Jörg Rowohlt Geschrieben am 6. Oktober 2020

Kolumne Oktober 2020

FRAUEN | MÄNNER | GENDER PAY GAP | AUSBILDUNG

Kultur & Arbeitsrealität

Die Corona-Pandemie hat Probleme des Kulturbetriebs sichtbarer als zuvor gemacht und binnen Kurzem wirtschaftliche Problematiken in aller Drastik gezeigt. Bevor Veränderungen gefordert werden können, hilft aber ein Blick auf die zahlenmäßige Realität.

Aktuell von großem Interesse sind sicher die Selbstständigen im Kulturbereich, denen wir uns im letzten Heft gewidmet haben. Deren Untergruppe, die sogenannten Solo-Selbstständigen, können bis Ende des Jahres unter vereinfachten Bedingungen Grundsicherung erhalten. Als Corona-Folgen noch lange nicht absehbar waren, im Frühjahr 2018, haben Union und SPD in ihrer Koalitionsvereinbarung einen Bericht zur „sozialen und wirtschaftlichen Situation der Künstlerinnen, Künstler und Kreativen“ angekündigt. Der Deutsche Kulturrat, dem auch die GDBA angehört, hat diesen auf knapp 500 Seiten nun vorlegt: „Frauen und Männer im Kulturmarkt“. Wer Künstlerin oder Künstler ist und welche Kriterien dazu gelten, weiß (zum Glück) niemand, aber immerhin nennt das Statistische Bundesamt aktuell die Zahl von 1,3 Millionen Personen, die einem Beruf im Kulturbereich nachgehen. Das verdienstvolle Zahlenwerk des Kulturrats basiert denn auch auf Daten des Bundesamts sowie auf Zahlen der Bundes- agentur für Arbeit und der Künstlersozialkasse (KSK). In der Studie geht es um die Frage, welche Berufe zu den Kultur- und Medienberufen gezählt werden können, wie viele junge Menschen eine Ausbildung in einem Kultur- und Medienberuf absolvieren und wie viele sich in einem Studium für den Arbeitsmarkt Kultur qualifizieren. Weiter interessiert die Frage, wie viele Menschen in einem Kultur- oder Medienberuf als Angestellte tätig sind, was sie verdienen, wie viele in Teilzeit arbeiten und wie die Altersstruktur aussieht. In Einzeltabellen wird differenziert aufgelistet, dass es in den Bereichen Musik, Buch, Kunst, Film, Presse, Rundfunk, darstellende Kunst, Design, Architektur, Werbung und Game insgesamt 719 106 selbstständig Tätige gibt, von denen knapp die Hälfte sogenannte Mini-Selbstständige sind, die nicht mehr als 17 500 Euro im Jahr verdienen. Auffallend: In der Berufsgruppe Darstellende Kunst stieg die Zahl der KSK-Versicherten von 2013 bis 2019 um über 3500 an. Das könnte entweder zu Lasten der abhängig Beschäftigten gegangen sein oder bedeuten, dass zusätzliche Arbeitskräfte in den Markt drängen. In der Gruppe der Kultur- und Kreativwirtschaft stieg die Zahl der Kernerwerbstätigen – ohne geringfügig Beschäftigte und Mini-Selbstständige – von 2009 bis 2018 um fast 242.000 Personen. Dieser Anstieg ist auf ein Anwachsen der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten (223.000) und der Selbstständigen (19.000) zurückzuführen. Der Blick allein auf den engeren Bereich der darstellenden Kunst bringt einen Zuwachs von 13.800 Personen (8.700 abhängig Beschäftigte und 5.100 Selbstständige). Vorherrschend ist also die abhängige Beschäftigung, der Anteil der versicherungspflichtig Beschäftigten gegenüber Selbstständigen ist von 2009 bis 2018 gestiegen.

