollateralschaden degradiert zu werden, der über seine lokale Bedeutung für die städtische Kultur hinaus keine öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen kann. Unser Befremden, unsere Bestürzung und unsere Wut über den Beschluss des Aufsichtsrats der Theater, Oper und Orchester GmbH kennt solche (Stadt-)Grenzen nicht. Sie werden noch durch den Umstand verstärkt, in welcher Art und Weise der Aufsichtsrat das Thalia zur Verfügungsmasse erklärt, die es zwischen ausstehenden Tarifvertragsgesprächen und Umverteilungen der Theaterangebote für Kinder und Jugendliche auf andere Sparten der GmbH abzuwickeln gilt.

Die Botschaft, die mit diesem Beschluss von Halle aus in Richtung junger Menschen ausgesandt wird, die sich in unterschiedlicher Funktion noch von der Leidenschaft Theater anstecken lassen, ist verheerend. Die Botschaft, die von Halle aus in Richtung junger Menschen ausgesandt wird, deren Leidenschaft Theater erst noch wecken will, ist weitaus verheerender, weil in ihren Folgen nicht absehbar.

Wie sollen nachrückende Generationen für die Arbeit und für das Zuschauen am Theater, schlicht für die Bedeutung von Theater sensibilisiert werden, wenn schon Kinder- und Jugendtheatern als eigenständiger Bühnenform keine Zukunft mehr gegeben wird? Niemand, der die manischen Rechenspiele nur für einen Moment beendet, kann sich der politischen und kulturellen Verantwortung entziehen, die eine solche Entscheidung dringend voraussetzt. Vermeintliche Sparbeschlüsse wie dieser sind die wahre Verschwendung – eine Verschwendung an innovativer kultureller Basisarbeit, wie sie das Thalia auf und abseits der Bühne leistet, hier vor allem in seinen Projekten mit Jugendlichen aus sozialen Randgruppen.

Wenn ausgerechnet diese Arbeit am Gemeinwesen, die keine Politik, keine Bank, kein öffentlich-rechtliches Fernsehen über Eigeninteressen hinaus mehr wahrzunehmen scheint, zu einem bloßen Restposten in den Kalkulationen der Städte verkommt, ist dies eine wortwörtliche Bankrotterklärung, die auf dem Rücken betroffener Häuser unterzeichnet wird. Dass es im Falle des Thalia darüber hinaus ein Kinder- und Jugendtheater treffen soll, ist ein Akt der Kulturentsorgung, der in seiner Perfidie nicht hinnehmbar ist.

Wir protestieren entschieden gegen den vom Aufsichtsrat der TOO GmbH Halle gefassten Beschluss zur Schließung des Thalia. Wir werden diesen Protest im Rahmen unseres Programms öffentlich machen – und das Thema damit über Halle hinaus öffentlich halten.

Wir fordern die Verantwortlichen der Stadt und des Aufsichtsrats, namentlich Frau Oberbürgermeisterin Szabados und Herrn Stiska, Geschäftsführer der GmbH, auf, die mit Datum vom 8. Oktober 2010 entschiedene Schließung des Thalia Theater Halle mit aller Entschlossenheit und offenem Visier abzuwenden.
Geben Sie Kindern, Jugendlichen und der sie fördernden Theaterarbeit endlich die Lobby, die sie in weiten Teilen unserer Landschaft nicht mehr zu haben scheinen!

Sebastian Hartmann, Intendant
Uwe Bautz, Chefdramaturg
Katrin Richter, Leiterin SPINNWERK

Der Dramatiker und ehemalige Hallenser Dirk Laucke hat auf nachtkritik.de einen Beitrag verfasst, in dem er sich erbost über die Vorgänge in Halle äußert. Hier der ganze Beitrag „Im Hallenser Sumpf“.

Alle aktuellen Entwicklungen kann man auf der von den Mitarbeiter/innen eingerichteten Protest-Website www.thalia21.de verfolgen.

Und hier ein Bericht von TV Halle, der bei YouTube online gestellt wurde:

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