Jörg Rowohlt Geschrieben am 1 Oktober, 2019

Kolumne Oktober 2019

NACHHALTIGKEIT AM THEATER

Kultur & Klima

Wie nachhaltig können Theater produzieren? Welche Möglichkeiten existieren, den CO2 -Ausstoß zu verringern? Und was bedeutet das für die Beschäftigten? Dabei sind einfache Antworten kaum möglich und mancher Vorwurf schlicht falsch. Die kulturelle Dimension der Nachhaltigkeit ist längst erkannt.
In der Zeit vom 1. August hat der Kulturkritiker Hanno Rauterberg schweres Geschütz aufgefahren: „Die Kulturwelt produziert einen ökologischen Fußabdruck, der ähnlich maßlos ist wie der Geltungsdrang der Branche.“ Künstlerinnen und Künstler diskutierten, so der Vorwurf, kaum über ihre eigenen Möglichkeiten zur Ressourcen-Schonung, obwohl sie gleichzeitig ständig mit dem Klimawandel beschäftigt seien – ein eklatantes Beispiel für Doppelmoral: „Je moralisierender das Pathos der Kunst, desto schwächer die Bereitschaft zur Selbstkritik.“ Das Dilemma sei, so Rauterberg etwas differenzierter, ob sich Künstlerinnen und Künstler die ihnen innewohnende Weltneugier noch weiter leisten könnten. Darüber lohnt es sich in der Tat nachzudenken, was vielerorts auch geschieht. Nur ist das bei den Theaterleuten nicht so neu, wie die Klima-Debatten dieser Monate oder der Feuilleton-Aufmacher der Zeit glauben lassen könnten: Schon 2015, vor vier Jahren, starteten die Kulturstiftung des Bundes und das Internationale Theaterinstitut Zentrum Deutschland ein Projekt zur ökologischen Nachhaltigkeit mit mehreren Workshops. Und der weltweit gefeierte er französische Choreograf Jérôme Bel wollte bereits 2007 ein Zeichen setzen, in dem er erklärtermaßen auf das Fliegen verzichtete. Noch länger dauert der Verzicht bereits bei dem deutsch-britischen Künstler und Choreograf Tino Sehgal: Beides waren zwar nur symbolische Einzelfälle, aber sie haben eine Debatte zusätzlich befeuert, die damals eigentlich schon im Gang war.

KEINE EINFACHEN ANTWORTEN
Theaterleute galten lange als fahrendes Volk – aber auch in Zeiten ortsfester Stadt- und Staatstheater sind Künstlerinnen und Künstler berufsbedingt noch immer viel unterwegs. Fragt sich, ob das auch so bleiben kann: Wie schaut es in Zeiten der Klimadebatte und Erderhitzung mit der Mobilität aus? Das ist abseits möglicher aber nicht wirklich notwendiger Polemik eine von vielen offenen Fragen. Einerseits leisten etwa Stadttheater mit ihrer direkten Anbindung an ein meist lokales oder regionales Publikum einen signifikanten Beitrag zu weniger klimaschädlichem Streckenverbrauch. Anderseits: Was macht der gastierende Theatermensch, wenn zwischen morgendlicher Probe am einen Haus und der Vorstellung am Abend am anderen Haus mehrere hundert Kilometer liegen, die sich in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht mit Bahn oder Bus bewältigen lassen? Und muss die schließlich erreichte Vorstellung in einem überdimensionierten Ressourcen verschwendenden Bühnenbild stattfinden?
Muss wirklich je noch so elaborierte Spielzeitheft-Idee in diesem Umfang umgesetzt und in solcher Menge gedruckt werden? Was ist mit Tourneen, die quer durch die Republik führen? Reicht es aus, wenn der Deutsche Kulturrat die „Fridays-for-Future“-Demos unterstützt? Gibt es nicht vielmehr einen Zielkonflikt, wenn die UNESCO mit ihrer Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen die „Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden steigern“ will – ist diese Mobilität nicht zugleich klimaschädlich und womöglich auch ein Widerspruch zu den UN-Nachhaltigkeitszielen?