Pauschal gesagt, sind die Einkommen von Künstlerinnen und Künstlern eher bescheiden – wobei allerdings nach Tätigkeitsbereichen unterschieden werden muss. Und nicht nur danach, sondern auch nach Bundesländern. Künstlerinnen und Künstler in Berlin verdienen im Schnitt eher wenig, was vermutlich an deren verhältnismäßig großer Zahl in der Hauptstadt liegt. Der Deutsche Kulturrat hat dieser Tage Berufsanfängerinnen und -anfängern empfohlen, sich eine Karriere in der Kreativbranche genau zu überlegen. „Wer mit Unsicherheit schlecht leben kann, der sollte von einer freiberuflichen Tätigkeit in der Kreativbranche Abstand nehmen“, so Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann gegenüber der Deutschen Presse-Agentur in einer allerdings in Kulturkreisen auch umstrittenen Äußerung. Wer für Kultur brennt und die persönliche Berufung in diesem Bereich entdeckt, wird sich und sollte sich von einer solchen Aussage vielleicht auch nicht abschrecken lassen. Die Corona-Krise, so Zimmermann weiter, habe Freiberufler und Solo-Selbständige hart getroffen. Nur wenige seien vor Ausbruch der Pandemie in der Lage gewesen, finanzielle Rücklagen zu bilden. Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld hätten nicht gegriffen. „Viele sind daher auf die Grundsicherung angewiesen“, betonte Zimmermann. So übersteigt bei den sozialversicherungspflichtig tätigen Fachkräften aus der Theater-, Film- und Fernsehproduktion das durchschnittlich Bruttoeinkommen dasjenige der vergleichbaren Beschäftigten in anderen Bereichen. Bei Höherqualifizierten allerdings schwindet dieser Vorsprung wieder: Diese Gruppe verdient sogar weniger als vergleichbare Beschäftigte in anderen Bereichen. Die Studie macht insgesamt deutlich, dass die Arbeitsbedingungen für viele Kulturschaffende nach wie vor prekär sind. Dabei ist der Arbeitsmarkt Kultur, auch das wird aufgezeigt, längst kein Nischenmarkt mehr. Nur der Maschinenbau und der Fahrzeugbau leisten einen größeren Beitrag zur Bruttowertschöpfung. Bloß hat sich dieser Bedeutungszuwachs bisher nicht positiv auf zum Beispiel die Einkommen ausgewirkt, die im Durchschnitt weiterhin deutlich zu niedrig sind. Die Studie folgt der Bundesagentur für Arbeit und benennt grundlegend unterschiedliche Anforderungsniveaus: Zunächst die Fachkräfte, in in der Regel eine mindestens zweijährige Ausbildung absolviert haben, sodann Spezialistentätigkeiten mit komplexen Kompetenzanforderungen und einem maximal dreijährigen Hochschulstudium (Bachelor) und schließlich hochkomplexe Expertentätigkeiten mit mindestens vierjährigem Hochschulstudium (Master) – wobei im Kulturmarkt durchaus auch Platz für Quereinsteiger ist.

GENDER PAY GAP BLEIBT HOCH

Einkommensunterschiede gibt es der Studie zufolge nicht nur zwischen Anforderungsniveaus, Berufsgruppen oder Ländern: Nach wie vor zeigt sich auch ein massiver Gender Pay Gap. Frauen verdienen in nahezu sämtlichen Bereichen schlechter als Männer. Auch Ost und West machen nach wie vor einen Unterschied. Die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern hat sich demnach in den letzten Jahren nur geringfügig verändert. Überraschend kommt die Studie allerdings auch zum Ergebnis, dass in Schauspiel-, Tanz- und Bewegungskunst oberhalb des Fachkräfte-Niveaus der Gender Pay Gap in den Jahren 2015 bis 2018 lediglich zwischen 5 und 7 Prozent schwankt. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Damit läge er um ein Vielfaches unter dem Querschnitt der Theaterberufe. Auch die GDBA hatte 2018 anhand der Mitgliedsbeiträge eine Differenz der Bezahlung von Frauen und Männern nur im Bereich der Fehlertoleranz konstatieren können (Bühnengenossenschaft 12/18). Viel spricht dafür, dass in Bereichen, in denen Gewerkschaften tarifpolitisch aktiv sind, die Gender Pay Gap sinkt – was keineswegs bedeutet, das Problem sei nicht relevant oder gar zu vernachlässigen: Sämtliche Qualifizierungsebenen zusammengenommen und auch Film- und Fernsehproduktion berücksichtigt, ergibt sich laut Studie für die Jahre 2015 bis 2018 ein Gender Pay Gap zwischen 16 und 27 Prozent. Damit liegt der Kultur- und Kreativbereich deutlich über den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aller Bereiche insgesamt: Der Gender Pay Gap betrug dort zwischen 15 Prozent (2015) und 13 Prozent (2018).

