Jörg Löwer Geschrieben am 28 März, 2011

Konferenzbericht: Das 56. Kulturpolitische Kolloquium in Loccum diskutierte die Zukunft der kulturellen Infrastruktur

Vom 25. bis 27. Februar 2011 fand in der Evangelischen Akademie Loccum das 56. Kulturpolitische Kolloquium statt. An diesen drei Tagen diskutierten Vertreter/innen aus Kulturmanagement, Kulturpolitik, Kulturverwaltung und Kulturverbänden über die Zukunft der kulturellen Infrastruktur. Kernthemen waren die Finanzierbarkeit und Struktur unserer kulturellen Einrichtungen unter sich verändernden Rahmenbedingungen. Die Finanznot der öffentlichen Haushalte, der demografische Wandel, die mangelnde kulturelle Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Schwachen, die veränderten Interessen von Jugendlichen, die Auswirkungen der Digitalisierung und die starke regionale Bevölkerungsabnahme – um nur einige zu nennen – wurden als Faktoren benannt, die sich auf die Entwicklung der kulturellen Infrastruktur auswirken. Das in den letzten Jahrzehnten gewachsene und vielfältiger gewordene kulturelle Angebot müsse angesichts der sich aus diesen Veränderungen ergebenden Anforderungen umgebaut werden. Neue Angebote könnten zukünftig nicht durch zusätzliche Zuwendungen finanziert werden. So die vorherrschende Meinung im Plenum.

Zur Einleitung des Kolloquiums waren zwei Thesenreferate im Programm angesetzt. Pius Knüsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“, bezog die Position „Weniger ist mehr. Raum für Entwicklung!“. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, sollte „Weniger geht nicht!“ dagegen setzen. Da sein Vortrag leider wegen Erkrankung ausfallen musste, zogen sich die von Pius Knüsel aufgestellten Thesen leitmotivisch ohne Gegenrede durch alle Diskussionen des Wochenendes. Laut Knüsel ist Kultur Wandel, der von der Kulturpolitik ermöglicht werden muss und nicht durch historisch bedingte und damit vergängliche Institutionen behindert werden darf. Er sieht eine „Selbststabilisierungskraft öffentlicher Einrichtungen“ und die europäische institutionalisierte Kultur als „in Stein gefügte für Macht stehende Einrichtungen“, die keinen Einfluss haben auf die „weltweite Zirkulation der Inhalte“ und will eine an Märkten und Produkten orientierte Denkweise etablieren.

Als Lösung präsentierte er radikale – und in Loccum kaum widersprochene – Vorschläge. Auch Vertreter der mitveranstaltenden Kulturpolitischen Gesellschaft sprachen angesichts von Finanznot und demografischem Wandel in ihren Beiträgen von einem nötigen Rückbau der kulturellen Infrastruktur. Pius Knüsel hält eine Umverteilung der Mittel für notwendig. In seinen Thesen fordert er die Abschaffung der Hälfte angeblich per se innovationshemmender Institutionen, was ohne Schädigung der abendländischen Kultur möglich sei. Die frei werdenden Mittel sollten für vier Zwecke verwendet werden:

  • die Stärkung der verbleibenden Institutionen zu Leuchttürmen der europäischen Kultur, denn nur diese hätten es verdient, betrieben zu werden;
  • die Finanzierung innovativer Projekte, neuer kultureller Ausdrucksformen wie Computerspielen oder Start-ups der Kulturindustrie und entsprechend nötiger Rahmenbedingungen;
  • die Stärkung von Projekten der Laienkultur zur Förderung von Integration und kultureller Bildung;
  • den Ausbau der Kunsthochschulen zu Produktionszentren, die in Verbindung mit am Markt operierenden Produzenten tatsächlich Produkte schaffen.

Zugespitzt formuliert: Er plädiert für eine Umwidmung eines großen Teils der institutionellen Förderung in Projektförderung, um seitens der Kulturpolitiker/innen schnell und flexibel auf gesellschaftliche und technische Entwicklungen reagieren zu können. Knüsel sieht darin die Chance auf Befähigung der kulturellen Infrastruktur zur künstlerischen und gesellschaftlichen Innovation.

Viel konkreter wurde es allerdings nicht. Die künstlerischen Neuerungen blieben vage und kamen über die Begriffe wie innovative Projekte, Internet und Computerspiele nicht hinaus. Vielleicht sollten die Beteiligten dem Beispiel von Eckhard Fuhr folgen, der sich für seine Reportage „Immer das Theater mit dem Theater“ für die Welt am Sonntag vom 27.02.2011 auf eine Reise durch Deutschland begeben hat und sich vor Ort die Theater in Freiburg, Chemnitz und Wuppertal genau angeschaut hat. Er konstatiert am Ende seiner Reportage:

(…) So sieht er also aus, der Spagat zwischen Musentempel und soziokulturellem Zentrum. In der Welt theatertheoretischer Diskurse mag er eine schwierige Dehnübung sein. In der Praxis wird aus dem Spagat ein Nebeneinander und Nacheinander. Neben der großen Oper gibt es das partizipatorische Experiment, auf den festlichen Abend im Musentempel folgt die soziokulturelle Recherche im Reich der bildungsfernen Schichten, das in Freiburg Haslach heißt und nur ganz entfernt an Neukölln erinnert. (…) Als nachhaltigster Eindruck bleibt der Aufbruchsgeist, der im deutschen Stadttheater herrscht. Im Hochfeuilleton stand „Stadttheater“ lange Zeit für Mittelmaß, Konventionalität, Verschlafenheit. Das hat sich gottlob geändert. 2004 schon wählten Kritiker im Auftrag der Zeitschrift „Opernwelt“ das deutsche Stadttheater insgesamt zum Opernhaus des Jahres in Würdigung des erstaunlichen künstlerischen Niveaus, das auch in der Provinz gepflegt wird. (…)

Das moderne Stadttheater entkräftet längst wohlfeile Vorurteile, die Institutionen generell Innovationsfähigkeit absprechen. Überall gibt es Projekte an den Theatern, die sich mit Fragen der Teilhabe, der Integration oder neuen Sehgewohnheiten beschäftigen. Diese Arbeit hängt nicht von einer bestimmten Förderstruktur ab, sondern von den jeweiligen Theaterschaffenden, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen oder eben nicht. Die Forderung nach einer Aufteilung in Leuchtturminstitutionen und Innovations-Projekte entsorgt die kulturelle Versorgung der Fläche zugunsten einer event-orientierten Metropolenkultur. Es ist doch vorhersehbar, dass die verbliebenen Institutionen nicht in der Provinz stehen werden. Auch die innovativen Sensationen wird man mit Sicherheit nicht in strukturschwachen Landesteilen präsentieren, zumal die geforderte Orientierung an Märkten und Produkten dies in der darstellenden Kunst gar nicht zuließe. Und es sei dahingestellt, ob junge Gesangsstudent/innen nicht schon am Ende ihrer Ausbildung mit geschädigter Stimme dastehen werden, weil sie kaum noch Raum haben, neben allen zu realisierenden Projekten ihr Instrument gründlich und behutsam auszubilden.

Der entscheidende Punkt aber, der während des gesamten Kolloquiums nicht zur Sprache kam, sind die Arbeitsbedingungen der in diesen „innovativen“ Strukturen Beschäftigten. Solange Projektarbeit für die Beteiligten heutzutage in der Regel prekäre Verdienstverhältnisse und sozialversicherungsrechtliche Benachteiligung als (Schein-)Selbstständige bedeutet, ist der Begriff „innovatives Projekt“ nur eine PR-technisch aufgewertete Umschreibung für Ausbeutung. Es müssten – schon heute nötige – Mindestbedingungen für Projektarbeit geschaffen werden, die u.a. folgende Probleme für Theaterschaffende lösen:

  • der Verdienst reicht in den meisten Fällen nicht aus, um ohne zusätzlichen Nebenjob der eigentlichen Arbeit nachzugehen;
  • selbstständige Darsteller/innen sind in der Regel nicht gegen Arbeitsunfälle abgesichert, da dies nur bei Angestellten automatisch über die Berufsgenossenschaften der Fall ist und der Veranstalter für die Kolleginnen und Kollegen aus Kostengründen keine Versicherung abschließt;
  • die Zusatzversorgung in der Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen wäre gefährdet, da die Basis wegbrechen würde; den selbstständigen Kolleginnen und Kollegen droht Altersarmut, da die Mehrheit nur eine äußerst mangelhafte Altersvorsorge zu betreiben in der Lage ist;
  • bei Insolvenz sind Angestellte durch das Recht auf Insolvenzgeld deutlich besser abgesichert;
  • bei Krankheit droht Selbstständigen der Absturz, da es keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt.

Ob Projektarbeiter/innen also neben ihren Brotjobs zur eigentlichen Finanzierung ihres Lebens noch die Kraft hätten, ungeahnte Innovationskunstsensationen zu produzieren, wäre ein Thema für das nächste Kolloquium in Loccum.

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