BEWUSSTSEIN IMMER WEITER STÄRKEN
Längst gibt es Beispiele, die zeigen, dass das Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei Theaterschaffenden zwar einen größeren Stellenwert bekommt. Schon seit Jahren kommt der Klimawandel auf deutschsprachigen Bühnen vor – was aber nicht heißt, dass nicht noch Luft nach oben wäre. Erderwärmung hat noch längst nicht den gleichen Stellenwert wie Flucht, Migration oder die Bedeutung von Demokratie, zu denen sich die allermeisten Theater deutlich positioniert haben. Dabei könnten die Bühnen auch hier zum Platzen gesellschaftlicher Blasen beitragen und Wandel befördern. Wie auch bei anderen Themen, führen solche Echokammern mehr und mehr zu einer Ghettoisierung von Milieus und Menschen – ein Effekt, der inzwischen nicht mehr nur in der digitalen Welt zu beobachten ist: Gesellschaftliche „Fronten“ verhärten sich. Mit gefährlichen Nebenwirkungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt entstehen Polarisierungen. Einzelaussagen werden aus dem Zusammenhang gerissen und in „rechte“ oder „linke“ Schubladen sortiert.
Der Deutsche Kulturrat, dem die GDBA angehört, hofft, Kunst und Kultur könnten solche Spaltungen kitten: Das Theater sei geradezu „prädestiniert“ für diese Veränderungsprozesse, auch hier gehe es darum, Neues zu wagen, Grenzen zu überschreiten und das Unbekannte zu erkunden: „Kunst und Kultur verkörpern eine Haltung und liefern den Raum, in dem Bilder und Symbole der Nachhaltigkeit entstehen können. Sie fördern die Fähigkeit zum Perspektivwechsel und zur Empathie.“ Sie stärkten darüber hinaus unmittelbar zugangsoffene und teilhabegerechte nachhaltige Entwicklungen, indem sie zu Veränderungsprozessen beitrügen.
In eine ähnliche Richtung zielt auch Günther Bachmann, der dem Nachhaltigkeitsrat der Bundesregierung vorsteht und vor „Denkblockaden und Lobby-Gewohnheiten“ warnt: „Das Neue wird verdeckt, wo betriebswirtschaftliche Rechnungen immer noch elegant über die tatsächlich bestehenden sozialen und ökologischen Kosten hinwegsehen dürfen. Noch dominiert die stillschweigende Verwegenheit der Normalität. Sie macht das ländliche Insektensterben zwar zu einer Schlagzeile, spült sie aber im nächsten Augenblick in Vergessenheit.“

VOM VERFERTIGEN DER NACHHALTIGKEIT BEIM REDEN
So wenig Politik und Gesellschaft bis dato klare und konsensfähige Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels gefunden haben, so sehr können Kulturinstitutionen mit ihren unterschiedlichen Möglichkeiten ein Beispiel geben – siehe oben. Und sie sollten auch mehr darüber reden, was sie konkret tun. Mancherorts ist das schon der Fall: Das Schauspielhaus Hamburg war eines der ersten Häuser, das Ökostrom bezog; immer mehr Festivals erfassen ihre CO2-Bilanz. Beispiel für Transparenz könnte Schweden sein: Dort ist für Staatsbetriebe schon seit 2008 die jährliche Berichterstattung zu ökomischen, ökologischen und sozialen Aspekten Pflicht. So veröffentlichen unter anderen das Königliche Dramatische Theater und die Königlich Schwedische Nationaloper auch Zahlen zu Energie- und Materialverbrauch, Abfallaufkommen und CO2-Emissionen. Damit es nicht bei Erfassung und Berichten bleibt, kann auch klein angefangen werden: Können die Mikrofon-Ports nicht sinnvoller Weise mit Akkus ausgestattet werden statt wöchentlich Batterien zu entsorgen? Nur würde das Neuanschaffungen voraussetzen, die im Zweifel die Rechtsträger bezahlen müssten. Kann die Logistik nicht einfacher und umweltfreundlicher organisiert werden? Welchen ökologischen Fußabdruck hinterlässt die Mobilität der Theaterbeschäftigten? Wie sieht die Umweltbilanz des Theatergebäudes aus und lässt sie sich womöglich verbessern? Das Vermeiden von CO2-Emissionen geht in vielen Fällen einher mit eingesparten Kosten, was Umweltmaßnahmen doppelt interessant macht. Annett Baumast, langjährige Referentin für Nachhaltigkeit der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft (DTHG), plädiert dafür, Verantwortlichkeiten klar zu definieren und personelle Ressourcen für das Vorhaben einzuplanen. Nachhaltigkeit lasse sich nicht „nebenbei“ etablieren: „Von höchster Wichtigkeit ist nicht nur die Unterstützung durch die Leitung, sondern auch deren Vorbildfunktion im Hinblick auf nachhaltiges Handeln.“ Von einer CO2-Lenkungsabgabe, mit der sich klimaintensive Produkte und Prozesse verteuern würden, verspricht sich die Expertin beim Theater Umstiege auf andere Materialien beim Bau von Bühnenbildern oder in der Herstellung von Kostümen – wobei hier, sagen Fachleute, nur ein eher kleiner Teil der der Initiativen für Nachhaltigkeit zu sehen ist. Die DTHG empfiehlt schon seit 2001 die Verwendung von Holz aus nachhaltigem Anbau beim Dekorationsbau. Wiederverwendbare Bühnensysteme, so berichtetet der Vorstandsvorsitzende der DTHG, Wesko Rohde, würden bereits seit den 1990er-Jahren fast flächendeckend eingesetzt. Im Grundbau der Bühnenbilder könnten so Holz und Stahl eingespart werden. Theater, so Rohde, seien „traditionell nachhaltig wirtschaftende Betriebe“. Die Wiederverwendung von Dekorationen sei beinahe selbstverständlich: „Ein gut gepflegter Fundus ist die beste Methode nachhaltig zu arbeiten. Das betrifft Dekobau, Kostüm und Möbel gleichermaßen.“ Mit modernen Technologien sieht Rohde den CO2-neutralen Theaterbau in „greifbarer Nähe“.

VON HAUS ZU HAUS – AGENDA FÜR NACHHALTIGKEIT
Die Theatergebäude – gern auch energetisch sinnvoll saniert – sind aber nur das eine: Die Beschäftigten auf jeder Ebene müssen das ihre beitragen. Letztlich werden sich dabei Fragestellungen nicht umgehen lassen, von denen einige als Zumutung empfunden werden könnten. Eine theatereigene Nachhaltigkeits-Agenda kann unter Umständen hilfreich sein. Was darin aufgeschrieben wird, dürfte sich von Haus zu Haus unterscheiden.
Einigermaßen zentral auf der Liste dürfte zu finden sein, dass Entfernungen unterhalb einer festzulegenden Grenze (zum Beispiel 800 km) nicht mehr mit dem Flugzeug zurück gelegt werden – was natürlich zusätzliche Belastungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet. Gastspiele würden schon wegen des erhöhten Zeitbedarfs mit einer solchen Verabredung nicht einfacher. Bleiben internationale oder interkontinentale Gastspiele möglich? Oder führt mehr Klimaschutz am Ende ungewollt zu mehr Eurozentrismus oder gar Nationalismus?
Würde man sich – anderer Punkt – etwa darauf verständigen, weniger teure und aufwändige Programm- und Spielzeithefte auf Papier zu drucken, bliebe offen, was mit Sponsoren-Anzeigen passiert.
Auf der Leitungsebene sollten weniger Gastverträge unterschrieben werden, weil damit meist individuell in jeder Beziehung höhere Fahrtkosten verbunden sind: Festengagements sind gut fürs Klima! Auch Fusionstheater mit langen Wegen zwischen den einzelnen Häusern sind kein Beitrag zu ökologischem Verhalten. Hier sind die Rechtsträger gefragt, solche Vorhaben auch in Zeiten einer womöglich schwächelnden Konjunktur gar nichts erst zu denken.
Regisseure müssen bewusster inszenieren – ist ein Bühnenbild mit vielen Tonnen Wasser, das noch dazu untrennbar mit Plastik verunreinigt wird, wirklich notwendig? Der potenzielle Konflikt zwischen Kunstfreiheit und ökologischem Fußabdruck muss gerade jetzt zwischen allen Beteiligten diskutiert werden. Das ist eine Frage kultureller und ökologischer Nachhaltigkeit.

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