Ob sich daran durch eine in den letzten Jahren verstärkt zu beobachtende Entwicklung etwas ändert, bleibt abzuwarten: Immer mehr Frauen studieren Fächer aus dem Bereich Darstellende Kunst. Gabriele Schulz, Hauptautorin der Studie und stellvertretende Kulturrats-Geschäftsführerin, zieht daraus den Schluss: „Kultur ist weiblich!“ Der Frauenanteil in den einschlägigen Wirtschaftszweigen beträgt zwar um die 50 Prozent – über die weibliche Repräsentanz in Führungsfunktionen ist damit allerdings nichts gesagt. Trotz aller Probleme gibt es nach wie vor einen deutlichen Überhang bei Bewerberinnen und Bewerbern gegenüber den zur Verfügung stehenden Ausbildungsmöglichkeiten: Nur wenige Aspiranten bekommen tatsächlich einen Studienplatz. Die Hochschulen nehmen bewusst nur eine geringe Zahl an Schauspielstudierenden auf, um den individuellen Unterricht, das Erarbeiten von Rollen sowie der künstlerischen Persönlichkeit zu ermöglichen. Ebenso haben die Hochschulen den Arbeitsmarkt für Schauspielerinnen und Schauspieler im Blick und wollen nicht deutlich mehr Studierende ausbilden, als tatsächlich Chancen haben, sich auf dem Markt zu platzieren. Kritisch wird von der Ständigen Konferenz Schauspielausbildung, von der ZAV Künstlervermittlung und Berufsverbänden die Ausbildung an privaten Einrichtungen der Schauspielausbildung gesehen. Neben seriösen Anbietern, die neben den staatlichen Schauspielhochschulen eine fundierte Ausbildung anbieten, gibt es angesichts der großen Nachfrage an Ausbildungsplätzen auch eine Reihe von privaten Anbietern, die den Anforderungen nach einer fachlich fundierten und breiten Ausbildung nicht gerecht werden. Der Kulturrat hat deswegen schon im Dezember 2018 strengere Qualitätskontrollen gefordert. An Attraktivität haben Berufe im Kultur- und Kreativbereich ganz offensichtlich nicht eingebüßt – die Gesellschaft sollte Künstlerinnen und Künstlern hohen Respekt für eine Karriere zollen, die mit viel Eigenverantwortung und Unsicherheit verbunden ist. Nicht vergessen werden sollten dabei diejenigen, die hinter den Kulissen wirken, die Kunst erst ermöglichen, die vermitteln, die verbreiten.

EINKOMMEN SIND ZU NIEDRIG

Ein genauerer Blick lohnt auch auf die Altersstruktur der im Kulturmarkt Beschäftigten. 31 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den Bereichen Theater-, Film- und Fernsehproduktion fallen in die Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren, 46 Prozent sind zwischen 35 und 54 Jahren alt, 13 Prozent über 55 Jahre. Verglichen mit den Beschäftigten in der Gesamtbevölkerung ergibt sich für die Älteren eine unterdurchschnittliche Repräsentanz: Insgesamt sind dort 21 Prozent der Beschäftigten über 55 Jahre alt.
Die soziale Lage von Beschäftigten im Kulturbereich, das wird bei Lektüre der Studie deutlich, ist an vielen Stellen unbefriedigend. Besonders deutlich wird das bei den Selbstständigen, die schon vor der Corona-Pandemie in zu vielen Fällen mit einer prekären Einkommenssituation konfrontiert waren und deren Situation sich jetzt nochmals verschärft hat. Die öffentlichen Arbeitgeber können einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung leisten, in dem sie angemessene Gehälter, Löhne und Honorare zahlen. Auch die Einbindung der Selbstständigen in die Renten- und Arbeitslosenversicherung sowie die wiederholte Forderung nach einem Staatsziel Kultur gehören dazu – ebenso wie starke Gewerkschaften.

Gabriele Schulz, Olaf Zimmermann: „Frauen und Männer im Kulturmarkt. Bericht zur wirtschaftlichen und sozialen Lage“, 510 Seiten, 24,80 Euro

Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken